Zweite Abtheilung.
Havana.

Reise nach Havana, Oertlichkeit und Einrichtung daselbst.

Am 8ten November trat ich meine Reise nach Havana an; es war jetzt hier so kalt, daß das Eis in den Straßen wohl 1 Zoll stark gefroren war, und wir auf der Norma, einem beliebten Paquetboot zwischen New-York und Havana, worauf keine Oefen sind, tüchtig froren. Die Gesellschaft bestand aus etwa 25 Personen, worunter einige sehr häßliche Nichten des frühern Präsidenten der V. S., die Frau eines Generals, der Secretair des französischen Consuls, ein deutscher Arzt, ein in Matanzas etablirter, aus Hamburg stammender Kaufmann, Trunkenbold erster Klasse, der Sohn eines der ersten Geld-Aristokraten in Hamburg; ein in kaufmännischen Geschäften ohne die geringsten Kenntnisse in Havana etablirtes junges Bürschchen u. A. waren. Ich rathe jedem geehrten Leser, der diese Reise macht, sich mit einem besondern Passe zu versehen, welches ich unglücklicher Weise vergessen hatte; auch hatte ich meinen preußischen Gouvernements-Paß nicht von dem spanischen Consul in New-York visiren lassen. Als der Capitain und die andern Reisegefährten dies erfuhren, meinte man, dies sei sehr schlimm, um so mehr, da das preußische Cabinet mit der Königin von Spanien nicht in freundschaftlichen Verhältnissen stehe. Der Secretair des französischen Consuls erzählte, daß 21 Franzosen, welche ohne Pässe angekommen wären, nach Frankreich zurückgewiesen worden seien, und auch wirklich hätten zurückreisen müssen, wenn der Consul nicht sich für die Herbeischaffung der Pässe verbürgt hätte; — ich indeß — behielt guten Muth, im Vertrauen, daß ich mich durch meinen Paß sowohl als durch angesehene Häuser in Havana würde legitimiren können; Einige glaubten sogar, ich würde als Arrestant behandelt werden. Nur ein junger Mensch, der Bruder eines Advokaten in Havana, sagte mir heimlich, daß er den Beamten kenne und für Alles sorgen wolle, was ich zunächst mit Dank annahm. Einmal, in einer Nacht, war die Gesellschaft sehr allarmirt, wir fuhren nämlich zwischen Felsen, an einer Stelle, welche von den Schiffern The hole in the Wall (das Loch in der Wand) genannt wird und waren in großer Gefahr, auf einen Felsen zu gerathen; allein der Capitain fand in der tiefsten Dunkelheit die Passage und am nächsten Morgen hatten wir das Fort von Havana vor Augen. Noch muß ich eines Zuges des jungen deutschen Arztes erwähnen; er war der Sohn eines Leipziger Professors, hatte aber wegen zu großer Gedankenfreiheit sein Vaterland verlassen müssen, und kam jetzt von New-Orleans, wo er gewesen war, um sich mit der Heilung des gelben Fiebers vertraut zu machen. Nur das muß ich an dem jungen Manne tadeln, daß er sich keines Patienten anders, als nachdem er nachdrücklich von demselben ersucht worden war, annahm. Er konnte, wie er selbst sagte, keinen Betrug leiden; dies zeigte sich hier bei unserer Fahrt ebenfalls bei einer eigenen Gelegenheit. Es ist auf allen für Reisende eingerichteten Paquetschiffen die Anordnung getroffen, daß an den Sonn- und Donnerstagen Champagner gratis zum Mittagsessen gereicht wird. Der Schiffs-Eigenthümer denkt auf wohlfeilen Proviant, und rechnet auf unkundige Trinker, und zwar auf solche, welche, wie es größtentheils der Fall ist, den Werth des Champagners nach dem Mußiren beurtheilen, und kein Wunder, daß unser Schiff mit dergleichen mußirendem Stoff versehen war. Meister in der Zubereitung solcher Getränke sind die Amerikaner; besonders verstehen sie, aus den Aepfeln einen mußirenden Cyder zu bereiten, der von Nichtkennern für Champagner getrunken werden muß — er wird jedoch vom Fabrikanten unter dem Namen Champagner-Cyder verkauft. Solcher Champagner-Cyder wurde an den erwähnten Tagen reichlich aufgetischt, und wurde denn auch allgemein mit Wohlgefallen für Champagner genossen; ich meinerseits schmeckte denselben beim ersten Glase heraus, und ließ es bei demselben bewenden. An einem der letzten Tage machte ich meinen Landsmann darauf aufmerksam, und ersuchte ihn, das Geheimniß bis zum Landungstage zu bewahren. „Stören wir die Illusion nicht,“ sagte ich zu ihm, „bis wir landen; dann wollen wir mit den Hamburgern, welche sich die ersten Champagnerkenner zu sein dünken, und die letzten Flaschen den ersteren stets vorzogen, unsern rechten Spaß haben, und dieselbe necken.“ Er versprach, meiner Bitte Gehör zu geben; allein als am andern Mittage sämmtliche Tischgenossen wieder den Champagner priesen, versicherte der Doctor, das, was sie tränken, sei nichts als Aepfel-Cyder; Keiner wollte weiter trinken, man ging unzufrieden von Tisch und meine so wie des Capitains Freude war verdorben. Als ich ihm darüber Vorwürfe machte, erwiederte er: ich hasse jeden Betrug, und es ist ein wahrer Betrug, Cyder für Champagner aufgesetzt zu bekommen.

