Hausirer giebt es in Masse; man sieht sie hier beim größten Schmutz in den entlegensten Straßen der Stadt, Männer und Weiber von allen Nationen, vorzüglich aber Neger; sie sind eben so zudringlich wie die Collecteurs der hiesigen Lotterie, welche jede drei Wochen gezogen wird und 144 Gewinne und 23,856 Nieten enthält. In Lumpen gehüllt, ohne Strümpfe und Schuhe, sieht man diese Collecteurs umherlaufen, wobei sie ihre Viertel-Loose à 1 Piaster ausschreien, wie Gemüseweiber bei uns. Sie sichern der Regierung eine Revenue von 25,000 Piaster pro Monat; sie kaufen eine Anzahl Loose auf Speculation, und bestimmen die Preise, je nachdem sie Liebhaber dafür finden. Viele Abnehmer finden sie unter den Sclaven, welche nach ihrer Freiheit streben, die sie nur gegen Erlegung der für sie bezahlten Summe erlangen können. Jedoch auch der Spanier, so wie jeder Ausländer spielt mit Leidenschaft; oft wird der doppelte Werth für ein Loos bezahlt, wenn die Ziehung ihren Anfang nimmt. Hat der Collecteur sein Loos verkauft, so bekümmert er sich nicht mehr um dasselbe. Sobald die Ziehung, welche nur ¼ Stunde dauert, vorüber ist, werden gleich wieder Loose zur folgenden ausgeboten, und wirklich verkauft. Einmal im Jahre, am Geburtstage der Regentin, kostet das Loos acht Piaster, und dann ist der größte Gewinn 40,000, der zweite 8000 Piaster; alle übrigen sind unbedeutend; der Monarch erhält zum Geburtstag aus der Lotterie-Casse 50,000 Piaster.

Zu allen bemerkten Uebelständen im Handel der Commissionaire kömmt nun noch, daß sowohl der größte Theil der Mercadere als die Commissionaire keine Kenntnisse im Waarenfach haben. Um sich gegen Verlust zu schützen, bieten daher die ersteren ungeheuer wenig; oft bietet Jemand 100 Piaster für eine Parthie Waaren; die ein Anderer für 700 Piaster kauft, dennoch haben die Mercadere mehr Kenntnisse als die Commissionaire, und diese glauben den Versicherungen der Käufer Alles. Sind diese daher einig, so wird ihnen ein Artikel, der jenem neu ist, für so viel wie nichts nachgeworfen. Ein Beispiel aus eigener Erfahrung. Ich hatte einen Stoff, für Mäntel passend, an einen Commissionair geschickt und ausdrücklich bemerkt, daß ich wenigstens den Factura-Preis haben müsse. Als ich die Verkaufs-Nota über diese Waaren erhielt, sah ich sie für den halben Factura-Werth verkauft. Um mich zu überzeugen, ob ich selbst die Waare nicht besser verkaufen könnte, schickte ich an ein anderes Haus eine ähnliche Parthie, mit der Ordre, bis zu meiner Ankunft mit dem Verkauf zu warten. Als ich angekommen war, erzählte mir dieser Commissionair, daß derselbe Käufer, der im vorigen Jahre von einem andern Hause dieselbe Waare gekauft habe, auch diese Parthie, jedoch nur zu demselben Preise kaufen wolle, weil er diesen Artikel nur zu Kartuschen an das Gouvernement verkaufen könne. Um diesen unkundigen Commissionair einigermassen vom Holzwege abzuführen, entschloß ich mich die Läden von fertigen Kleidern zu durchstreichen, und überzeugte mich bald, daß derselbe Stoff auch hier zu Mänteln verbraucht werde. Als ich dies dem Commissionair erzählte, wollte er es nicht glauben, behauptete vielmehr, daß dieser Stoff nur zu Kartuschen zu gebrauchen sei. Auf solche Weise verlieren wir armen Europäer durch Unkunde der Commissionaire unser Vermögen, während die Mercadere mit diesem (indem dieselbe den langen Credit genießen) 300 Procent verdienen.

„Macht keine Geschäfte nach andern Welttheilen, besonders nach Westindien!“ so möchte ich meinen handelnden Landsleuten zurufen. Aber die Königliche Seehandlung, höre ich Viele sagen, macht überseeische Geschäfte, warum sollten wir, als gelernte Kaufleute, dieselben nicht mit eben so viel Nutzen, wie jenes Institut treiben können? Hierauf entgegne ich: ist es denn so gewiß, daß jenes Institut bei diesen Geschäften Gewinn hat? Antwort: Nein! Hierbei fällt mir ein, was einst der denkwürdige Minister Maaßen bei einer Unterredung mir sagte: Der Staat muß zuweilen, ohne eine Miene zu verzucken, eine Million Thaler verlieren; obgleich dies sehr viel für unsern Staat ist, so ist es dennoch nicht viel, wenn eine hohe Nothwendigkeit es gebietet. Wir wollen ein Beispiel anführen. Die Seehandlung hat Schiffe, Eins derselben liegt in Havana, S.... et Comp. sind die Agenten; sie können dieses Schiff nicht mit Ballast zurückschicken, um so mehr, da die Zucker-Erndte vor der Thür ist. Beladen Sie es mit Zucker! Schreibt die Deputation der Königl. Seehandlung an ihren Agenten in Havana; sie denkt, unsere Raffinerieen brauchen rohes Material und werden sicher vorzugsweise von dem Institut kaufen. Man kauft, man trassirt, der Zucker wird verschifft. Die Havanesischen Häuser bemerken es und sprechen: die S... et Comp. kaufen 4000 Kisten; es muß in Deutschland etwas Bedeutendes vorgehen; wir müssen für unsere Freunde in Europa sorgen! Und warum sollten sie nicht für diese sorgen, da sie sich doch zugleich selbst dabei versorgen? Somit kaufen auch alle diese für Rechnung der Europäer Zucker, welcher nun in Havana im Preise steigt, schicken diesen so rasch als möglich ab, damit ihre Ladungen vor denen der Seehandlung in Hamburg eintreffen mögen; sie trassiren 2 Monat Sicht für den Belauf und melden den Verkauf der in Commission gehabten Leinwand etc., wodurch zwar Verlust entstanden sei, welcher jedoch durch den höchst vortheilhaften Einkauf des Zuckers bald um das Doppelte ersetzt werden müsse. Ihre Zucker-Sendungen langen nun wirklich vor denen der Königl. Seehandlung an; um jene Entnehmungen zu decken, werden sie jetzt per Auction verkauft, weil sie verkauft werden müssen, und siehe da! das Provenue ist 3 Piaster pro Kiste unter dem Einkaufspreis. Hat die Deputation der Seehandlung dieses voraussehen können? Oder wird diese den Nachtheil der Spekulation fühlen? Nein! Wohl aber fühlen den Nachtheil und Schaden die europäischen Kaufleute, und zwar doppelt, weil sie auf zwei Seiten verlieren, wogegen die Havaneser Commissionaire die zweifach Gewinnenden sind.

Aehnlich wie die Havaneser in Zucker-Spekulationen mit der Seehandlung wetteifern, ähnlich machen es die Bremer und Hamburger, wenn sie jenes Institut auf Fabrik-Erzeugnisse eingehen sehen. Allein dieses hat sehr viele und gute Mittel, und außerdem, wie mir der Herr Minister Rother schriftlich versicherte, lauter erprobte Commissionaire; den spekulirenden Kaufleuten fehlt es aber an beiden. — Daher, sollte jedes Geschäft nach und von Westindien von Niemanden, als von ganz Reichen unternommen werden.

