»Dennoch will ich nicht alle Hoffnung aufgeben, daß der Fürst durch die Verhältnisse und mein wiederholtes Verlangen sich endlich genöthigt sehen wird, von seinem Widerstande zu lassen.«

»Wäre dem doch so!« fiel der Graf in tiefer Bewegung ein und schaute sie mit einem Blick innigster Liebe an.

»O, wie glücklich wäre ich gewesen, hätte ich von diesen unheilvollen Banden endlich erlöst und mir selbst wieder zurück gegeben, meinen theuern Freund begrüßen können!« rief Sidonie, und ihr strahlendes Auge verrieth die lebhaften Empfindungen ihres Herzens, welche dieses Verlangen in ihr erzeugten.

Ihre Worte übten eine tiefe Wirkung auf Römer aus; er vermochte derselben nicht länger zu widerstehen und sank an ihr nieder und preßte ihre Hände an die Lippen. Die so lange nur mühsam beherrschte Liebe brach mit ganzer Heftigkeit aus, so sehr dies auch gegen seinen Willen war; er fühlte sich jedoch in diesem Augenblick und dem so tief und so innig liebenden Weibe gegenüber aller Kraft beraubt.

Sidonien erging es nicht anders; von dem sie erfüllenden Gefühl überwunden und unter hervorbrechenden Thränen neigte sie sich zu ihm nieder, umschloß sein Haupt sanft mit den Händen und hauchte scheue Küsse darauf.

»O, meine Sidonie, wie unaussprechlich liebe ich Dich!« rief der Graf leise, verklärt zu ihr aufschauend.

»Ich weiß es, Du guter, edler, theurer Mann, ich wußt' es, da ich noch ein Kind war, dessen Fühlen und Denken schon Dir gehörte, und das Dir und nur Dir immer und immer gehören wird. Ich wäre längst gestorben, hätte mich Deine Liebe nicht stets auf's Neue belebt; in ihr allein ruht der Quell meiner Kraft und meines Lebens!« entgegnete sie sanft und streichelte seine Haare. Alsdann fuhr sie mit erhöhtem Feuer fort: »Und wer will es mir verargen, wenn ich mich in meiner Noth anklammere an den Mann meiner Liebe, an ihn, der mit edelsinniger Hingebung mir sein schönes, reiches Leben opfert?! O, halte mich, halte die in Schmerz Versinkende mit Deinem kräftigen, starken Arm, daß sie nicht dahin geht in die grausige Nacht des Todes, verletzt und gebrochen und ohne Mitleid ihrer Peiniger! O, ich bin noch so jung, und Deine treue Liebe hat mich mit den süßen Ahnungen eines schönen, glücklichen Lebens erfüllt, hat das Verlangen nach ihm immer mächtiger in mir erregt; o, lass' mich nicht sterben, lass' mich mit der Hoffnung leben, mein Traum könnte sich einst dennoch erfüllen und noch einmal das verwelkte Leben sich in frischer Blüthe entfalten!«

Sie ließ ihr Antlitz auf sein Haupt sinken und weinte heftig.

»Du sollst nicht sterben, Du sollst glücklich werden!« fiel der Graf tief erschüttert ein. »So lange ich athme, wird mich das Bestreben, Dich zu beglücken, erfüllen. O, es zerreißt mir die Seele, daß ich diesen unglückseligen Verhältnissen gegenüber so machtlos bin, Dich nicht aus ihnen auf meinen Armen davon tragen kann zu dem schönen Glück unserer Liebe! O, gieb die Hoffnung auf ein Besserwerden nicht auf! Zu groß ist Dein Leid, um sich nicht endlich zu erschöpfen. Ein wiederholter Antrag bei dem Fürsten muß seine Wirkung ausüben, durch den Einfluß Deines Bruders unterstützt. Es muß, es muß ein Ende nehmen mit diesem Leid, und sollten wir auch zu dem äußersten, letzten Mittel unsere Zuflucht nehmen müssen. Du sollst, Du darfst in diesem Leid nicht untergehen!« rief der Graf mit der ganzen Energie seines Charakters.

Sie erhob das Haupt und blickte ihn gefaßt und zärtlich an, indem sie entgegnete: