Die Erfahrung, welche ich in Hinsicht des Handels hier machte, war für mich höchst traurig; ich werde Alles ziemlich ausführlich erzählen, damit der kaufmännische Leser auf seiner Hut sei und nicht ein ähnliches Schicksal erleide.

Ueber die
Handels- und Geschäfts-Verhältnisse
in
Havana.

Mein Correspondent, der Herr M... aus Bremen, war gleich bei meiner Ankunft sehr gesprächig und zuvorkommend. Da es hier üblich ist, den ankommenden Geschäftsfreunden seinen Tisch zu offeriren, so verfehlte auch Hr. M... nicht, mir zu eröffnen, daß ich an seinem Tisch ein Couvert für mich bereit finden würde. Ich habe indessen nie da gefrühstückt, und ging höchstens ein paar mal die Woche zum Mittagessen hin und zwar lediglich, weil mir das Essen in der ersten Restauration la belle Europe zuwider war. Die Bedienung der Restauration nämlich erscheint mit brennenden Cigarren im Munde und Pantoffeln über den nackten Füßen. Wenn etwas von der Asche des Cigarrs auf den Teller fällt, so wissen die Aufwärter dieselbe sehr gewandt fortzunehmen, und dies möchte noch hingehen; aber nichts Seltenes ist es auch, daß sie, wenn sie Bratfische oder Pudding bringen, vor dem Ueberreichen sich von der Wärme dieser Speisen überzeugen, und mit dem Tabackssaft an den Fingern dieselben betasten. Daher nahm ich zuweilen, obgleich mit einem innerlichen Widerwillen, den Platz ein, den M... an seinem Tische für mich bestimmt hatte. Die ganze Gesellschaft war gewöhnlich im Negligé, was auf mich einen höchst unangenehmen Eindruck machte. Die Unterhaltung war eben so trocken und kraftlos wie die Braten, beides nicht für einen deutschen Geist und Magen. Ich merkte bald, daß M... sich für mich intressirte, in der Hoffnung, große Geschäfte mit mir zu machen; daß dies von keiner großen Dauer sein würde, war leicht vorauszusehen, und zeigte sich bald aufs Deutlichste.

