In wiederholten Erwägungen aller dieser Umstände gingen ihm die Stunden dahin, und es drängte sich in die ersteren zugleich die Erinnerung an die von seiner Mutter ausgesprochene Besorgniß hinsichts einer gegen ihn gesponnenen Intrigue, die sie so sehr fürchtete. Ihre Voraussetzung schien sich nach allen Anzeichen nun in der That bestätigt zu haben; es fragte sich nur, in wie weit Sidonie und er selbst davon berührt werden und welchen Ausgang dieselbe nehmen würde. Die nächste Zeit mußte das zeigen. Der Graf hatte aber auch sein Verhalten gegen die Geliebte erwogen, und wenn er sich auch eingestand, einer augenblicklichen Schwäche nachgegeben zu haben, war er sich doch auch keines Fehls bewußt, der ihre und seine Ehre hätte beflecken können.
Dieses Bewußtsein führte ihm die so nothwendige Ruhe der Seele wieder zu; sein Selbstgefühl machte sich geltend; klar wurde sein Auge, das dem leuchtenden Morgen entgegen schaute, der über sein Brüten rasch genaht war. Er löschte die herabgebrannten Kerzen und suchte alsdann sein Lager auf, weniger um zu schlafen, als in der Absicht, durch das entgegen gesetzte Verhalten die Aufmerksamkeit seiner Umgebung nicht zu erregen.
Von der Ueberzeugung erfüllt, von den Fäden einer Intrigue im Geheimen umsponnen zu sein, glaubte er fortan die peinlichste Vorsicht in jeder Hinsicht beobachten zu müssen. Was ihm der nahende Tag bringen würde, wußte er nicht; er sah demselben mit vollster Ruhe entgegen; doch war er entschlossen, am Abend zu der gewöhnten Zeit die Prinzessin aufzusuchen.
Viertes Kapitel.
Am Vormittage nach dem Ball saß die Oberhofmeisterin voller Behaglichkeit im bequemen Negligé vor dem wärmenden Kamin und beschäftigte sich mit einem Brief, dessen Inhalt ihr nicht nur sehr angenehm zu sein, sondern ihre Freude darüber beim weiteren Lesen noch wesentlich zu steigern schien. Sie deutete dies durch allerlei Ausrufe der Ueberraschung und des Behagens an, durch welche sie das letztere unterbrach.
»Sieh, sieh, das kluge Kind! Ich hatte so etwas vorausgesehen, und es freut mich, in meinen Erwartungen über sie nicht getäuscht worden zu sein,« sprach sie vor sich hin, nachdem sie den Brief zu Ende gelesen hatte.
Sie befand sich allein in dem Gemach und konnte sich daher ganz ungestört in den Betrachtungen ergehen, wozu sie das Schreiben veranlaßte. Sie hatte das letztere soeben erhalten und war dadurch um so mehr überrascht worden, da die Absenderin niemand Anders als Mariane war, von der sie und zwar eine derartige Mittheilung zu erhalten, nicht erwartet hatte. Zwar versäumte das Mädchen nicht, nachdem sie die Villa bezogen, der Baronin ihren Dank für die in ihrem Interesse gehabten Bemühungen auszusprechen, und ebenso nahm sie die ihr von der Letzteren später gemachten heimlichen Besuche stets mit Ehrerbietung und Freude an und verabschiedete sich auch vor ihrer Abreise nach Paris bei ihr; sie hatte jedoch dabei nicht den Wunsch ausgesprochen, ihr schreiben zu dürfen.
In der nahe liegenden Voraussetzung, daß Mariane sich dazu auch nicht aufgefordert fühlen würde, hatte die Baronin eben so wenig an dergleichen gedacht, überzeugt, daß die neuen Verhältnisse das Mädchen vollständig in Anspruch nehmen würden. Um so größer war daher ihre Ueberraschung, als nach so langer Zeit das soeben erhaltene Schreiben bei ihr einlief, welche der Inhalt desselben noch wesentlich steigerte.
Mariane wandte sich nämlich mit der Bitte an sie, sie durch ihren Rath in einer ihr so wichtigen, sich auf den Prinzen beziehenden Angelegenheit zu unterstützen. Sie hatte das Leben in Paris genossen und fand kein Vergnügen mehr an dem vereinsamten Aufenthalt daselbst; zugleich peinigte sie die Ungewißheit über ihre Zukunft. Der Prinz hatte ihr seit längerer Zeit nicht geschrieben, sein Interesse für sie schien sich verringert zu haben; auch gab er ihr auf ihre Frage, wie lange sie nun noch in ihrem Exil verweilen sollte, keine bestimmte Antwort, so daß sie von der Furcht erfüllt war, er würde sie vergessen und ihrem Schicksal an dem fremden Ort überlassen.
Darum hatte sie sich auf die Baronin besonnen und sich entschlossen, dieser ihre Besorgnisse mitzutheilen und sie zugleich zu bitten, mit dem Prinzen ihretwegen zu sprechen und dessen Bestimmungen über sie zu erfahren.