Wozu wäre dieser prächtige Gerichtshof, dachte ich, erbaut, oder wozu gäbe es Kriminal-Richter, wenn es keine Verbrecher gäbe; zudem kann ich Liebe, besonders in den V. S., nicht für ein Verbrechen halten, also, meinte ich, müssen außer dieser Schneider-Liebe noch andere Dinge hier zum Vorschein kommen. In der Ueberzeugung, daß ich keinen Ausländer hier antreffen würde, da die europäischen Ausreißer lauter ehrliche Leute sein wollen, betrat ich das Innere des Hofes, dessen innere Verzierung der äußeren nichts nachgab. Da saß der Richter (Recorder) zwischen zwei Magistrats-Personen und ich drang so weit wie möglich zu ihm heran, um die Neuigkeiten brühwarm aus der ersten Hand zu erhalten. Es wurden während meiner Anwesenheit etwa 6 Verbrecher abgefertigt, die Alle ihre Unschuld betheuerten und ich, der ich mich zu den ersten Physiognomen nicht zähle, wollte sie schon für unschuldig passiren lassen, allein der Recorder war anderer Meinung, da er sie alle zu 6–12 monatlicher, harter Arbeit verurtheilte. Bei keiner von allen Verhandlungen wurde geschrieben, vermuthlich, weil das Papier in New-York zu bessern Zwecken (zu Banknoten) verbraucht wird.
Den Rückweg machte ich durch Chatham, in der Hoffnung, vieles Neue dort aufzufinden, um versprochener Weise darüber zu berichten, allein ich fand Nichts von Erheblichkeit. Die noblen Ostpreußen, Polen, Franzosen u. s. w., bewegten sich in ihrer gewöhnlichen Weise. Es wurden viele Auctionen im Beisein von wenigen Käufern abgehalten; Alle waren lüstern nach meinem Leibrock, Jeder wollte ihn kaufen. Da jedoch dieser Rock der einzige auf meinen Reisen mir noch gebliebene war, so lehnte ich alle Anträge in dieser Hinsicht ab und pries die Havaneser-Commissionaire zum erstenmale im Stillen. Indeß sollte ich denn doch nicht aus dieser interessanten und interessirten Straße abziehen, ohne etwas erfahren zu haben. Als ich eben im Begriff war, fortzugehen, begegnete ich einen Schweizer-Uhrenhändler aus Broad-way, der in der Absicht dorthin gekommen war, eine goldene Uhr nebst Kette zu finden, welche er Tages zuvor an einen jungen Mann für 87 Piaster verkauft hatte, und die diesem während einer Conversation mit einem Mädchen gestohlen worden war. Ich fand dieselbe in dem Auslege-Fenster eines jüdischen Galanteriehändlers, der nicht mehr als 47 Piaster dafür forderte. Auf meine Frage, ob er nicht vielleicht nach der Polizei gehe, um diesen Vorfall zu melden, entgegnete er: „ich werde nicht so thöricht sein, ich habe meine Zeit zu nützlichern Zwecken anzuwenden.“ Sehr bald bekam ich Gelegenheit, mir die Gleichgültigkeit dieses Uhrenhändlers bei diesem Diebstahl zu erklären. Unmittelbar nach dieser Conversation traf ich bei diesem Uhrenhändler einen sehr verdächtig aussehenden jungen Mann als Verkäufer einer goldenen Uhrkette, welche der Ladenherr in seiner rechten Hand auf den Werth von 4 Piaster abschätzte und dem Verkäufer diesen Preis dafür zahlen wollte. „Ist es denn Ihr Ernst; diese Kette für ein solches Lumpengeld zu kaufen?“ fragte ich, „sie ist sicher gestohlen und Sie sollten sie daher gar nicht kaufen wollen“, fuhr ich fort. „Kaufe ich sie nicht, so wird sie in Chatham gekauft“, entgegnete er; indeß der Handel kam nicht zu Stande, weil der Verkäufer große Eile verrieth und nicht lange handeln wollte.
Ich führe dies aus keinem anderen Grunde an, als um den Leser von der Denkweise der hiesigen Käufer, die als solche stets auf ihrem Platze stehen, zu unterrichten. Diebstähle können nicht leicht entdeckt werden, da die Gegenstände vermöge der lebhaften Dampfschifffahrt jede Viertel-Stunde expedirt werden können und da überdies sich stets Einkäufer aus Westindien, zum Einkauf gestohlener Gegenstände, in allen Städten der V. S. befinden.