Als er eines Nachmittages über Zucker-Spekulationen zu sprechen anfing, und mir zuredete, daß ich eine im Belauf von 40,000 Piaster zu unternehmen nicht säumen möchte, und gute Rechnung finden würde, erwiederte ich ihm: In meinen Jahren ist der Kaufmann, der etwas Vernunft besitzt, nie so ambitiöse, sich über seine eigene Kräfte erheben zu wollen; wenigstens denke ich so, und werde mich daher nie in unabsehbare und unberechenbare Spekulationen einlassen. Meine Antwort mißfiel ihm sichtlich, und er entgegnete: „freilich wird man bedenklich, wenn man alt wird.“ Er brach jetzt ab, indessen bemerkte ich von nun an eine Gleichgültigkeit und Kälte, die sich in der Folge noch vermehrte, als er sah, daß ich mich selbst um den Verkauf meiner Waaren zu bekümmern anfing. Ich zeigte nämlich die Proben von einigen meiner Artikel in einem Handlungshause, und der Chef desselben, ein gewandter Geschäftsmann (Pole), sagte zu mir: „diese Waaren verkaufe ich Ihnen, sobald wir etwas von Mexico erfahren; ich habe einen Mann, der für 150,000 Piaster kaufen wird, er will jedoch zuvor das Paquet von Vera-Cruz abwarten.“ Auf sein Anrathen ließ ich die Proben bei ihm liegen. Mit Proben von einem andern Artikel begab ich mich nach dem Comptoir eines Amerikanischen Hauses, und erfuhr, daß diese Waare knapp (rar) und folglich gesucht sei; ich acceptirte den vorgeschlagenen Preis und verkaufte diese Waare sogleich. Als ich nun dem M... sagte, daß ich die Waare, von welcher er mir gesagt hätte, daß sie gar nichts werth sei, weil es keine Käufer dafür gebe, verkauft hätte, und ihm auftrug, sie dorthin zu expediren, so ergrimmte er gänzlich; auf alle meine Fragen wurde mir wenig oder gar keine Antwort ertheilt, kurz er wollte mir jetzt über Nichts Rede stehen. Aufgebracht über dies Verfahren, stellte ich ihn endlich förmlich über sein Betragen gegen mich zur Rede und erhielt zur Antwort, daß ihm meine Geschäfte nicht conveniren könnten, indem er nicht gewohnt sei, daß Leute, welche Waaren bei ihm in Commission hätten, sich selbst um den Verkauf bemühten, und Proben herumzeigten. „Wir wollen das jetzige Geschäft abwickeln,“ setzte er hinzu, „und an kein neues denken; überdies sind Sie mir fremd, da Sie kein Empfehlungsschreiben aus Europa an mein Haus mitgebracht haben.“ Ich entgegnete: „fremd kann ich Ihnen unmöglich sein, da ich eine bedeutende Parthie Waare bei Ihnen liegen und schon mehrere Jahre mit Ihrem Hause in Verbindung gestanden habe. Daß ich dieses Geschäft mit Ihnen abwickele, ist freilich nothwendig.“ — Hier muß ich eine Bemerkung einschalten. Es scheint nämlich in dieser Stadt eine Convention unter den Commissionairen zu sein, daß sie keine Geschäfte, welche bereits einem andern Hause übertragen gewesen sind, übernehmen. Es verhält sich also mit diesen, wie mit den Karrenschiebern in Holland. Diesen durfte man nichts zum Fortschaffen übergeben, ohne vorher aufs bestimmteste mit ihnen accordirt zu haben, denn hatte derselbe die Sachen eine kurze Strecke gekarrt, so forderte er seinen Preis, und verweigerte man ihm diesen, so warf er das sämmtliche Gepäck von der Karre herunter, und man mußte sich dann der Willkühr eines andern Karrenschiebers unterwerfen. „Da ich also das Geschäft mit Ihnen abwickeln muß,“ fuhr ich fort: „so bin ich Ihnen für Ihr gefälliges Anerbieten sehr verbunden; daß ich übrigens die Proben selbst vorgezeigt, können Sie mir um so weniger übel nehmen, da Sie mir den Artikel als unverkäuflich schilderten, welchen ich selbst sofort verkaufte; da mir ferner Ihr Verkäufer, wenn ich ihm Käufer für einen oder den andern Artikel nenne, erwiedert: Sie wollen doch wohl nicht, daß ich zum Käufer hingehen soll, um die Waaren anzubieten? Wird er hieher kommen, um die Waaren zu kaufen, so werde ich mich bemühen, etc.“ — Hierauf erwiederte M... „Nun gut! Wir wollen es abwickeln,“ und ich verließ ihn. Ich mußte ihm alle Proben zustellen, die jetzt ruhig liegen blieben. Wären meine Waaren in den Händen eines andern Commissionairs gewesen, so würden sie sicherlich nach der Einnahme des Forts von Vera-Cruz verkauft worden sein, aber so blieben sie leider unverkauft; nachdem die Nachricht von der Niederlage der Republikaner von Vera-Cruz eintraf, war an das Verkaufen derselben nicht mehr zu denken.

