Verlag von Friedrich Fleischer.
1870.
Erstes Kapitel.
Graf Römer war durch Aurelie über die bekannten Vorgänge am Hofe unterrichtet worden, und es darf kaum bemerkt werden, wie um so schmerzlicher ihn diese Mittheilungen ergriffen, da er wußte, daß Sidonie durch dieselben tief verletzt sein mußte. Seinen Kummer steigerte überdies noch die Hoffnungslosigkeit, Sidoniens gegen den Fürsten ausgesprochenes Verlangen, sich durch die Trennung ihrer Ehe aus dem sie erdrückenden Unheil zu retten, erfüllt zu sehen. Denn Aurelie hatte ihm diesen Umstand nicht verschwiegen, doch auch zugleich die geringe Aussicht auf Erfüllung des so natürlichen Wunsches angedeutet.
Der Graf kannte die Hofverhältnisse zu genau, um ihr darin nicht beizustimmen. Mit der Abneigung des Fürsten gegen dergleichen gewaltsame Mittel bekannt, besonders wenn diese durch des Prinzen Schuld bedingt wurden, war er überzeugt, daß derselbe sich kaum jemals zu der Trennung verstehen und Sidoniens Schritt daher vergeblich sein würde.
Alle diese Umstände waren nur zu sehr geeignet, ihn noch tiefer zu beugen, da er überdies keinen rettenden Ausweg aus diesen Verhältnissen zu entdecken vermochte und zugleich verhindert war, Sidonien nahe zu sein. Um so größer war daher seine Freude, als die Mittheilung zu ihm gelangte, daß die Prinzessin auf den Wunsch des Fürsten zur Stärkung ihrer Gesundheit ein Bad gebrauchen würde. Seine Freude wurde freilich durch die Sorge getrübt, daß Sidoniens Befinden wahrscheinlich sehr übel sein müßte, da sie zu einem solchen Mittel genöthigt war, und dieser Umstand mehrte seine Unruhe in so hohem Grade, daß er darunter sichtlich litt und das Auge seiner Mutter oft mit Besorgniß auf seinen bleichen Zügen ruhte. Wie sehr beglückte ihn daher die Nachricht von Sidoniens Wahl des Badeorts; er erkannte darin ihre Liebe und das Verlangen, ihm nahe zu sein und die Gelegenheit zu geben, sie, von den Hofschranzen unbeobachtet, zu sehen.
Die geringe Entfernung seines Wohnortes von dem Bade ließ seine Besuche bei Sidonien auch als den Ausdruck der ihr schuldenden Ehrerbietung und daher durchaus selbstverständlich erscheinen. Welche Fülle von Glück lag in dieser angenehmen Aussicht, doppelt groß, da er bereits die Hoffnung aufgegeben hatte, Sidonie so bald schon wieder sehen zu können. In der gespanntesten Erwartung harrte er daher auf Aureliens Mittheilung, welche jene Nachricht bestätigen und zugleich die Zeit der Abreise und des Eintreffens in dem Badeorte bezeichnen würde.
Er sollte, wie wir erfahren haben, nicht allzu lange und nicht vergeblich harren; denn schon nach wenigen Wochen erhielt er den hierauf bezüglichen Brief. Sidonie war in dem Badeort glücklich angelangt und begrüßte denselben mit der hingebendsten Freude, nicht nur in dem Bewußtsein, dem Freunde endlich so nahe gerückt zu sein, sondern auch durch die Schönheit des Ortes selbst in hohem Grade angenehm überrascht.
In demselben vereinigten sich alle Naturreize einer Gebirgsgegend — bewaldete Höhen, nackte Felsen, überraschende reizende Fernsichten auf eine verfallene Burg oder den aus Gebüschen und Gestein hervor schimmernden Bergstrom — in dem anmuthigsten Wechselspiel, über welche jene dem kranken Herzen so wohlthuende Ruhe und Stille ausgebreitet lag, die den vollen Genuß der Naturschönheiten nicht nur gestatten, sondern auch so lieb und angenehm machen. In dem von dem Bergstrom durchrauschten Thal lagen die zierlichen Badegebäude unter laubigen Gärten und schattigen Anpflanzungen versteckt und mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet.
Sidonie athmete mit vollen Zügen die erfrischende Bergluft in dem Gefühl der Freiheit, die ihr hier in so reichem Maß zu Theil wurde. Sie bewohnte ein von den anderen Gebäuden ziemlich entferntes und auf einem sanften Hügel errichtetes Hôtel, war also dem eigentlichen Badeleben fern, von welchem sie nur wenig berührt wurde. Alle diese Umstände entsprachen so ganz ihren Wünschen, daß sie Aurelien eingestand, sich durch die dargebotenen Genüsse sehr befriedigt zu fühlen und daran die besten Hoffnungen für die Zukunft zu knüpfen.