Wir haben früher erfahren, daß ihr geheimes Dichten und Trachten darauf gerichtet war, sich persönlich zu überzeugen, ob sie wol, wie der Prinz gesagt, durch ihre Schönheit und prächtige Kleidung die Damen des Hofes verdunkeln würde. Dazu bot sich jedoch keine Gelegenheit dar, da der Prinz ihr den Besuch aller der Orte verboten hatte, an welchen der Hof erschien. Sie war untröstlich darüber und bereits entschlossen, gegen das erhaltene Verbot zu handeln. Ihre Eitelkeit prickelte sie unablässig, und nur von dieser bestimmt, fiel es ihr nicht ein, die Folgen zu erwägen, die ein solcher Besuch, namentlich in einer kostbaren und auffallenden Kleidung nach sich ziehen mußte. Da vernahm sie die Nachricht von der bevorstehenden Festlichkeit, die man ihr zugleich in so verlockender Weise schilderte, daß das Verlangen, derselben beizuwohnen, sich bis zur Leidenschaft steigerte. Das Schauspiel würde alle ihre Wünsche befriedigt haben, denn nicht nur fand sie bei demselben die Gelegenheit, den ganzen Hof und die höchsten Adelspersonen zu sehen, sondern sie konnte dabei auch zugleich das kaum mehr beherrschte Verlangen, in ihrer prächtigen Kleidung den gewünschten Vergleich anzustellen, erfüllen. Und wie groß mußte überdies das durch das Schauspiel gebotene Vergnügen sein, von welcher Pracht und Schönheit sich ihre lebhafte Phantasie die ausschweifendsten Vorstellungen machte.

Seitdem sie die erste Kenntniß von dem Schauspiel erhalten hatte, befand sie sich in einer unaufhörlichen Unruhe, lediglich darauf sinnend, ob es ihr nicht gelingen dürfte, das erstere besuchen zu können.

Vor allen Dingen bemühte sie sich jedoch, den Prinzen für ihren Wunsch zu gewinnen; dieser jedoch lehnte ihre Bitte mit dem entschiedenen Bemerken ab, daß sie aus den angegebenen Gründen auf den Besuch durchaus verzichten müßte. Er sprach zugleich sein Bedauern darüber aus, erklärte aber auch, sich den Verhältnissen fügen zu müssen. Marianens weitere Vorstellungen blieben gleichfalls fruchtlos, wodurch ihr ganzer Unmuth erregt wurde.

Sie besaß jedoch bereits hinreichende Verstellungskunst, um dem Prinzen ihre Empfindungen nicht zu verrathen; heuchelte Unbefangenheit und ließ die Angelegenheit fallen. Sie war jedoch weit entfernt, dies wirklich zu thun, sondern vielmehr bedacht, eine passende Art zu ersinnen, die Erfüllung ihres Verlangens trotz des Verbotes zu ermöglichen. Sie zog Madame Voisin in ihr Vertrauen, diese jedoch rieth ihr entschieden von dem Besuch ab, indem sie Mariane an den Zorn des Prinzen erinnerte, der die unausbleibliche Folge eines Verrathes ihrer Anwesenheit bei dem Schauspiel sein müßte.

Mariane beruhigte sie jedoch durch die Versicherung, daß sie den Prinzen wol zu versöhnen wissen würde, es ja auch überdies zweifelhaft sei, ob ihr Besuch zu seiner Kenntniß gelangte. Sie wollte bedacht sein, sich unter den Zuschauern zu verbergen, so daß sie der Prinz nicht entdecken könnte, und wußte überdies noch eine Menge anderer Vorsichtsmaßregeln, die sie zu beobachten willens war, anzugeben, daß Madame Voisin endlich von ihrem Widerspruch ließ und es Marianens Ermessen anheim stellte, zu thun, was sie für gut fände. Sie hatte sich schon längst gewöhnt, sich Marianens Wünschen unterzuordnen, um ihr künftiges Interesse zu fördern, und baute übrigens auf des Mädchens großen Einfluß auf den Prinzen, den sie zur Genüge kennen gelernt hatte.

Mariane war nun vor allen Dingen bedacht, sich durch die dritte Hand im Geheimen Billets besorgen zu lassen, die man für vieles Geld wirklich erhielt, ohne daß ihr Name dabei genannt wurde. Im Besitz derselben, war sie auch entschlossen, das Schauspiel um jeden Preis zu besuchen. Sie ahnte nicht, daß der Zufall ihren Wünschen in einer nicht gehofften Weise entgegen kommen und sie endlich die so lange ersehnte Gelegenheit finden sollte, nicht nur dem Schauspiel beizuwohnen, sondern dies auch ganz ihrem geheimen Verlangen entsprechend thun zu können.

An dem zu der Vorstellung bestimmten Tage fühlte sich nämlich der Prinz nicht so wohl, um die Erstere besuchen zu können; man konnte diese jedoch nicht mehr aufschieben, was gewiß mit Rücksicht auf den Ersteren geschehen wäre, wenn es die Verhältnisse irgend gestattet hätten. Der Prinz war durch sein Leiden genöthigt, seine Besuche bei Marianen vorläufig einzustellen, da er auf ärztlichen Rath das Bett hüten sollte.

Welche Umstände hätten für des Mädchens Wünsche vortheilhafter sein können! —

Sie hatte seinetwegen nun nichts mehr zu besorgen und sah daher mit kindischer Freude und Ungeduld dem Fest entgegen.

Als die Stunde zum Besuch desselben gekommen war und Madame Voisin sie aus ihrem Boudoir abholte, fand sie Mariane bereits vollständig zur Fahrt vorbereitet. Ein einfacher dunkler Mantel hüllte sie ein, ein ebensolcher Hut schützte den Kopf, so daß ihre Erscheinung in der That nichts weniger als auffällig war und sich also zur Ausführung ihrer Absicht durchaus eignete. Madame Voisin, die gleichfalls einfach gekleidet war, betrachtete sie mit Vergnügen und drückte ihr ihre Zufriedenheit über die beobachtete Vorsicht aus, indem sie jetzt mit größerer Ruhe die Hoffnung aussprach, daß ihr Unternehmen gut ablaufen würde.