Die Prinzessin machte Ausfahrten, auf welchen sie oft längere Zeit fort blieb, ja sie gefiel sich auch in Spaziergängen durch den Park und Wald: warum, sagte er sich, sollte es ihr nicht vielleicht auch gefallen, dem Prinzen nachzuahmen und ihre Liebe unter dem Schleier eines tiefen Geheimnisses zu genießen. Forderte sie ihr Gemahl nicht dazu heraus und zeigte ihr die geeigneten Wege zur Erreichung ihrer Wünsche.

Dieser Gedanke gewann bei weiterem Erwägen immer mehr Bedeutung für ihn und erzeugte den Entschluß, Sidoniens Ausfahrten und Spaziergänge fortan im Geheimen zu beobachten. Er glaubte hierauf seinen ganzen Fleiß verwenden zu müssen, von der Ueberzeugung erfüllt, daß, wenn Sidoniens Begünstigter sich wirklich in ihrer nächsten Nähe befand, dies auch ohne sein Zuthun von Seiten der weiblichen Späher am Hofe bald entdeckt und ihm daher schnell bekannt werden würde.

Dafür bürgte ihm schon die Klugheit und der Scharfblick seiner Mutter.

So legte sich um die nichts Uebles fürchtende Prinzessin ein Gewebe von Intriguen, dem sie um so leichter zum Opfer fallen konnte, da sie weit entfernt war, das große, für ihre Person und ihr Verhalten gehegte Interesse zu ahnen. Diese Gefahr mußte um so bedeutsamer im Hinblick auf ihre Liebe genannt werden, indem diese sie leicht verleiten konnte, irgend welche Schwächen zu zeigen und sich dadurch zu verrathen. Wie leicht verräth sich das von Liebe erfüllte Herz, und ein unvorsichtiger Blick, ein Wort genügt dem Spähenden schon, dem Befangenen immer wirksamere Fallstricke zu legen.

Die winterliche Jahreszeit beschränkte allerdings sowol Mühlfels’ beabsichtigte Thätigkeit, als diejenige aller Uebrigen, dagegen war sie auch wiederum sehr geeignet, die Personen in einem engeren Kreise zusammen zu führen und dadurch Gelegenheit zum Beobachten zu bieten.

Ahnte, wie wir bereits bemerkt haben, Sidonie nicht das Geringste von den ihr drohenden Gefahren und war dieser Umstand sehr geeignet, sie in ihrem Verhalten gegen den Grafen weniger vorsichtig zu machen und dem Zuge ihres Herzens zu folgen, so übte hierauf noch ein anderer Umstand einen sehr wichtigen Einfluß aus.

Außer in ihren Gesellschaften sah Sidonie den Grafen noch ein- bis zweimal in der Woche im Theater, woselbst sie zugleich nicht eben selten die Gelegenheit fand, in den Zwischenacten sich mit dem Geliebten zu unterhalten. Ihr Bruder führte ihr diesen anfangs zu; später suchte der Graf die Prinzessin auch allein auf.

Diese Besuche konnten um so weniger als besonders betrachtet werden, da auch andere Personen gleich ihm Sidonien dergleichen abstatteten und dies ohnehin eine herkömmliche Sitte war. Römer unterließ die Beobachtung dieser Sitte um so weniger, weil er sich dadurch einige glückliche Augenblicke verschaffte, dann aber auch weil das Gegentheil aufgefallen wäre. Sein näherer Umgang mit der Prinzessin war längst allgemein bekannt geworden, und er erachtete es daher für klug, sein Interesse für sie offen zu zeigen.

Denn es darf nicht verschwiegen werden, daß Sidonie den Grafen auch außer in ihren Gesellschaften noch bei sich sah, bisweilen in der Begleitung ihres Bruders, oft auch ohne dieselbe. Das konnte nicht unbekannt bleiben. Jene Besuche freilich, bei welchen sie ihn in dem Blumenzimmer nur im Beisein Aureliens empfing, blieben der Welt ein Geheimniß. Es waren das für die Liebenden die süßesten Stunden, ihnen leider stets zu kurz zugemessen, um ihr liebendes Herz ganz zu befriedigen. Aber die Verhältnisse gestatteten denselben keine längere Dauer, und mit stillem Dank genossen sie die ihnen von dem Geschick so freundlich gewährte Gabe.

Diese Zusammenkünfte wurden dadurch ermöglicht, daß der Graf wie früher Aurelien besuchte und es daher den Schein gewann, als käme er zu ihr. Da in dieser Beziehung von allen Seiten eine große Vorsicht beobachtet wurde, so gelang es ihnen, die zu fürchtende Dienerschaft zu täuschen, welche in diesen Besuchen lediglich ein Interesse des Grafen für die Hofdame sah.