»Du sagst es, mein Geliebter, so wird es auch geschehen.«
»Ja, es wird geschehen. Fasse Muth und lass' uns überlegen, wie wir zu unserm Ziel gelangen,« sprach der Graf, dessen leuchtendes Auge und feste Haltung die ganze Thatkraft seiner liebeerfüllten Seele verriethen.
Sidonie antwortete nicht, sondern ließ bewundernd ihr Auge auf seinem Antlitz ruhen. Seine Worte und die sich in seinem Wesen aussprechende warme Leidenschaft hatten sie angenehm überrascht.
Sie hatte ihn so noch nie gesehen. Immer bedacht, seine Gefühle zu beherrschen, erschien der Graf stets ruhiger und ernster, als es in der That sein Charakter war; und so geschah es, daß man ihn für kalt und unzugänglich hielt.
Sidonie wußte wol, daß dem nicht so sei; doch noch niemals hatte sie die Sprache der Leidenschaft von ihm vernommen, noch niemals der nur Liebende in seiner ganzen Hingebung sich ihr gezeigt, und darum erschien ihr der Graf in einer neuen und verschönerten Gestalt. Und von ihren Empfindungen überwunden, drückte sie seine Hand und bemerkte:
»Sie nennen Dich kalt und stolz; o, wer Dich jetzt sähe, wie leicht würde er seine Täuschung erkennen!«
»O, es ist gut, daß man mir solche Eigenschaften beilegt, sie dienen mir als ein Mittel, meine Liebe zu verbergen. Nur so schütze ich uns vor einem Verrath.«
»Ja, ja, mögen sie es thun; kenne ich doch Dein edles, treues Herz,« fiel Sidonie erfreut ein, und sie sprachen alsdann noch manches liebe Wort mit einander, beglückt, von allem Zwange befreit, die lang verhaltenen Gefühle endlich einander in der Sprache der Liebe mittheilen zu können. Und was wäre ihre Liebe gewesen, hätte sie die hemmenden Verhältnisse nicht überfluthet und sich in ihrer schönen Macht und Herrlichkeit geltend gemacht, ohne dem Vorwurf ein Recht einräumen zu müssen. Dieser Gedanke mochte Sidonie erfüllen, als sie, in dem Glück des Augenblicks aufgehend, sinnend vor sich hinschaute und bemerkte:
»O, es ist doch etwas Großes und Schönes um die volle Liebe zweier Menschen; ich habe das nie so ganz empfunden, als eben jetzt. Welche Kraft verleiht sie dem zagenden Gemüth, welches Vertrauen flößt sie uns ein in dem Bewußtsein, daß unser Fühlen und Denken widertönt in dem geliebten Herzen, daß unser Schmerz, unsere Lust die gleichen Empfindungen in der verwandten Seele wach rufen. Süßes, unerforschtes Geheimniß der Natur.«
Sie traten auf den Balkon hinaus; die Blicke von der Schönheitsfülle der Landschaft umfangen, deutete der Graf darauf hin und bemerkte, an ihre Worte anknüpfend: