Voll der innigsten Theilnahme, doch schweigend ruhte der Freundin Auge auf der Leidenden und so schwer Gekränkten; sie vermochte ja nichts zur Linderung von Sidoniens Kummer beizutragen; denn das Geschehene konnte nicht ungeschehen gemacht und der erfahrene Schimpf nicht zurückgenommen werden.
»O, wie schutzlos bin ich doch!« rief Sidonie nach kurzer Pause. »Meine Brüder besitzen keinen Einfluß bei Hofe; der Fürst ist dem Prinzen gegenüber zu schwach, und seine Grundsätze und Ansichten vom Leben sind auch viel zu wenig sittlich, um mich zu verstehen und mein Verhältniß zu dem Prinzen durch seinen Einfluß auf diesen erträglicher zu machen. Was soll ich beginnen und wer räth mir in meiner so kummervollen Lage! — O, wäre Bernhard hier, mir würde Alles leichter, mein Schmerz geringer, mein Wille kräftiger werden! — Ach, mit ihm zog mein Schutzengel, meine Ruhe und mein Glück davon! O, wie so sicher fühlen wir uns doch in der Huth treuer Liebe! O wüßte er, wie sehr ich seiner bedarf, wie schnell würde er zu mir eilen. Doch ich besitze kein Recht, ihn in seiner Trauer zu stören, und muß diesen Schmerzenskampf allein auskämpfen!«
Sie schwieg und schaute betrübt und gedankenvoll vor sich hin.
Aurelie ergriff ihre Hand, drückte sie sanft und bemerkte:
»Lass’ uns gemeinschaftlich erwägen, was in Deiner Angelegenheit geschehen muß; denn daß Du den Dir angethanen Schimpf nicht ruhig hinnehmen darfst, versteht sich von selbst.«
»Du hast Recht, mich daran zu erinnern; denn der Schmerz ließ mich dies bisher vergessen. Ja, ich will mir Genugthuung um jeden Preis verschaffen. Ich fürchte nichts mehr, nun es so weit gekommen ist, weder des Fürsten Ungnade, noch die Härte des Prinzen,« fiel Sidonie mit Festigkeit ein.
»Und was gedenkst Du zu thun?« fragte Aurelie.
»Die Gelegenheit erfordert keinen Aufschub, sonst würde ich an meinen Bruder geschrieben und ihn um seine Herüberkunft gebeten haben. Er mag sein Ansehen bei dem Fürsten und Prinzen später geltend machen; denn mittheilen werde und muß ich ihm das Geschehene, das bin ich der Ehre meiner Familie schuldig. Ich will selbst dem Fürsten meine Beschwerde vortragen; dies ist der einzige Weg, damit die Angelegenheit nicht mit dem üblichen Stillschweigen übergangen wird. Denn es muß mit Bestimmtheit erwartet werden, daß man dem Fürsten die Sache verheimlicht. Man fürchtet den Prinzen, der alle Tage zur Regentschaft gelangen kann; ich weiß es nur zu wohl, und der beste Beweis dafür ist der Umstand, daß sich Niemand veranlaßt fühlte, das Mädchen aus dem Schauspiel zu entfernen, um mir vor den Versammelten eine öffentliche Genugthuung zu verschaffen.
»Du siehst, wie es hier mit meinen Freunden steht. Jeder ist nur auf seinen Vortheil bedacht, und selbst Mühlfels, an dessen treue Ergebenheit ich glaubte, hat sich feig zurückgezogen. Ihm ist das Mädchen bestimmt bekannt, er konnte also auch wissen, welchen Eindruck ihre Anwesenheit auf mich hervorrufen mußte. O, über diese Selbstsüchtlinge, die nur ihr Ich anbeten und dabei die edelsten Gefühle heucheln und uns dadurch an ihr besseres Wesen zu glauben verleiten! O, es ekelt mir vor dieser feilen, sittenlosen Welt, und der Ewige möge mich bald durch die Gnade beglücken, ihr für immer entfliehen zu können! O bringe mir sein Bild, das ich mich an den edeln, geliebten Zügen wieder aufrichten kann und den Glauben an das Gute in den Menschen nicht verliere!«
»Ich kann Deinen Entschluß, dem Fürsten persönlich Deine Beschwerde vorzutragen, nur billigen. Jede Mittelsperson würde in diesem Fall wirkungslos sein; ich kenne den Fürsten. Man würde Dich zu täuschen suchen, würde sagen, Du hättest Dich in Bezug auf das Mädchen geirrt; sie sei nicht die Geliebte des Prinzen, sondern irgend eine andere Person gewesen, und was man sonst noch zu sagen für gut fände. Eine Täuschung ist aber in diesem Falle nicht anzunehmen, dafür bürgt uns Mühlfels’ Aussage und das auffällige Verhalten des Publikums.« —