Für die ankommenden Schiffer ist hier die Art und Weise des Abladens weit angenehmer als in New-York; es wird ihnen hier sogleich nach ihrer Ankunft ein bestimmter Platz dazu angewiesen, wogegen sie in New-York vielleicht 10 Tage warten müssen. Da indessen die Räume für die Waaren, die zur Niederlage gebracht werden, zu klein für die Importation sind, die Zollbeamten aber auch nur bis 12 Uhr Vormittags arbeiten, so ist es gar nichts Seltenes, daß die Empfänger von Gütern vier Wochen und noch länger warten müssen.

Das Weihnachtsfest begann hier ohne besondere Zurüstungen und Festlichkeiten; am sogenannten heiligen Abend sah ich nichts Ungewöhnliches in der Stadt vorgehen. Nur die Schiffer kündigten das Fest dadurch an, daß sie alle vom Werft in den Strom hinauslegten. Die bedeutenden spanischen Handlungshäuser schließen ihr Geschäft bis zum zweiten Januar und besuchen ihre Freunde auf dem Lande. (Es giebt hier nichts als Sommertage.) Man fährt von einer Plantage zur andern, und findet überall Schmausereien und Bälle. Die Commis machen es eben so; sie fahren auf der Eisenbahn, oder auch auf Dampfschiffen zu ihren Bekannten. Die Gastfreundschaft ist hier größer, als ich sie irgendwo gefunden habe, indeß sind auch solche Parthieen in der Regel sehr kostspielig, indem man an dem National Hazardspiele Theil nehmen muß, welches, wie alle dergleichen Spiele, für Pointeurs nachtheilig ist, man jedoch Theil daran zu nehmen nicht gut verweigern kann, weil jeder Spanier gern spielt, und als Wirth es einigermaßen erwartet, daß die Geladenen sich nicht davon ausschließen werden. Ein junger Deutscher versicherte mir, bei einem sehr gemäßigten Spiele 8 Unzen (à 17 Piaster die Unze) verloren zu haben. Mit dem 24. December hören alle Geschäfte auf, selbst der Packhof bleibt von diesem Tage an bis zum 2. Februar geschlossen — sehr hart für Geschäftsleute.

Das Weihnachtsfest wurde von Mitternacht an aus allen Kräften mit allen Glocken verkündet. Es regnete in Strömen, und dennoch zogen die Menschen zu jener Zeit in Massen nach der Kirche. Junge Leute von allen Religionen verfehlten nicht, den Messen und — noch etwas Anderem — beizuwohnen. Da ich indeß in meinem Leben von den Leipziger und Frankfurter Messen zu viel Genuß gehabt habe, so blieb ich von diesen Messen zurück, und legte mich in meiner Arche zu Bette.

Am Nachmittage des Weihnachtstages begab ich mich nach dem sogenannten Passeo de Tacon, einer von dem vorigen Gouverneur in großem Stil angelegten Promenade, welche, wenn die darauf gepflanzten Orangen-, Ceder-, Cocus-, Palm- und Brodbäume in Zeit von 50 Jahren etwa einmal Schatten für die Spaziergänger darbieten werden, zu den ersten Promenaden auf der Erde gerechnet werden dürfte. In derselben fand ich mehrere 100 Volanten, die, wie in St. Petersburg bei großen Schlittenfahrten in der Butterwoche, in der größten Ordnung fahren. Lanciers bilden eine Barriere zwischen den Hin- und Zurückfahrenden. Die Damen sitzen en deux oder auch en trois in Ball-Anzügen in den Volanten, wo sie ihre sehr schönen Füße, welche in den allerschönsten seidenen Strümpfen und Atlas-Schuhen ihr Obdach haben, so vortheilhaft präsentiren, daß die Vorübergehenden über diesen reizenden Theil des weiblichen Körpers ein vortheilhaftes Urtheil auszudrücken sich nicht enthalten können. Ich muß gestehen, daß ich die schönsten Füße, und die geschmackvollste Chaussirung hier antraf, denn was man in Paris und London nur hin und wieder sieht, das findet man hier im Allgemeinen. Dies ist wohl dem Umstand zuzuschreiben, daß die hiesigen Damen wenig oder gar nicht stehen oder gehen; in ihren Wohnungen sitzen sie stets und wenn sie durch Geschäfte aus dem Hause gerufen werden, so fahren sie in ihren eigenen Volanten, die jede Frau zu ihrer Disposition hat. Alle Einkäufe werden in den Volanten gemacht; die Laden-Diener müssen die Artikel, nach welchen die Käuferinnen fragen, an den Wagen bringen, man beordert, das Nöthige zu schicken, und fährt dann nach einem Conditor-Laden, um Gefrornes zu genießen (ebenfalls im Wagen). Aus diesem Grunde hat Jeder, der einen offenen Laden besitzt, eine Masse von Dienern nöthig, welche, wenn das Wetter die Damen vom Ausfahren abhält, den Orgelpfeifen gleich, hinter den Ladentischen stehen. Da die Damen hier zu Lande das Abdingen nicht so verstehen, wie die Berliner Damen, so weiß der Verkäufer es so einzurichten, daß dieselben den Lohn für jene Masse von Dienern mit bezahlen müssen. — Als ich gegen 8 Uhr von meinem Spaziergang durch die herrliche Allee von Orangen etc. zurückkehrte, dachte ich an meine guten Berliner, und wünschte, daß sie meinen Genuß auf diesem Spaziergange mit mir theilen könnten, ohne daß sie nöthig hätten, sich, wie ich, diesen Winter hier aufzuhalten, denn ein immerwährender Sommer muß dem Menschen, welcher den Wechsel in allen Dingen fordert, am Ende lästig werden, und dieses war mit mir der Fall.

