»Du weißt, ein solcher Entschluß lebt schon lange in mir, und ich bekenne Dir, er ist mit Bernhard’s Gegenwart immer mehr in mir gereift. Du wirst das natürlich finden. Muß mich Bernhard nicht schwach und kraftlos nennen, da mein Stolz sich unter diese erniedrigenden Verhältnisse beugt und sie geduldig erträgt?« —
»Vermagst Du sie zu ändern?« —
»Ich denke und hoffe ihm zu zeigen, daß ich seiner Liebe würdig bin. Denn sage selbst, wäre es nicht undankbar von mir, seine so großen Opfer anzunehmen, ohne daran zu denken, ihm dafür nicht nur mit dem Herzen, sondern auch durch die That zu danken? Wer liebt und geliebt wird, übernimmt auch heilige Pflichten, die zu erfüllen sein Bestreben sein muß. Ich habe das Alles oft und oft bedacht, bin in mancher ruhelosen Nacht darüber mit mir zu Rathe gegangen, und immer und immer hob sich der einzige Gedanke vor allen anderen heraus, ihm für seine aufopfernde Liebe nur ein freudenloses Leben zu bereiten. Dieser Gedanke läßt mir aber keine Ruhe, und so steht der Entschluß in mir fest, die gegenwärtigen Umstände in meinem Sinne zu benutzen. Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie sehr mich die Erfüllung meines Wunsches beglücken würde; Du kennst ja meine grenzenlose Liebe für ihn, Du weißt, wie unendlich beseligt ich mich fühlen würde, sein freudloses Dasein durch sie zu verschönen und, von dem Zwang der Verhältnisse befreit, in seinem Glück das eigene zu genießen. O, welch ein süßer, wonniger Traum, zu süß, zu schön, um Wahrheit zu werden! Doch er soll mich ermuthigen zu dem Kampf, den ich aufzunehmen gedenke, und er wird es, das fühle ich!«
»Ich habe das voraus gesehen, ja ich habe, ohne es Dir zu verrathen, schon lange gewünscht, es möchte zu einem entscheidenden Schritt kommen, um Dich und ihn aus einer so unheilvollen Lage zu retten. So sei es denn! Bin ich auch zu machtlos, um Dir mit der That beistehen zu können, so weißt Du doch, daß Du über mein Herz gebieten kannst,« entgegnete Aurelie, die Freundin liebevoll umarmend.
Noch manches wichtige und berathende Wort tauschten die Freundinnen aus, manche süße Hoffnung wurde ausgesprochen, mancher noch süßere Traum daran geknüpft, bis endlich die späte Stunde sie zur Trennung zwang.
Die gute Marion war nicht wenig überrascht, als sie die Prinzessin entkleidet hatte und, an der Uhr vorübergehend, gewahrte, daß es fast Morgen geworden sei. Sie schüttelte bedenklich das Haupt, und es wurde ihr klar, daß irgend welche wichtige Dinge vorgegangen sein und die Prinzessin betroffen haben müßten; denn ihr waren deren Aufregung und verweinte Augen nicht entgangen. Wie herzlich that ihr die liebe Prinzessin leid; so jung und so schön und dennoch so unglücklich sein zu müssen, das schnitt ihr in die Seele. Sie wußte, daß Sidonie den Prinzen nicht gemocht und nur aus kindlichem Gehorsam geheirathet hatte, hatte ihres Lieblings Thränen und Schmerzen gesehen und mit ihr im Geheimen geweint und gelitten, und litt und weinte noch immer, ohne Hoffnung auf ein Besserwerden. Denn das war ihrem verständigen Sinn längst klar, daß sich die Prinzessin mit einem so leichtsinnigen Gemahl, wie der Prinz, und würde er auch einst Regent, niemals glücklich fühlen könnte.
»Da sprecht mir von der Weisheit und dem Glück der Großen und Gewaltigen der Welt; es ist Alles eitel Tand und eitler Schein. Die Weisheit und Güte bringt nicht der Stand, die muß der Mensch im Herzen tragen, und wer sie nicht hat, ist auch als Fürst darum nicht besser, wie gemeine Menschen. Die Krone thut es nicht und auch nicht der Reichthum und die Macht. Vor Gott ist nur der Gute und Gerechte etwas, da gilt das Herz und nicht der eitle Flitter. Gott bessere diese verderbte Welt, in der meine gute Prinzessin leben und von der sie so schwer leiden muß!« Also dachte sie und überlegte das Alles noch in später Nacht, als sie sich seufzend zur Ruhe begeben hatte, bis sie unter einem Gebet für ihren Liebling endlich einschlummerte.
Auch Mühlfels wurde durch den Vorfall bei der Vorstellung mehr betroffen, als man dies hätte erwarten sollen.
So heftig seine Leidenschaft für Sidonie auch war, stand ihm dennoch die Gunst des künftigen Regenten höher als ihr Dank, dessen er jedenfalls sicher war, hätte er Mariane zum Verlassen der Loge genöthigt. In der Vermuthung jedoch, das Mädchen sei mit Wissen des Prinzen erschienen, wagte er das nicht. Ihm war nur zu wohl die Macht bekannt, die Mariane auf den Prinzen ausübte; er hatte sich persönlich davon überzeugt. Der Letztere gestattete ihm nämlich bisweilen, ihn zu dem Mädchen zu begleiten und in ihrer Gesellschaft eine Stunde zuzubringen. Denn bei der von dem Prinzen für Mariane gehegten großen Vorliebe war es diesem angenehm, den Vertrauten mit den Vorzügen seines Lieblings bekannt zu machen und sich an dessen Lob des Mädchens zu ergötzen, das in überschwänglicher Weise auszusprechen Mühlfels natürlich nicht unterließ. Trotz aller dieser zu nehmenden Rücksichten erwog der Baron dennoch, in wie weit er den Vorfall in seinem eigenen Vortheil benutzen sollte; denn es lag die Voraussetzung nahe, Sidonie könne vielleicht auf seinen Beistand gerechnet haben, und wie wir erfahren, täuschte er sich in dieser Annahme nicht.
Er mußte sich daher bei ihr entschuldigen und ihr die Unmöglichkeit seines Handelns klar machen, um ihre Gunst nicht vielleicht ganz und gar einzubüßen. Ein solcher Verlust würde seine Absicht, sich ihr Vertrauen zu erwerben, unerreichbar gemacht haben; überdies konnte es für ihn keine geeignetere Gelegenheit geben, ihr seine Ergebenheit an den Tag zu legen. Ihr plötzliches Entfernen aus dem Schauspiel verrieth ihm die tiefe Kränkung ihrer Seele, und er konnte daher mit einiger Sicherheit annehmen, daß sie irgend einen besondern Schritt in dieser Angelegenheit thun würde. Unter solchen Umständen ist der Rath eines ergebenen Mannes von Wichtigkeit, der dem Prinzen so nahe stand, wie er.