Die Freundin lächelte, ohne jedoch den Anlaß dazu zu verrathen; sie wußte nur zu wohl, daß diesen Genuß nicht die Naturreize allein, sondern wol lediglich die Hoffnung auf das Wiedersehen des Freundes erzeugt hatten. Ihr edles Herz theilte diese Freude vollkommen, da sie der gebeugten Prinzessin so ersprießlich und heilsam war.

Ungefähr eine Woche nach ihrer Ankunft traf der Graf bei ihnen ein. Er hatte Aurelie mit seinem beabsichtigten Besuch vorher bekannt gemacht und diese Sidonie darauf vorbereitet. Wie klopfte ihm ihr Herz doch so freudig entgegen, wie war sie in dem Bewußtsein so glücklich, den so lange entbehrten Freund endlich zu sehen!

Der Graf war früh aufgebrochen und langte zeitig am Vormittag an.

Sidonie harrte seiner auf dem Balkon, der ihr eine freie Aussicht auf den Weg gestattete, auf welchem Römer nahen mußte. Wie jubelte sie, als sie ihn in der Ferne erblickte und er sie nach wenigen Augenblicken im Vorüberfahren begrüßte. Kaum eine halbe Stunde darauf befand er sich bereits in ihrem Hôtel. Aurelie empfing und führte ihn zu Sidonien, die ihn in ihrem Boudoir erwartete, dessen Lage jede Sorge, belauscht zu werden ausschloß.

Sie streckte dem Eintretenden mit strahlenden Augen die Hände entgegen, die der Graf in tiefer Bewegung ergriff und an die Brust drückte. So standen sie einige Augenblicke vor einander, Auge in Auge gesenkt, schweigend, von dem Glück des Wiedersehens überwunden. Sanft drängte sich eine Thräne in Sidoniens Wimpern, als sie des Freundes kränkliche Blässe bemerkte, die das flüchtige Roth der Aufwallung in seinem Antlitz bald wieder überwand. Sie bedeckte die Augen mit der Hand und ließ sich in den nahe stehenden Sessel nieder, von einer Schwäche angewandelt, die sie nicht mehr zu verbergen vermochte.

Er stützte sie und blieb alsdann neben ihr stehen, die feine Hand, die er nicht frei gegeben hatte, wiederholt an die Lippen drückend.

Sie waren zu bewegt, um das Wort zu finden, war ihr Wiedersehen doch eben so beglückend als schmerzlich, und drängte sich in die Freude doch auch zugleich die Mahnung des Erfahrenen und der gebotenen Entsagung. Wie anders wäre dieses Wiedersehen gewesen, hätte Sidonie dem Geliebten die frohe Nachricht bringen können, daß durch die Trennung von dem Prinzen ihrer Verbindung nun nichts mehr entgegen stände.

Daß sie dies nicht thun durfte, daß die Ketten, welche sie an den verachteten Gemahl fesselten, in diesem Moment doppelt verletzend klirrten und sie so rasch aus der glücklichen Selbstvergessenheit aufstörten, erfüllte sie mit einem unnennbaren Schmerz. Das übervolle Herz rang nach einem Ausdruck, und doch, was konnte es sagen, was der Andere nicht schon wußte; war ihr Fühlen und Denken doch so innig mit einander verwebt.

Der Graf fand zuerst das Wort; er bemerkte:

»Wie gering war mein Hoffen auf diesen glücklichen Augenblick, der leider durch Ihr übles Befinden herbeigeführt werden mußte.«