Obgleich ich schon einiges von den häuslichen Einrichtungen in Havana berührt habe, so erscheint mir doch dieser Gegenstand wichtig und interessant genug, um etwas ausführlicher darüber zu sein. Das Erste, woran Jemand denkt, der sich hier etablirt, ist der Ankauf von Sclaven. Viele Leser werden hierin etwas Widriges, und Ungerechtes erblicken, daß man einen Menschen als Sache behandelt und ihm die Freiheit nimmt, zu der er geboren ist. Allein, da hier keine Dienstboten zu miethen sind, und man dienende Leute nicht gut entbehren kann, so muß man schon zum Ankauf von Sclaven, d. h. der Neger schreiten, die hier wie ein Bündel Schwefelhölzer d. h. mit derselben Gleichgültigkeit gekauft und verkauft werden. Sie sind zu jeder Zeit zu haben, da es sehr viele Kaufleute giebt, die auf diesen Artikel spekuliren und immerwährend ein wohlassortirtes Lager von 6–800 besitzen. Der Preis eines Sclaven ist 400 bis 450 Piaster en detail und etwa 360, wenn man en gros kauft. Ueber den Handel en gros werde ich weiter unten ausführlicher sprechen.

Hat man Sclaven, so sieht man sich nach einem Hause um, welches monatsweise vermiethet wird und zwar zu 100 bis 500 Piaster; ein Haus von dem erstern Preise ist sehr unbedeutend, und eins von dem letztern nicht das ausgezeichnetste. Das Ameublement ist im Durchschnitt höchst mittelmäßig und mit dem in Europa in gar keinen Vergleich zu stellen.

