Sie erreichten die Stadt und die Reitbahn und gelangten bei dem daselbst herrschenden Gedränge unbeachtet in ihre Loge; wie sehr erschrak jedoch Madame Voisin, als Mariane vor dem Betreten derselben Mantel und Hut ablegte und vor ihr in dem früher bezeichneten prachtvollen Anzug dastand. Sie wollte zurückkehren; ihre Vorstellungen waren jedoch fruchtlos, und eben so wenig vermochte sie Mariane zum Anlegen des Mantels zu bewegen. Diese beharrte auf ihrem Willen, und so war die Dame genöthigt, sich, wenngleich seufzend und mit besorgtem Herzen, in das Unabänderliche zu fügen. Um ihre Angst noch zu mehren, lauteten die Billets überdies auf Vorderplätze, ein nur zu sehr geeigneter Umstand, Mariane den Blicken der Zuschauer preisgegeben zu sehen. Niemand von ihnen hatte daran gedacht. Ohne jede Verlegenheit nahm Mariane ihren Platz ein, während Madame Voisin es vorzog, sich im Hintergrunde zu halten und ihren Platz Anderen überließ. Sie hatte längst erkannt, von dem Mädchen überlistet worden zu sein, und war jetzt nur noch bedacht, so wenig als möglich Aufsehen zu erregen.

Wir haben das Weitere erfahren und fügen nur noch hinzu, daß Mariane keine Ahnung von dem auf Sidonie und die Zuschauer erzeugten Eindruck hatte; eben so wenig gerieth sie auf die Vermuthung, erkannt zu sein.

Viel zu unerfahren, um sich eine richtige Vorstellung von den Lebensverhältnissen in der Residenz machen zu können, zu angenehm von dem Glanz der Räume, der Schönheit der Vorstellung und der bewegten prunkvollen Menge berührt, genoß sie unbefangen die sich ihr darbietende Lust mit vollen Zügen, nicht wenig stolz über die ihr gezollte Aufmerksamkeit und in dem schmeichelnden Bewußtsein, nicht übler, ja vielleicht noch besser und schöner, als alle die anwesenden Damen zu sein.

Ueberaus beglückt kehrte sie mit ihrer Begleiterin heim und vermochte die Besorgniß derselben und deren Vorwürfe, sie in solcher Weise getäuscht zu haben, nicht zu begreifen.

Sie fand das Alles mit Lachen und Scherzen ab, und that dies auch, als Madame Voisin sie an die übeln Folgen erinnerte, die für sie, würde dem Prinzen ihr Besuch bekannt, entstehen müßten.

»Fürchten Sie nichts, meine gute Voisin; ich kenne meinen Prinzen; er wird sich, falls er wirklich etwas erfahren sollte, schon versöhnen lassen. Das Geschehene ist doch nicht mehr zu ändern? Und was liegt denn auch Uebles darin? Muß er sich nicht freuen, daß ich den Leuten gefallen habe? O, ich weiß, er giebt etwas auf meine Schönheit; er hat es mir ja oft genug gesagt. Und damit lassen Sie es genug sein. Ist der Prinz über den Besuch böse, so mag er es sein; er wird bald wieder gut werden.«

Also plauderte das leichtsinnige Mädchen, unbekümmert und froh, nur in ihrem Genuß schwelgend.

Es verstand sich von selbst, daß Madame Voisin in ihrem eigenen Interesse dafür sorgte, dem Prinzen den Besuch zu verheimlichen; sie hoffte diesen Zweck auch zu erreichen, da sie der Dienerschaft hierüber das strengste Schweigen auferlegt hatte und von deren Gehorsam durchaus überzeugt war. Der Prinz war genöthigt, mehre Tage das Bett zu hüten, und sandte fast täglich durch Henri zärtliche Billets an Mariane, in welchen er seine Sehnsucht nach ihr aussprach, und das Mädchen war keck genug, den Prinzen an einem dunkeln Abend mit Hilfe des Dieners und einer allerliebsten Männertracht in seinem Palais zu überraschen. Der Prinz war über diesen Beweis ihrer Liebe entzückt, noch mehr fast über die kecke Art, mit welcher sie ihm eine Freude zu bereiten bedacht war. Dergleichen war ganz nach seinem Geschmack, und würde er Mariane nicht schon überaus geliebt haben, so hätte ihr Handeln diese Wirkung jedenfalls hervorgerufen. Wie sehr sie gegen sein Verbot gehandelt hatte, erfuhr er nicht; denn Niemand, selbst Mühlfels, der ihn während seiner Krankheit täglich besuchte, wagte es, ihn damit bekannt zu machen. Von der Gewißheit erfüllt, daß dem Fürsten Marianens Besuch nicht verrathen worden war, erachtete man es für besser, das Geschehene mit Stillschweigen zu übergehen und abzuwarten, ob Sidonie vielleicht irgend etwas in dieser Angelegenheit that. Man nahm dies jedoch nicht an, da ihre Gleichgiltigkeit gegen den Prinzen bekannt war. Freilich verrieth ihr plötzliches Entfernen unter dem Vorgeben von Unwohlsein, daß sie durch den Vorfall tief verletzt worden sei, dieser Umstand schloß jedoch nicht die Voraussetzung in sich, sie würde sich darum auch Genugthuung verschaffen wollen.

Hatte sie sich doch schon so Vieles von dem Prinzen gefallen lassen; was konnte es ihr daher auf diese Bagatelle ankommen. Für ihre Ruhe war es sogar besser, wenn sie die Sache gehen ließ.

So meinten die klugen und von der Moral nicht geplagten Hofleute, ohne zu ahnen, wie bald sie zur Einsicht ihrer Täuschung geführt werden sollten.