Wie viel sie dabei gesehen und vernommen hatte, ließ sich nicht bestimmen, wenngleich die Annahme nahe lag, daß ihr nichts entgangen sein mußte. So dachte wenigstens Graf Römer, der, wie wir erfahren haben, die bezeichneten Vorgänge bequem hatte beobachten können. Ihm war dabei auch die Baronin in's Auge gefallen und deren besonderes Interesse für die letzteren bekannt geworden. Erschien ihm dieses im Hinblick auf die ihr beiwohnende Neugier natürlich, so däuchte ihm ihre Theilnahme dennoch einem tieferen Grunde entsprungen zu sein, was ihr Benehmen verrieth. Er verfolgte diese Betrachtungen jedoch nicht, da ihm der beobachtete Vorgang viel zu wichtig war, um demselben nicht seine ganze Aufmerksamkeit zuzuwenden.
Nachdem sich der Fürst mit dem Prinzen zu der Unterredung fortbegeben hatte, suchte er einige in seiner Nähe befindliche Bekannte auf, um mit diesen über den Vorfall zu sprechen und vielleicht von ihnen darüber etwas zu erfahren. Er sah sich jedoch getäuscht; denn sie befanden sich gleich ihm in Unkenntniß darüber, sprachen jedoch die Erwartung aus, daß ein so besonderer Vorfall nicht lange verschwiegen bleiben könnte.
Der Graf wartete die Rückkehr der Fürsten in der Hoffnung ab, vielleicht alsdann irgend welche Aufklärung zu erhalten, was jedoch aus den angeführten Gründen nicht erfolgte. Er befand sich in einer ganz ungewöhnlichen Erregung, welche durch die sich ihm unwillkürlich aufdrängende Vermuthung erzeugt worden war, es könnte jener Vorgang mit dem Prinzen in irgend welcher für Sidonie gefahrvollen Beziehung stehen. Zwar vermochte er sich für diese Annahme keine Rechenschaft zu geben; dennoch verließ ihn diese Sorge nicht, so viel er sie auch von sich abzuweisen bemühte. Vielleicht lag der Grund dazu darin, daß ihm die Ansprache der Maske an den Prinzen nicht entgangen war, die auf eine den Letzteren betreffende Ehrensache hindeutete; vielleicht jedoch noch mehr in der Erinnerung der in dem Badeort stattgehabten sonderbaren Vorfälle mit den sich möglicher Weise daran knüpfenden Folgen.
Seine Unruhe veranlaßte ihn daher, noch länger auf dem Fest zu verweilen, um sich nichts entgehen zu lassen und sein Forschen fortzusetzen.
Der Ball nahte jedoch seinem Ende, ohne daß seine Absichten sich in irgend welcher Weise erfüllten.
So schloß er sich denn den Fortgehenden an.
Am Ausgang des Saals angelangt, woselbst ein ziemlicher Andrang von Gästen stattfand, wollte er soeben hinausschreiten, als ihm Jemand von der Rückseite einen Zettel in die Hand drückte. Dadurch überrascht, wandte er sich um, um den Geber desselben zu entdecken; er erblickte jedoch nur gleichgiltige Mienen und zwar in einer solchen Entfernung von ihm, daß er unmöglich annehmen durfte, von einer dieser Personen den Zettel erhalten zu haben. Was ihn noch mehr in dieser Voraussetzung bestärkte, war der Umstand, daß er beim Umherblicken dieselbe Maske zu entdecken glaubte, die früher dem Prinzen das Schreiben überreicht hatte und jetzt durch das Gewühl in den Saal eilte. Eine Frage an die ihm Folgenden zu richten, wäre unpassend und zugleich fruchtlos gewesen, da der Billetgeber die Absicht hatte, dem Grafen unbekannt zu bleiben; Römer bemühte sich daher in keiner Weise und steckte den empfangenen Zettel zu sich, um ihn später in seinem Hause zu lesen.
Dergleichen geheimnißvolle Mittheilungen waren in jener Zeit sehr beliebt, und der Graf würde durch die erhaltene auch nicht weiter beunruhigt worden sein, hätte er nicht zufällig jene Maske erblickt, deren eilige Rückkehr in den Saal sie als die Geberin verrieth, wenigstens eine solche Vermuthung rechtfertigte.
Mit um so größerer Spannung entfaltete er daher, in seinem Hause angelangt, das Billet, und that dies zugleich mit dem besorgnißvollen Gefühl, nichts Gutes zu finden.
Er hatte sich nicht getäuscht; denn die Worte lauteten also: »Fliehen Sie, so schnell Sie können. Ihr Verhältniß zu der Prinzessin ist verrathen und Sie haben daher das Uebelste zu erwarten.« Mehr enthielt das Billet nicht, noch auch hatte der Warnende seinen Namen unterzeichnet. Die Worte waren flüchtig auf ein abgerissenes Stück Papier hingeworfen und die Handschrift dem Grafen durchaus unbekannt.