Das Waarengeschäft ist in ganz Westindien das schlechteste von allen Geschäften, besonders für die Europäer, welche es durch Commissionaire betreiben zu lassen für gut erachten, die entweder Tabacks- und Käse-Verkäufer in Hamburg und Bremen, oder auch Händler fertiger Wäsche gewesen sind, denen es daher an Waarenkenntniß gänzlich mangelt. Junge Leute, die zum Schreiben in Comptoirs, oder bei Lotterie-Collecten in Hamburg 5 Jahre als Lehrbursche gearbeitet haben, werden als Verkäufer engagirt, bekommen, da sie sich der Gefahr des gelben Fiebers aussetzen, große, ja enorme Salaire, und die Vollmacht, über das im Schweiße des Angesichts erworbene Eigenthum der in Europa wohnenden Kaufleute oder Fabrikanten frei zu schalten und zu walten. Der Commissionair will verkaufen, um seine großen Ausgaben für den Lohn der Leute, Miethen und luxuriöse Lebensweise zu decken. Zehn Procent wird für die Verkäufe, Garantie und das Remittiren in Rechnung gestellt; rechnet man aber das Angehängte hinzu (worüber ich später ausführlicher abhandeln werde), so sind es wohl 15 Procent, die in Rechnung gebracht werden. In den Comptoirs und demzufolge in den Caffeehäusern wimmelt es stets von jungen Comptoir-Bedienten, diesen Blutegeln für die europäischen Kaufleute, die nach Westindien Handel treiben. Es wird mit dem Gelde geworfen, die feinsten Weine werden getrunken, Landparthieen, die 50–80 Piaster kosten, werden unternommen, und wer bezahlt Alles dies? Antwort: wir armen Europäer. Wir erhalten nicht nur die Equipagen, die Sclaven, die Maitressen der Principale, sondern wir müssen auch Sorge dafür tragen, daß die Handlungsdiener sich Reitpferde halten, jeden Abend die italienische Oper oder das Theater de Tacon à 1½ Piaster Entrée etc. und nach Beendigung derselben ihre Mädchen mit fünf Piastern in der Hand besuchen können. Wer dies Alles gesehen und die Art und Weise der Verkäufe beobachtet hat, dem vergeht ohne Zweifel die Lust, Geschäfte hieher zu machen. Man hat nur nöthig, mit den Käufern, Mercader genannt, in Berührung zu kommen und deren Schlauheit in Benutzung der schwachen Seiten der braven Commissionaire zu bemerken; wer dieses vermag, in dem wird der letzte Funken zu Geschäften aufs Gerathewohl erlöschen. Ich halte es für Pflicht und Schuldigkeit, die Handelswelt auf das Risico beim westindischen Handel aufmerksam zu machen, und werde deshalb (wie schon früher bemerkt) frei und ohne Furcht niederschreiben, was ich erlebt habe; kann Jemand meine Urtheile widerlegen, so werde ich es mit Dank annehmen, jedoch hierzu dürfte schwerlich Einer gefunden werden.

Die Insel Cuba, mit einer Bevölkerung von 800,000 Menschen,[A] unter denen 620,000 Neger und 180,000 Weiße, importirt jährlich für 20,000,000 Piaster, mithin im Durchschnitt für 25 Piaster auf jeden Kopf. Da indessen mit Gewißheit anzunehmen ist, daß die Durchschnitts-Consumtion sich nicht höher als auf 12 Piaster beläuft, so ist der Import auf Cuba noch einmal so hoch, als er sein sollte und wirkt nachtheilig auf die Preise. (Die V. S., mit einer Bevölkerung von 13 Millionen Weißen und 3,000,000 Schwarzen, importiren nur für 140 Millionen Piaster, von welchen noch etwa für 10 Millionen nach andern Staaten, Texas u. s. w. ausgeführt wird). Sämmtliche Waaren werden hingegen in Havana eingeführt und auch daselbst gelöscht, den Waaren-Einkäufern ist mithin hierdurch eine genaue Uebersicht von den Beständen gereicht, und können demnach beurtheilen, ob sie theuer, oder zu wohlfeilen Preisen einzukaufen haben, welches in den V. S. nicht der Fall ist, da es außer dem New-Yorker Hafen viele andere Städte giebt, in welchen Waaren direct importirt und nach dem Innern weiter versendet werden.

