Reisen ist, wie Viele sagen, eine angenehme Sache, weshalb sehr Viele darnach streben. Was man gern thut, dazu findet man denn auch bald Gründe. Demnach wird sich der Leser auch nicht wundern, wenn der Entschluß, eine Reise nach den Vereinigten Staaten und West-Indien zu unternehmen, mir eben keine große Mühe kostete. Ich hatte zwar keinen Spleen zu vertreiben, wie die Engländer, wenn sie auf Reisen gehen; auch waren es gerade nicht Geschäfts-Angelegenheiten, die meine Anwesenheit dort nothwendig machten; und noch weniger verdiene ich es, zu den unruhigen Köpfen gezählt zu werden, denen überall die Welt zu enge ist. Indeß das kaufmännische Geschäftsleben hat ohne Ausnahme etwas Einförmiges, und langweilet am Ende. Waarenhändler (wozu ich nun leider bestimmt war) entdecken jene Mängel weit geschwinder, als Banquiers, Fabrikanten etc. etc. Wie! dachte ich eines Abends, als ich mich in meiner wohleingerichteten Wohnung in mein sehr comfortables Bett niederlegte, sollst du hier sauer werden? Kannst du nicht auf Reisen das Leben besser genießen? Nicht auch dich besser belehren, und Andern nützlicher seyn, als wenn du hier den alten Schlendrian immer von Neuem durcharbeitest? Mußt du denn stehen bleiben auf der Stelle, wohin der Zufall dich geworfen hat? — — Diese und andere Gedanken, die mich oft aufgeregt hatten, gingen mir jetzt so sehr im Kopfe herum, daß ich noch vor dem Einschlafen den Entschluß faßte, baldmöglichst nach dem neuen Welttheil abzureisen.
Mit demselben Gedanken erwachte ich den andern Morgen, und sogleich hätte ich in den Wagen springen mögen. Ich gratulirte mir selbst zu meinem glücklichen Entschluß, und um mir alle Bedenklichkeiten und Rückwege abzuschneiden, theilte ich sofort mehreren Bekannten meinen Entschluß als unumstößlich mit. Nachdem ich mich auf diese Weise selbst gebunden hatte, fühlte ich mich leichter, und heiterer, und eilte jetzt mit raschen Schritten zur Beendigung meiner Angelegenheiten in Berlin. Es währte gar nicht lange und ich saß in der Schnellpost, bot der Königsstraße, der Schloßfreiheit, Berlin und Charlottenburg ein fröhliches Lebewohl, und näherte mich meinem guten altbefreundeten Hamburg. Meine zahlreichen Freunde daselbst wunderten sich nicht wenig, als sie meinen festen Entschluß vernahmen, und meinten, sie würden mich wohl in einigen Monaten von London zurückkommen sehen. Ungefähr acht Tage blieb ich bei denselben, und fand die alten bekannten Müßiggänger (deren Anzahl hier nicht geringer als in Berlin ist) noch in ihrer alten Arbeit (die Zeit todtschlagen) begriffen, d. h. in Hamburg vom Frühstück bis zum Mittagsessen in den Pavillons, vom Mittagsessen bis zum Theater in den Pavillons, und nach dem Theater bis um Mitternacht in den Pavillons zubringen. Nachdem ich sie hinlänglich angestaunt, und mich über ihre Virtuosität im Müßiggang mehr als jemals zuvor gewundert hatte, befiel mich dennoch die Furcht, davon angesteckt zu werden, und beschloß daher, zur Vermeidung dieser Krankheit, mich dem ersten besten Dampfschiff zur Ueberfahrt nach England zu übergeben.
Durch Güte der hamburger Bootsknechte, und unter Mitwirkung einer hinreichenden Anzahl holsteinischer Zweidrittelstücke (Gulden) befand ich mich bald in der Cajüte des Huller-Dampfschiffs Rob-Roy, ein „höchst bequemes, elegantes, auch überaus rasches Schiff,“ wie die Huller Times meint. Allein mir kommt es so vor, als sei der Redacteur dieses Blattes sehr oft verhältnißmäßig rascher in seinen Urtheilen, wie jenes Dampfschiff auf seinen Fahrten, denn es bewegte sich so langsam fort, daß ich über alle Erwartung spät, und in England viel zu spät ankam, um meine Reise, wie ich berechnet hatte, in der Great Western nach New-York fortsetzen zu können. Sollten die Maschinen vielleicht irrthümlicher Weise den Herrn Redacteur der Times im Schiff vermuthet haben, und, um demselben Zeit zum Nachdenken zu geben, in mäßiger Bewegung geblieben sein? In diesem Falle wäre es für die Passagiere höchst wünschenswerth, daß der Herr Redacteur die Maschinen jenes Schiffs kaufen und sie in seinem Arbeitszimmer aufstellen möchte. — Mir blieb jetzt nichts Anderes übrig, als mit einem noch weit langsameren Dampfschiff von Hull nach London zu reisen, um von dort meine Reise in einem Paquetboot fortzusetzen.
Die Reise nach London bot wenig Bemerkenswerthes dar, die Gesellschaft — inclusive der vielen Schafe die von Hull nach London zur Schlachtbank geführt wurden, — bot auch keinen Stoff zur Unterhaltung dar, und ich behielt Zeit, über die Ausführung meines Reisezweckes nachzudenken, welcher hauptsächlich darauf hinausging, mich der europäischen merkantilischen Welt durch mein Wirken in der neuen Welt eben so nützlich zu machen, als ich, meinen geringen Kräften nach, durch Anordnung beim Expediren ausländischer Waaren an ausländische Kaufleute auf den Meßplätzen für die deutschen Zollverband-Staaten geworden war. Die Zeit verstrich rasch; bald sah ich Londons Zollhaus vor mir, und bald darauf fand ich mich in London wegen der Fortsetzung meiner Reise beschäftigt.
„Für 43 L. Sterl.“ sagte Jemand, „können Sie auf dem Königlichen Post-Paquet die Ueberfahrt nach Havanna mitmachen, wobei Sie jedoch für Bett und Proviant selbst sorgen müssen.“ Für die Planke erschien mir der Preis zu hoch; ich ging deshalb nach den West-Indischen Docks, woselbst ich das Paquetschiff Quebeck segelfertig antraf. Der dienstfertige Capitain forderte 36 L. 15 Sh. inclusive der Lebensmittel, und gab mir nur eine Stunde Bedenkzeit, wenn ich das letzte vorräthige Bett haben wollte. Sofort schloß ich den Handel, und zahlte 16 L. Sterl. à Conto. Die Abreise erfolgte zur bestimmten Stunde, und ein Dampfschiff stand bereit, unser Schiff in’s Schlepptau zu nehmen und es nach Gravesand hinüber zu bringen. Das Wetter war ausgezeichnet schön, was nicht wenig dazu beitrug, mich zu erheitern, denn meine Gemüthsstimmung war durch Verhältnisse, die ich bald an einem andern Ort zu erzählen Gelegenheit haben werde, fürchterlich, jedoch, wie schon bemerkt, keineswegs durch den Spleen. Außer der Cajüten-Gesellschaft waren noch etwa 130 bis 150 Auswanderer meine Reisegefährten. Um den vom Capitain mir zugetheilten Schlaf-Cameraden kennen zu lernen, ging ich jetzt die steile Cajüten-Treppe hinunter. Wie erstaunte ich, als ich das bedungene Bett anderweitig vermiethet, und mich in ein weit kleineres Gemach, nahe der Treppe, verwiesen fand. Der mir zugetheilte Schlaf-Camerad war ein schmutziger Schottländer, der auf eine nicht sehr ergötzliche Weise ein Falset und durch die Nase sprach; er hatte schon acht Tage vor der Abreise am Bord logirt, und das bessere Bett eingenommen. Ich wollte mich beim Capitain beschweren, allein — er war in London, und mir blieb daher nichts übrig, als den Schottländer im Diskant als meinen Schlaf-Cameraden aufzunehmen. Er war in jeder Hinsicht schmutzig, ja der schmutzigste aller Schmutzigen, welche ich auf meinen vielen Reisen kennen gelernt habe.
Bis nach Gravesand begleiteten uns viele Spekulanten mit Proviant allerlei Art; sie fanden, wie es mir schien, ihre Rechnung, indem sie Vieles an die Auswanderer absetzten. Von Gravesand kamen wir nach einer Fahrt von drei Tagen vor Portsmouth an. Der Capitain, der sich einfand, lud sämmtliche Passagiere ein, mit ihm Portsmouth zu besuchen, da wir vor unserer Abfahrt erst bessern Wind abwarten müßten. Nur eine Dame verließ das Schiff, eine Dame, die aus keinem andern Grunde nach Portsmouth mitgereist war, als um durch eine Seekrankheit — der Leser rathe — ihre Schönheit zu restauriren. O Schönheit! Welche Macht übt nur der Gedanke an dich über das schöne Geschlecht aus! Wenn dieses seltsame Schönheitsmittel die erwartete Wirkung nicht verfehlt, so kann die Dame Londons Venus geworden sein, und es dürfte in Folge dessen vielleicht sehr bald an Schiffen für Geschäftsreisende fehlen, denn sie bekam in der That von der Seekrankheit eine gute Dosis, und befand sich während der ganzen Reise in einem beklagenswerthen Zustande.
Schon warten wir bereits vier Tage auf bessern Wind; der Capitain versorgt sein Schiff mit Proviant jeder Art. Unter und mit den vielen Schafen, die derselbe an Bord schickte, erschien auch ein — Constabler, mit dem Auftrage, eine aus London entflohene Ehegattin, welche aus des Gemahls Geldkiste 40 L. Sterl. mitgenommen hatte, in dessen Arme zurückzuführen. Der Capitain stellte es dem Polizeidiener frei, jeden der Passagiere nach Belieben zu arretiren. Eine herrliche Finanz-Operation für den Paquetboots-Verein, indem die Passagiere sammt und sonders ihre Passage bezahlt hatten. Der Beamte kann die gesuchte Person, ungeachtet er von derselben bis zum Kutter begleitet wird, nicht vorfinden; sie sagt ihm ein herzliches Lebewohl und vielleicht noch im Stillen mit Don Juan: „Sagen Sie Ihrer Behörde, daß sie in Zukunft nicht solchen Esel schicke.“
Noch ein kleines Abenteuer will ich erzählen, um den Lesern, die in einen ähnlichen Fall kommen, Vorsicht zu empfehlen. Es war bereits der zehnte Tag, daß wir London verlassen hatten; meine Geduld war bald erschöpft, ich nahm daher jetzt die Einladung des Capitains an, mit ihm und noch einigen anderen Passagieren nach Portsmouth zu fahren. Ich kaufte daselbst mehreres ein, da ich aber Portsmouth langweilig finde, und in keinem von allen Wirthshäusern ein Bett für mich finden kann, so beschließe ich, auf das Schiff, welches etwa vier Seemeilen entfernt lag, zurückzukehren. Es ist sehr finster, das Meer tobt, und bald bin ich von den Wellen durchnäßt.