»Ich will den nächsten Tag noch hingehen lassen; vielleicht ist man bedacht, mir in irgend einer Weise entgegen zu kommen, um mir den unangenehmen Schritt bei dem Fürsten zu ersparen.«
»Sei es so; doch gestehe ich Dir offen, ich hege wenig Hoffnung, daß Deine Erwartungen befriedigt werden.«
»Du wirst Recht haben; doch könnte ich vielleicht morgen noch nähere Umstände über des Mädchens Besuch, vielleicht durch Mühlfels, erfahren, die mir bei der Unterredung mit dem Fürsten von Wichtigkeit sein könnten.«
»Dieser Umstand ist allerdings zu erwägen, und so denke ich, Du thust nach Deinem Vornehmen.«
»O, mir bangt vor der kalten Gleichgiltigkeit und dem Cynismus des Fürsten, mit welchen er dergleichen Angelegenheiten zu behandeln pflegt, und mein Herz krampft sich bei dem Gedanken schmerzvoll zusammen, daß ich genöthigt bin, mich über die Geliebte meines Gemahls beklagen zu müssen. Wie hätte ich ahnen sollen, jemals in eine so erniedrigende Lage versetzt werden zu können!«
»In der That, eine sehr, sehr traurige Nothwendigkeit! Doch hoffen wir, daß Dir dieser Schritt erspart wird. Vielleicht bestätigt sich Deine Voraussetzung und man kommt Dir, wie Du es wünschest, entgegen. Sollte dies jedoch nicht der Fall und Du zu der Unterredung gezwungen sein, so erzielt sie vielleicht den Vortheil, den Fürsten zu einem entscheidenden Handeln zu veranlassen, um Dich vor ähnlichen Beleidigungen für immer sicher zu stellen.«
»Glaubst Du, meine gute Aurelie?« fragte Sidonie gedankenvoll.
»Liegt diese Vermuthung nicht nahe?« —
»Vielleicht nicht so nahe, als Du denkst. Du traust dem Fürsten mehr feines Gefühl zu, als er in der That besitzt. Ich bin überzeugt, er wird nur so viel thun, als es ihm unumgänglich nöthig scheint. Doch,« fuhr Sidonie mit leisem und bedeutungsvollem Ton fort, »doch ich will ihm sagen, daß ich es müde bin, noch länger die Beleidigte und Verspottete zu sein, daß meine Geduld ihr Ende erreicht hat, und will ihm mit einem Vorschlag entgegen kommen, der seiner Staatspolitik entspricht.«
»Das willst Du wirklich?!« fragte Aurelie besorgt und überrascht.