Die Fassung des Briefes verrieth die Bildung, welche sich Mariane während ihres Aufenthaltes in Paris anzueignen gewußt hatte, und die zugleich den Beweis lieferte, daß sie ihre Lehrer nicht erfolglos bemüht hatte.

Die Baronin erstaunte darüber; denn nicht nur war die Ausdrucksweise gewählt, sondern es sprach daraus auch Geist; vor Allem jedoch machte sich darin ein verborgener Ehrgeiz geltend. Und so war es in der That. Mariane hatte des Prinzen Versprechen, sie dereinst zu einer Gräfin zu machen, nicht vergessen; dasselbe war zugleich der Sporn zu ihrem Fleiß, sich die einer vornehmen Dame nothwendigen Kenntnisse anzueignen, um des versprochenen Vorzugs auch würdig zu werden.

Mariane hatte das Alles der Baronin mitgetheilt, und diese erkannte mit ihrem geübten Scharfblick sofort, daß es sich in diesem Fall nicht nur um eine gewöhnliche Liaison, sondern um viel wichtigere Dinge handelte, die unter geeigneten Umständen zur Geltung gelangen könnten.

Und so war es ihr in hohem Grade angenehm, zur Vermittlerin dieser Angelegenheit beansprucht zu werden. Sie kannte Marianens großen Einfluß auf den Prinzen nur zu wohl und war überdies überzeugt, daß sich derselbe für die Folge nicht nur erhalten, sondern im Hinblick auf des Mädchens Klugheit sogar noch steigern würde. Denn daß der Prinz wirklich noch mit vieler Zuneigung an dem Mädchen hing, ging daraus hervor, daß er eine neue Liaison nicht angeknüpft hatte und zu dieser auch keine Neigung zeigte. Ueberdies hatte ihr Sohn dies auch in den Briefen an sie wiederholt angedeutet und auf Marianens künftigen Einfluß hingewiesen.

Alle diese Umstände waren wichtig genug, den empfangenen Brief mit hoher Freude zu begrüßen und die Baronin zu veranlassen, die so willkommene Angelegenheit der eingehendsten Erwägung zu unterwerfen, um sich die daraus für sie ergebenden wichtigen Vortheile zu sichern. Gelang es ihr, Marianens Wünsche zu erfüllen, so hoffte sie auch deren ganzes Vertrauen für jetzt und in der Zukunft zu gewinnen, und das genügte ihr; denn dieses Vertrauen sicherte ihr einen nicht geringen Einfluß nicht nur auf das Mädchen, sondern auch auf den künftigen Regenten, und das waren entzückende Aussichten für die stets speculirende und intriguirende Frau. Sie ging daher auch sogleich mit sich zu Rathe, in welcher besten Weise sie sich die nöthigen Erklärungen von dem Prinzen verschaffen und die gewünschte Vermittlung anbahnen könnte. Noch damit beschäftigt, wurde ihr ein Besuch gemeldet, der ihr Interesse in hohem Grade beanspruchte. Aus einer hingeworfenen Bemerkung konnte man überdies entnehmen, daß sie denselben bereits und mit Ungeduld erwartet hatte.

Es trat ein Officier ein, in welchem wir den Kapitän von Bieberstein erkennen. Seine Begrüßung verrieth, daß er mit der Baronin in vertraulichen Beziehungen stehen müßte.

»Ich habe Sie mit Ungeduld erwartet,« bemerkte die Baronin etwas erregt. »Ich hoffe, es ist Alles zur Zufriedenheit abgelaufen?«

»Ich freue mich, meine Gnädigste, dies bejahen zu können,« entgegnete Bieberstein selbstgefällig und sicher.

»O, mein Sohn kennt seine Freunde!« rief die Baronin und fügte hinzu: »Er wußte, daß er Ihrer Klugheit unbedingt vertrauen durfte. Hat man nicht für gut gefunden, Ihnen nachzuforschen?«

»Auf des Fürsten Befehl ist das geschehen; ich sorgte natürlich dafür, daß dies ohne Erfolg sein mußte,« bemerkte Bieberstein.