»Wir schauen ihr ewiges Walten in diesem reizenden Bilde, wir vernehmen es in den Tönen des Lebens, in dem Rauschen des Stromes dort, in dem Klange der Vogelsänge, wir schauen es in den farbigen Gestaltungen der düfteathmenden Blumen.«
Und sie blickten schweigend um sich, lieblich angemuthet von dem Geschauten; aber nur eine Secunde, dann suchten sich ihre Augen. Sie verstanden sich nur zu wohl. Mehr als in der Schönheit und dem Weben der Natur lasen sie der Liebe Herrlichkeit in ihren von reinem Glück beseligten Augen. Rasch floh ihnen also die Stunde dahin, mit ihr war die schickliche Dauer für des Grafen Besuch dahin gegangen; Aureliens Nahen erinnerte sie daran.
»Sie mahnen mich an das Scheiden,« bemerkte der Graf und fügte, sich zu Sidonien wendend, hinzu: »Es wäre mir minder schmerzlich, dürfte ich die angenehme Hoffnung mit mir nehmen, Sie und unsere Freundin heute noch wiederzusehen. Ich bleibe bis zum Abend hier; vielleicht gestatten es die Umstände, Sie an einem andern Ort zu treffen, da ich meinen Besuch im Hôtel nicht zu wiederholen wage.«
»Unsere Wünsche lassen sich leicht erfüllen und ich habe bereits daran gedacht,« entgegnete Sidonie und fügte nach kurzem Ueberlegen hinzu: »Ich habe die Schloßruine schon öfter besucht; das soll auch heute geschehen; ein Zusammentreffen dürfte daselbst, ohne Aufsehen zu erregen, leicht stattfinden können. Von dort aus benutzen wir alsdann einen wenig besuchten Pfad zur Rückkehr.«
Ihr Vorschlag fand den reichsten Beifall und den wärmsten Dank des Grafen, der, dadurch sehr beglückt, bald darauf schied, um die Zeit bis zu dem Ausflug in dem Hôtel zuzubringen.
Bei seiner Rückkehr nach demselben empfing ihn ein lebhaftes Treiben.
Der Badeort war von Gästen und Durchreisenden fast vollständig besetzt, und es fand in Folge dessen ein reger Verkehr auf den Plätzen und in den schattigen Anlagen statt, da dieselben gewöhnlich zu den Vormittagsspaziergängen benutzt wurden.
Römer, der nichts Besseres zu thun wußte, gesellte sich den Lustwandelnden zu und kürzte die Zeit durch Betrachten des sich seinem Auge darbietenden belebten Bildes.
Der Badeort, den einst selbst Ludwig der Vierzehnte mit seinem wiederholten Besuch beehrt hatte, zählte zu seinen Gästen vorzugsweise nur vornehme Leute, und es machte sich besonders die Damenwelt mit ihren kostbaren und auffälligen Toiletten in derselben Weise geltend, wie man dies auch heute selbst in den kleinsten Bädern zu sehen hinreichende Gelegenheit findet. Die Herren standen ihnen in dieser Beziehung würdig zur Seite und trugen in ihren Kleidungen eben so viel Luxus an Sammet, Seide, Gold- und Silberstickereien und Brillanten in Busentuch und Schnallen zur Schau wie jene; der kostbaren Stöcke nicht zu gedenken, die damals eine nothwendige Ergänzung eines vornehmen Anzuges waren. Daß Koketterie und allerlei Intriguen ihre Netze spannen, und wahrscheinlich in noch erhöhterem Grade, wie dies in der Gegenwart geschieht, darf kaum bemerkt werden.
Die meisten der Badegäste waren nicht eigentlich leidend, sondern nur vergnügungssüchtig und nutzten daher die aufgesuchte Gelegenheit so viel als möglich nach Wunsch aus.