Die hiesigen eigentlichen Kaufleute und Waarenhändler en gros, Mercadere genannt, werden es, wie mir scheint, noch einmal dahin bringen, daß Commissionaire für Rechnung ihrer auswärtigen Freunde, deren Waaren sie kaufen, und gewöhnlich erst nach 6–8 Monaten, wenn sie zahlungsfähig sind, bezahlen, daß die Commissionaire, sage ich, für jedes Colly beim Empfang eine gewisse Summe baar ihnen einhändigen müssen, damit sie ihre Miethen und ihren Lohn bezahlen können. Es hat wirklich etwas Komisches, wenn man die Verkäufe in den hiesigen Commissionshäusern mit ansieht, wie diese Mercadere von den Verkäufern schmeichelnd und tändelnd tractirt werden; obgleich Jeder der Hereintretenden gesonnen ist, nicht mehr als höchstens die Hälfte des Fabrikpreises zu offeriren und die Zahlung innerhalb 8 Monaten zu versprechen, so wird er dennoch von den Verkäufern behandelt, als wisse dieser, der Mercader sei gesonnen, für die vorgezeigten Waaren einen ansehnlichen Gewinn und baare Zahlung zu gestatten; und nun die Procedur beim Verkauf! sie ist folgende. In kleinen Handschreiben berichtet der Commissionair den Mercaderen, daß er an diesen bestimmten Tagen im Auftrag eines auswärtigen Hauses eine Parthie Manufactur-Waaren verkaufen müsse, und ersucht diese, sich am Vormittag einzufinden, um die Waaren anzusehen und ein Gebot darauf zu machen. Die Eingeladenen erscheinen, und nehmen eins der geschriebenen Verzeichnisse, worauf diese deutlich specificirt sind, zur Hand, bemerken, nachdem sie die Waaren durchgesehen, auf denselben den Preis, den sie in Bausch und Bogen für seidene-, wollene-, baumwollene-, kurz alle Waarensorten durcheinander geben wollen, fügen ihre Unterschrift bei, legen dies auf den Tisch nieder und gehen weg. Daß die Käufer meistens unter sich einverstanden sind, versteht sich von selbst. Dem, der das größte Gebot gethan hat, schickt nun der Commissionair die Waaren zu; die Hälfte des Factura-Preises muß wenigstens geboten worden sein, wenn der Commissionair sich zum Verkauf geneigt fühlen soll; ist nur 45 Procent geboten, so wird weiter nicht Rücksicht auf ihn genommen. Bei Leinwand findet die Ausnahme statt, daß der Commissionair nur auf 15, höchstens 20 Procent unter den Fabrikpreisen eingeht. Die Käufer sind in der Regel nicht dringend mit ihrem Einkauf, da sie in derselben Woche vielleicht zehn dergleichen Einladungen von andern Commissionairs zu erwarten haben. Sie kennen die Bestände, den Bedarf, und wissen, daß für die ankommenden Waaren, durch Fortschaffung der alten, Platz werden muß, eben so gut, als daß der Commissionair rasch verkaufen muß und möchte, um die Waaren, worauf er 10 Procent für Provision verdient, selbst zu verkaufen und nicht durch Andere verkauft zu wissen, denn wie leicht könnte die Ordre zur Auslieferung von Europa eintreffen! Alles dies trägt dazu bei, daß die Käufer nie auf den selbstbestimmten Preis etwas zulegen und sich des Zuschlags für gewärtig halten. Die letztere Furcht aber wirkt am meisten. Es kommt daher nicht selten vor, daß hiesige Commissionaire, wenn sie sich im Auftrage eines Europäers zum Empfang der Waaren melden, die Antwort erhalten: die Waare ist schon verkauft, und die Abrechnung, welche bereits ausgefertigt ist, geht mit erster Gelegenheit ab.

Wie die Verkäufe hier betrieben werden, ist mithin eine Factura überflüssig, und man kann sich in Europa der Mühe überheben, dergleichen, anzufertigen, da sich kein Commissionair daran hält, es vielmehr den Käufern überläßt, die Preise festzustellen.

Detailleurs giebt es hier in Unzahl, d. h. unbedeutende Krämer-Läden, welche hier Magazin genannt werden, nicht aber bedeutende, wie in den V. S. und in Europa. So klein indeß wie sie sind, so vielfältig sind die Artikel, die man in denselben antrifft; von Allen liegen einige Stücke da, aber Leinwand spielt die Hauptrolle. Deshalb müssen auch viele Diener gehalten werden; vier ist die geringste Anzahl. Die Detailleurs kaufen nichts von den importirenden Kaufleuten, aus dem Grunde, weil sie ganz von den Mercaders abhängig sind, und alle Waaren von ihnen entnehmen müssen — bei Gefahr, ihres Credits verlustig zu gehen. Sie stehen unter starker Controlle, und die Preise sind in allen Läden so ziemlich gleich.