Es durchrieselte ihn eisig, als er die Worte las, indem dieselben seine frühere Vermuthung hinsichts eines Zusammenhangs des stattgehabten Vorgangs auf dem Ball mit Sidonien zur Gewißheit erhoben. Einige Augenblicke gingen ihm in der tiefsten Erschütterung dahin, ehe er sich zu fassen und seine Lage zu übersehen vermochte. Seine Liebe zu Sidonien hatte also einen Verräther gefunden und war zufolge des Billets dem Prinzen bereits mitgetheilt worden.

Seine frühere so unerklärliche Besorgniß hatte ihn also nicht getäuscht.

Dieser Verrath war unter den gegenwärtigen Verhältnissen von ganz unberechenbarer Wichtigkeit, da er mit dem Verlangen der Prinzessin, ihre Ehe zu trennen, zusammen fiel.

Jetzt glaubte der Graf auch eine Erklärung für des Fürsten kaltes Zurückhalten gegen Sidonie gefunden zu haben. Derselbe mußte bereits am Vormittage irgend welche Andeutungen über die Neigung der Prinzessin erhalten haben. Durch welche Umstände das Alles geschehen war und wer der Verräther sein konnte, blieb für Römer eine ungelöste Frage.

Niemand befand sich am Hofe, der weder für Sidonie, noch für ihn selbst ein besonderes Interesse hegte; eben so wenig glaubte er durch sein Verhalten seine Neigung zu erkennen gegeben zu haben.

Er erwog alle diese Umstände des genauesten und gelangte endlich zu der Ueberzeugung, daß der Quell des Verrathes lediglich an jenem von Sidonien besuchten Badeort zu suchen sei. Mit dieser Erkenntniß kam ihm jedoch auch zugleich der Argwohn, der Prinz hätte ihn und Sidonie dort vielleicht im Geheimen beobachten lassen und die etwa gemachten Entdeckungen zu dem Verrath geführt haben.

Dieselben konnten jedoch unmöglich von solcher Bedeutung gewesen sein, um daraus eine Schuld für die Prinzessin oder ihn zu folgern.

Es mußten daher noch andere Umstände dabei maßgebend gewesen sein, deren Natur er jedoch trotz alles Nachdenkens nicht zu ergründen vermochte.

Der Warner rieth ihm, so schnell als möglich zu fliehen, da ihm Gefahr drohen sollte; derselbe deutete ihm damit zugleich an, daß man dieser Angelegenheit eine so große Bedeutung beilegte, die sie doch sowol von dem Standpunkt des Fürsten als des Prinzen aus nicht besaß. Denn weder ihn noch die Prinzessin traf irgend welcher Vorwurf. Die gegenseitige Zuneigung schloß keine Schuld ein; ihr näherer Umgang mit ihm war durch die Sitte berechtigt und durchaus nicht ungehörig. Woher sollte und konnte ihm daher irgend eine Gefahr drohen. — Er erkannte dieselbe nicht und gelangte daher zu der Vermuthung, ein ihm Befreundeter habe sich in übergroßer Aengstlichkeit zu der Warnung bewogen gefunden. War dies jedoch der Fall, so konnte er die letztere auch nicht von der nämlichen Maske erhalten haben, die dem Prinzen die geheime Botschaft brachte. Er mußte sich daher in dieser Beziehung getäuscht haben. In dem Gefühl seiner Schuldlosigkeit war er weit entfernt, der Warnung irgend welche Wichtigkeit beizulegen, erachtete es vielmehr für um so nothwendiger, die Residenz gerade in diesem Zeitpunkt nicht zu verlassen, sondern alles Weitere mit Ruhe abzuwarten. Der geringste Schritt, den er in dieser Angelegenheit that, vor Allem aber eine Flucht mußte ihn in ein zweideutiges Licht stellen und ihn zum Schuldigen stempeln. So sehr ihn auch die Gewißheit peinigte, einer lieblosen Beurtheilung entgegen zu gehen und an seiner Ehre leiden zu müssen, überwog dennoch der Gedanke, welche übele Tage die Geliebte erwarteten, alle seine Besorgnisse. Denn es war für ihn keine Frage mehr, daß die im Geheimen gegen sie gesponnene Intrigue bald mit frecher Stirn auftreten und sie anklagen würde. Eine Intrigue an diesem sittenlosen Hofe ließ aber auch mit Bestimmtheit das Uebelste erwarten.

Um so mehr mußte er daher bedacht sein, Sidonie darauf so rasch als möglich vorzubereiten, damit sie dadurch nicht überrascht wurde und sich verrieth. Ihr durch Aurelie die erforderlichen Andeutungen zugehen zu lassen, gab er in der Ueberzeugung auf, daß unter den obwaltenden Umständen der Brief vielleicht aufgefangen werden könnte. Ein jedes geschriebene Wort war daher gefährlich und also unzulässig, und so war er sogleich entschlossen, Sidonie am nächsten Tage selbst aufzusuchen und ihr das Erfahrene mitzutheilen. Eine Unterredung mit ihr war in Erwartung des Kommenden auch von der höchsten Wichtigkeit. Es bestimmte ihn zu dem Besuch überdies noch die Absicht, dadurch zu zeigen, wie wenig Gründe er habe, den gewöhnten Umgang mit Sidonien aufzugeben, und daß die erhaltene Warnung in keiner Hinsicht nothwendig gewesen. Ihn leitete dabei die nahe liegende Voraussetzung, es könnte ihm die letztere vielleicht nicht von einem Freunde zugesteckt, sondern lediglich ein schlau berechnetes Mittel sein, ihn zu einem Schritt zu veranlassen, der seine Schuld verrieth. Jedenfalls war es gerechtfertigt, das Schlimmste anzunehmen und darnach sein Handeln einzurichten.