Das Schiff lag vor Anker. Der Platz-Major, unter Begleitung eines Militair-Commando’s, langte auf einer Galeere zum Empfang der Pässe an. Mir ging es hierbei ganz glücklich; als der Dolmetscher den Inhalt meines Passes vortragen wollte, legte der Capitain denselben zusammen und sagte „schon gut!“ Es durfte indeß noch keiner von den Passagieren das Schiff verlassen; selbst der hohe Staatsbeamte mußte die schriftliche Erlaubniß von Seiten des Gouverneurs abwarten. Nur erst, nachdem sich ein in Havana Etablirter für den Ankommenden verbürgt hat, wird demselben die schriftliche Erlaubniß zum Landen gegeben. Der Gouverneur hat die Stunde von 12–1 Uhr zum Unterzeichnen dieser sogenannten Permitts festgestellt, weshalb Schiffe, welche des Nachmittags ankommen, bis zum folgenden Tage warten müssen.

Diese Maßregel soll dazu dienen, das Land von Vagabonden frei zu halten. Die Meisten und Unterrichteten zeigen ihre Ankunft in früher absegelnden Schiffen an, und finden das Permitt beim Einlaufen vor. Auch ich hatte zwei Briefe nach der Stadt befördert, hatte aber durch die Schuld meines Correspondenten M... noch einige Weitläuftigkeiten, indem ich nämlich kein Permitt fand, und auch der Capitain, der sogleich nach Havana hinübergefahren war, mir keins mitbrachte, weil, wie er sagte, mein Paß in Unordnung sei. Ich faßte jetzt den Entschluß, selbst an’s Land zu fahren, und die Kraft des goldenen Spruches von Wieland: „Ein goldener Schlüssel öffnet jedes Schloß“ zu versuchen. Rasch griff ich in die Tasche und zeigte dem spanischen Don-Soldat, der auf Posten stand, einige Silberlinge, ohne etwas zu sagen; der Don verstand meine Silbertöne, und sagte in spanischer Sprache, wie mir gedolmetscht wurde: fahren Sie in Gottes Namen, kommen Sie jedoch nicht später als 8 Uhr morgen früh zurück, denn um 8 Uhr ist die Ablösung und meinem Nachfolger muß ich Sie überliefern. Mit andern Personen fuhr ich jetzt nach Havana über, und wir langten vor einem Boarding-Hause ohne Namen an. Eine eben so bejahrte, als beredsame Wirthin kam sofort herbei und gab mir sowohl auf Englisch, wie auf Französisch zu verstehen, daß ich dasjenige Zimmer, welches mir angewiesen wurde, in welchem sich eine Feldbettstelle, in der Form eines deutschen Stickrahmens mit einer dünnen Kattundecke, ferner ein ganz ordinairer Waschtisch und zwei hölzerne Schemel befanden — für nicht mehr, aber auch nicht weniger als 17 Piaster inclusive des Mittagessens und des Frühstücks pro Woche haben könnte. Nachdem ich diese erfreulichen Bedingungen mit philosophischer Ruhe vernommen und meine Sachen abgelegt hatte, eilte ich, meinen Correspondenten, den Consulvertreter M..., an den ich mich bereits früher wegen des Permitts gewendet hatte, aufzusuchen. Ihn und seine sämmtlichen Commis fand ich, wie es hier bei der Hitze üblich ist, im tiefsten Negligé bei Tische. Entrée und Speisesaal bilden ein mit Zugwind versehenes Ganze. Beim Caffee sagte M... zu mir, ich würde wohl daran gethan haben, meine Ankunft einige Wochen vorher anzuzeigen, damit ich alles Nöthige, Logis u. s. w. in Ordnung angetroffen hätte. Da ich dieses gethan zu haben mir bewußt war, so wußte ich, woran ich mit diesem Helden war. Wegen des Permitts versprach er, das Nöthige zu besorgen, und am andern Tage um die Mittagszeit, nachdem ich vorher meinem Versprechen gemäß, zu dem Don-Soldat zurückgekehrt war, erhielt ich denn auch endlich die schriftliche Erlaubnis Sr. Exzellenz, versehen mit 7 Unterschriften. Meine Sachen ließ ich am andern Tage Vormittags abholen, weil das Steueramt nur bis 12 Uhr expedirt; die Revision war nach preußischer Weise, d. h. sehr liberal; mein geringes Gepäck passirte ohne viele Umstände. Zum Fortschaffen desselben muß man hier drei Neger bezahlen, wo man in Europa nur eine Person gebraucht. Als ich nach meinem Logis zurückkam, trat mir ein Don-Soldat entgegen mit der Aufforderung, ihm sofort zum Capitain de Place zu folgen. Nachdem ich rasch meine Toilette gemacht, wobei der Soldat sich vor der Thür meines Zimmers befand, führte mich dieser zum Capitain, einem überaus artigen Manne, welcher, nachdem er mein Permitt gesehen hatte, mich um Verzeihung bat, und meinte, es müsse hier ein Irrthum in der Person stattgefunden haben; allein ich habe Ursache zu glauben, daß einer von meinen Reisegefährten eine Anzeige gegen mich gemacht hat.