Die Hauptrolle in demselben spielen die Armstühle, statt der vier Füße mit zwei Untergestellen, wie in Europa die Wiegen, versehen, wovon sechs bis acht vor den großen nur mit eisernen Gittern, ohne Glas, umgebenen Fenstern zum Empfang der Gäste bereit stehen. Die Damen sitzen Abends auf denselben und schaukeln sich, um von den Vorübergehenden bewundert werden zu können. Die Zimmer sind entweder durch hängende Lampen erleuchtet, oder dieselben stehen auf einem Tische in der Mitte des Zimmers. Ein oder zwei Volanten müssen in den Vorhäusern zum Zeichen der Wohlhabenheit des Eigenthümers, und zur Unbequemlichkeit der Eintretenden dastehen; hin und wieder bemerkt man auch eine Volante im Gesellschaftszimmer in der Nähe des Piano. An der Thür muß ein Portier im weißen recht feinen Hemde sitzen, und seinen Cigarr rauchen, wenn das Haus einen vollkommenen Anstrich von Anständigkeit haben soll; die Portiers sind gewöhnlich Spanier. Oft sieht man im Vorbeigehen die ganze Damengesellschaft auf ihren Schaukelstühlen oder am Fortepiano mit brennenden Cigarren. Die Köche sind in der Regel freie Menschen und werden für ihr Metier sehr gut besoldet. Hier ist, wie es sich von selbst versteht, nur von Häusern erster Klasse die Rede. In der Mittelklasse sucht man gewöhnlich einen Sclaven zum Koch abzurichten, was sehr leicht ist, denn die Hauptkunst besteht hier darin, die Fricassées in Oel schwimmend auf den Tisch zu schicken, die Fleischspeisen zu Brei zu kochen oder zu braten, und mit tüchtig viel Knoblauch und Zwiebeln zu würzen. Die Bedienung bei Tische geschieht durch Sclaven, welche wie die Hunde dressirt sind, und beständig auf die Gäste aufmerken. Da steht Einer mit der vollen Flasche in der Hand, um das leere Glas sofort zu füllen; dort steht ein Zweiter, die Hände über die Brust gefaltet, er sieht den Gast scharf an, um seine Befehle entgegen zu nehmen; ein Dritter paßt mit reinen Tellern, Gabeln und Messern auf den Dienst. Bei Leuten untern Ranges ist es eben so, nur unterscheiden sich die Sclaven im Anzuge und es gilt von diesen, was der große Kant in seiner Anthropologie von den Polen bemerkt, daß nämlich bei den Großen in Polen man von Silber speise, und die Bedienung ohne Schuhe und Strümpfe aufwarte, wozu in Havana oft noch zerrissene Kleider kommen. Dem Eingebornen ist solche Schwäche nachzusehen, aber die Ausländer, die Deutschen sollten hier dasselbe thun, was sie in den V. S. thun müssen, d. h. sich ihre Diener von Europa mitbringen. Doch was giebt es in Westindien für Deutsche? daß sich Gott erbarmen möge! Größtentheils solche, welche sich in Bremen mit Tabacks-Krämerei beschäftigt haben.

Haushaltungen kosten hier sehr viel; die Frauen in denselben bekümmern sich um nichts, jeder einzelne Sclave um das, was ihm übergeben ist; der Einkäufer von Proviant sorgt hauptsächlich für Knoblauch, das Lieblings-Gewürz der Spanier. Die Anzahl der Gerichte ist hier sehr bedeutend, aber die Schüsseln von geringem Umfange, und der Inhalt derselben ist wegen der ungeheuern Oeldecke schwer zu ermitteln. Es wird sehr rasch gegessen, Caffee getrunken, ein Cigarr geraucht, wenig gesprochen und man entfernt sich. Hinsichtlich des Essens befinden sich die Sclaven hier außerordentlich wohl, da sie Alles in Ueberfluß haben und daher mit ihrem Schicksal in Havana nicht selten zufriedener sind, als mit dem vorigen in Afrika. Die Neger, welche in gallonirten Jacken und Schuhen ohne Strümpfe, an deren Stelle sie große Cürassier-Schäfte von gebranntem Leder, auf deren Stülpen sich Silberstifte in Unzahl befinden, mit Schnüren über den Beinen befestigen, dünken sich Groß-Moguls zu sein, wenn sie mit großen silbernen Sporen und Schnallen, durch welche letztere jene Schäfte unter den Knieen befestigt sind, ihren Gebieter vom Pferde herab kutschiren. Alles, was man in Europa an den Wagen und Geschirren in Gürtlerarbeit von Bronce bemerkt, wird hier meistens vom besten Silber verfertigt, und alles dies ist für Leute ersten Ranges, an welche sich die deutschen Commissionaire auf Unkosten der europäischen Geschäfts-Freunde anreihen, unbedingt nothwendig.

Den zweiten Festtag wendete ich dazu an, mich mit den Vergnügungen der Sclaven bekannt zu machen; ich durchstrich die entlegensten Theile der Stadt, um die Belustigungs-Oerter dieser unsern Gefühlen nach unglücklichen Menschen aufzufinden. Indeß giebt es freilich nur wenige Herren, die nicht ihre Sclaven, einige Stunden der Ruhe abgerechnet, ununterbrochen im Joche halten. Ich folgte dem Zuge einer Masse von jungen Negern und langte in ihrer Mitte unter den Wällen der Festungswerke an. Mehrere Trommeln und verworrenes Geschrei, welches die Unglücklichen Gesang nennen, zogen mich zu den Häusern, wo die Belustigung stattfand, und ich sah eine junge Negerin die Königin des Balles machen und tanzen, nach der Trommel und dem Geschrei der zuschauenden Neger; Arme und Körper bewegten sich nach dem Takte, und sie gefiel ungemein; diesen Ball hatte, wie ich hörte, ein Cigarren-Fabrikant veranstaltet, der seine Arbeit wegen Mangel an Taback auf 14 Tage einstellte.