In Westindien können die kaufmännischen Geschäfte schon deswegen nicht gedeihen, weil, das Geld zu viel Werth hat, d. h. weil es im Verhältniß der Erzeugnisse und der Importation in zu geringer Quantität vorhanden ist. Wo der Zinsfuß auf 21–24 Procent steht, wie es in dem allergrößten Theil Westindiens der Fall ist, da muß der Spekulationsgeist dem Wucher unterliegen. Der beste, stets begehrte Artikel ist baares Geld, Fabrikwaaren der Allerschlechteste. Es klingt sehr lächerlich, wenn man die hiesigen Commissionaire von dem überaus großen Bedarf der Waaren in Havana erzählen hört; daß dies nur Kunstgriffe zur Aufmunterung europäischer Kaufleute sind, liegt am Tage, denn für 800,000 Menschen, unter welchen ⅔ stets im Hemde und leinenen Patalons umherlaufen, langen jährlich über 100 Schiffe, vielleicht gar 150 mit Manufactur-Waaren an. Man sehe die im Königl. Packhofe zur Niederlage gebrachten Waaren-Vorräthe an, und man wird die Hände über’m Kopf zusammenschlagen und fragen: „was sollen diese Vorräthe in einem Lande, was kaum die Hälfte der Bevölkerung Londons hat?“ Anderwärts ausgeführt wird hiervon nichts, denn das Wenige, was zuweilen nach Mexico verkauft wird, ist so gering, daß es nicht in Betracht kommt. Die Commissionaire aber antworten: Unsere Vorräthe, die der Mercadere, und die im Königl. Packhofe (Depot) werden bald verbraucht sein, wenn die Havaneser und Havaneserinnen nur Ernst gebrauchen, jeden Tag ein neues Kleid anziehen und am Abend diese neue Robe fortwerfen zu wollen, wie es oft der Fall ist. Dieses ist das Lied, welches die Herren mit ihren Commis täglich im Chor singen, wenn ein Europäer angelangt ist. Indeß es sind der im Jahre 1838 übrig und unverbraucht gebliebenen Waaren so viele, daß sicherlich für jeden Bewohner der Insel Cuba täglich zwei Kleider gemacht werden müßten, wenn sie in zwei Jahren verkauft werden sollten.

Um eine Krankheit zu heilen, die zwar schon tief Wurzel geschlagen hat, jedoch keinesweges unheilbar ist, wäre Folgendes zu thun nöthig. Für Krankheiten, die aus Ueppigkeit entstehen, werden nicht selten Hunger-Kuren angewendet; so auch müßten die Havaneser Mercadere ausgehungert werden, damit sie nicht ganz das Vermögen der europäischen Kaufleute verschlingen. Mein Vorschlag wäre daher dieser. Kaufleute und Fabrikanten, welche nach Westindien Geschäfte treiben, errichten auf Actien eine Westindische Compagnie, d. h. sie etabliren Depots in Hamburg und Bremen, in welchen sie für den Actien-Belauf Waaren niederlegen und nur zu den festgestellten Preisen, durch die dabei angestellten Verkäufer verkaufen lassen; diese Compagnie muß zugleich mit einem baaren Fonds versehen sein, um Fabrikanten nöthigenfalls gegen das übliche Disconto die Hälfte des Werths ihrer Waaren vorzuschießen. So wie es jetzt in Westindien einige Commissionaire giebt, welche für ihre eigene Rechnung Leinwand aus Europa committiren, so würden sie durch diese Maßregel, wenn sie keine Consignationen erhielten, um nicht stille zu sitzen, für eigene Rechnung Waaren committiren müssen. Der Verkauf für eigene Rechnung würde ihnen besonders dadurch erleichtert werden, daß sie 12½ Procent für Provision, Del credere, Miethen etc. allein verdienen, die der Europäer bezahlen muß, und welche im Durchschnitt den Verlust auf Consignationen ausmachen und welcher im Ganzen genommen nicht übermäßig ist. Waarenbegehr in Westindien würde den Absatz in den Depots befördern, und es würden nicht nur bessere Preise behauptet werden, der Eigenthümer würde durch diese Maßregel auch zu jeder Zeit über sein Eigenthum disponiren können, wogegen er jetzt sehr oft zwei Jahre hindurch, wegen des Schicksals seines Eigenthums in Zweifel ist, und nach Ablauf dieser Frist wohl gar noch Abrechnungen empfängt, nach welchen ihm für 2000 Rthlr. 25,000 Cigarren zukommen.

Indem ich mir vorbehalte, auf die Art und Weise des Verfahrens der hiesigen deutschen Commissionaire zurückzukommen, will ich, ehe ich zu andern Gegenständen übergehe, Einiges über die Grundsätze vieler unter denselben bei Anfertigung von Abrechnungen mit Europäern berichten, was mir von einem nach Europa zurückkehrenden glaubwürdigen jungen Manne mitgetheilt worden ist.

Eine Unterredung des Herrn G. mit dessen Diener.