Vor allem Uebrigen, dachte ich, als die Paß-Verlegenheit beseitigt war, ein Logis für mich zu miethen, weil die Ausgabe von 100 Piaster pro Monat für ein schlechtes Zimmer und eben so schlechte Kost mir zu theuer schien, und 100 Piaster kann man vollkommen die Ausgaben in einem solchen Boarding-Hause anschlagen. Es wurden mir von mehreren Bekannten Logis in Vorschlag gebracht, die ich sofort besah, und mit Pferdeställen zu vergleichen nicht umhin konnte; für Möbel und Bedienung sollte ich überall noch besonders sorgen. Zuletzt miethete ich eins was mir besonders empfohlen wurde, bei einer sehr braven Frau, die von Geburt eine Französin war, worin sich, wie in jedem Hause in Havana, Ratten, Mäuse, Scorpione, Cucerachas (große Würmer) aufhalten, und war dies Gemach in Hinsicht der vielen Thierarten mit Noah’s Arche zu vergleichen. In meiner Wirthin sowohl, als in ihren beiden Söhnen fand ich treffliche Leute, bei denen ich mich ungemein wohl befand, und mich von meinen körperlichen Leiden und den Widerwärtigkeiten der Handelskrisis merklich erholte.

Es ist so manches über Havana, seine Sitten und Verhältnisse geschrieben worden, auch der Herr von Humboldt berührt dieses Capitel in seinen berühmten Werken; allein was den Handel betrifft, so hätte in keinem Falle dieser ausgezeichnete Mann, dem übrigens auch wohl die praktische Erfahrung in Handelssachen abging, hierüber etwas sagen können, was jetzt noch genügte, da jetzt die Handelsverhältnisse sich ganz anders gestaltet haben, und wenn es noch um das Jahr 1802 etwa drei Häuser gab, die sich mit dem Handel nach Europa beschäftigten, so giebt es deren jetzt vielleicht 300. Es wird nicht ohne allgemeines Interesse sein, nachzuweisen, in wie fern die jetzt stattfindende überaus große Concurrenz vortheilhaft oder nachtheilig für diese Insel und die europäischen Kaufleute ist. Meine gesammelten Erfahrungen werde ich ohne Scheu niederschreiben, meine Behauptungen klar und bestimmt aufstellen und beweisen, und endlich auch solche Vorschläge zur Verbesserung des Handels zu machen mich bemühen, welche mir, als praktischem Kaufmann, ausführbar scheinen. Zuvor werde ich jedoch Einiges über den Ort, über die Lebensweise der Bewohner etc. bemerken.

Havana ist an und für sich klein, obgleich es gegen 120,000 Einwohner zählt. Für die Passagiere ist der Place des Armes, welchen Platz er gleich nach der Landung am Werft betritt, höchst überraschend und anziehend; ein Viereck, auf welchem sich drei prächtige Gebäude, das Haus der Gouverneurs, der Intendantur, das Palais eines Großen und eine Kaserne im großartigsten Stil gebaut, präsentiren. In der Mitte ist ein Platz von der Größe des Lustgartens zu Berlin, und ähnlich wie dieser arrangirt. Vier kleine Fontainen und das Monnument Ferdinand’s befinden sich in den kleinern mit Gußeisen eingefaßten Quarrées, in welchen blühende oder fruchttragende Orangen-, Cedern- und Palmbäume majestätisch prangen. Zur Bequemlichkeit der Spaziergänger sind die Wege mit Quadratsteinen von Granit belegt. Die Promenade auf diesem Platz ist jeden Abend von 8–9 Uhr, wenn das Musik-Corps der Garnison, welches ausgezeichnet brav ist, die Retraite bläst, und zugleich die gewähltesten Stücke spielt. Die Damen erscheinen alsdann in Ballkleidern, jedoch ohne Kopfbekleidung und Handschuhe, die hier nicht Gang und gebe sind; Blumen, Perlen und dergl. dient den hiesigen Damen zum Kopfputz; die ältesten Frauen tragen nichts auf dem Kopfe, nur bei großer Kälte wird ein chinesischer Shawl über den Kopf genommen. Damen ersten Ranges verbleiben in den Volanten. Von diesem schönen Platz, durch welchen jeder Ankommende eine sehr vortheilhafte Meinung von Havana bekommt, gehe ich zu den vier Hauptstraßen über, sie heißen: Orili, Obispo, Lamperillia und Obra Pia, haben 16–18 Fuß Breite und sind mit schmalen, etwa 20 Zoll breiten, sehr fehlerhaften, zum Beinbrechen eingerichteten Trottoirs versehen. Man muß sich daher sehr vorsehen, auf diesen Trottoirs nicht auszugleiten, oder von einer vorübergehenden Volante gerädert zu werden. Die Volante ist ein zweirädriges Cabriolet mit einem Pferde, oder auch Maulthier bespannt, die gewöhnlich von einem Neger geleitet werden. Man muß daher mit sehr großer Vorsicht in den Straßen gehen, indem die Achsen dieser Cabriolets 6 Fuß in der Breite messen, und die Räder eine Höhe desselben Maßes erreichen, welche des Umwerfens wegen in der Art angebracht sind, daß der Raum an den obern Theilen auf 7 Fuß anzunehmen ist. Begegnen sich daher zwei solcher Volanten in den 16 Fuß breiten Straßen, so bleibt für den Fußgänger äußerst wenig Raum übrig; ein Rad muß nothwendig über das Trottoir gehen, wobei es nicht selten an den Röcken der Vorübergehenden gereinigt wird. Dazu kommt, daß die Neger darauf los fahren, ohne die Fußgänger anzurufen und Vorsicht zu empfehlen.

Die Straßen sind ungepflastert und daher oft, besonders nach starkem Regen, nicht zu passiren, indem das Wasser 6–8 Zoll hoch steht: welcher Umstand den Wäscherinnen nicht minder als den Volanten eine gute Erndte verschafft, denn es ist in Havana allgemein Sitte, in weißen Pantalons, feinen weißen Strümpfen, und Schuhen mit umgewendeten Sohlen umherzugehen. Bei großem Schmutz müssen diese 3–4 Mal täglich gewechselt werden. Es ist nichts Seltenes, daß Commis von Comptoiren 15 Piaster Waschgeld pro Monat bezahlen; ein junger Mann versicherte mir, daß er im Sommer täglich dreimal die Wäsche wechsele, und wohl 7 Dutzend Pantalons besitze. Die Kutscher der Volanten sind oft so mechant, daß sie im Vorbeifahren vorsätzlich den Vorübergehenden die weißen Pantalons beschmutzen, damit diese einsteigen und nach Hause fahren müssen, um auf’s neue Toilette zu machen. Man bezahlt für eine Tour etwa acht Groschen Courant, bei schlechtem Wetter oft das Doppelte.