Mit der gewöhnlichen Entschuldigung aller Müßiggänger (denn zu diesen gehörte ich jetzt), schlenderte ich zum Zeitvertreibe die lange William-Street hinauf, um wo möglich eingewanderte Deutsche anzutreffen. Da sah ich denn auch bald einen Troß, mit rosafarbenen Strümpfen chaussirt, auf mich zukommen. Aus welchem Lande her? fragte ich den ersten. Von Buffalo, entgegnete er, von dem Ort, wohin wir durch den teuflischen Colonisten-Commissionär Wolf, in der Washington-Straße, gebracht worden sind. Wir mußten ihm das Passagier-Geld auf Dampfschiff und Kanalböten bis dahin abtragen und erhielten dafür Karten. Als wir aber dort ankamen, wurden diese von den Schiffern nicht respectirt und wir mußten die schon an Wolf erlegten Summen nochmals erlegen. Wir waren nicht so schlecht daran, als viele unserer Landsleute, deren Kassen erschöpft waren, nachdem sie den reißenden Geld-Wolf befriedigt hatten. Diesen armen Leuten blieb kein anderes Mittel übrig, als sich den Seelenverkäufern dort in die Arme zu werfen. Dort lauern diese seelendurstige Deutsche im Besitze ihrer, um ein Weniges von der Regierung erstandenen Ländereien, auf einwandernde, dürftige, in der englischen Sprache unkundige Menschen, denen unter solchen Umständen zu ihrer Erhaltung nichts Anderes übrig bleibt, als sich und die Ihrigen Jenen auf mehrere Jahre zu verpfänden.
Ich hatte jetzt genug gehört und schreibe dies zur Warnung aller unkundigen Auswanderer nieder, damit sie sich vor diesem Wolf im Schaafsgewande hüten mögen. Er spricht mit Theilnahme zu den ankommenden Colonisten, zeigt viel Herzlichkeit, giebt auch wohl, nachdem er sich in Besitz der Gelder gesetzt hat, Empfehlungs-Briefe an seinen Compagnon in Buffalo oder sonst irgendwo, aber ein solcher Compagnon kann nicht gefunden werden, weil er keinen haben will, mit dem er seinen Raub theilt.
New-York eignet sich am wenigsten als Landungsplatz für die Auswanderer, denn von hier aus muß eine weite Reise nach dem Innern, woselbst Arbeiter nöthig sind, unternommen werden und diese ist mit einem bedeutenden Kosten-Aufwande verbunden, welcher größtentheils erspart wird, wenn man in Philadelphia, Boston, Baltimore oder New-Orleans landet. Die beste Zeit zur Ankunft daselbst sind die Monate October und November, weshalb die Monate Juli und August zur Abreise zu empfehlen sind. Von Havre gehen wöchentlich Paquetboote ab. Ferner möchte ich Jedem rathen, sich bei seiner Ankunft in Amerika an keinen Commissionair zu wenden, sondern vielmehr irgend einen dort etablirten deutschen Kaufmann aufzusuchen, welcher sich gewiß eher zur Hülfe, als zum Berauben der Ankommenden bereit finden wird.
Der berühmte Franklin empfahl es als Lebensregel, daß jeder Mann, was er auch sonst treiben und unternehmen wolle, ein Gewerbe, ein Handwerk lerne, weil Jeder in den Fall kommen könne, es gebrauchen zu müssen. Ohne zu untersuchen, in wie fern dies auf Alle paßt, halte ich es für gerathener, aus allen Fächern und Gewerben das Praktische, was am häufigsten im Leben vorkömmt, sich anzueignen. Erlangt man auch darin nur oberflächliche Kenntnisse und Fertigkeiten, so kann man sich dadurch doch aus mancher Verlegenheit helfen, die für Andere eben so empfindlich als schwer zu beseitigen ist. Der Leser wird lächeln, wenn ich einige dieser Verlegenheiten näher bezeichne, indessen — er lache meinetwegen — Strümpfe stopfen und Knöpfe an Hemden oder Röcke anzusetzen und es gut zu verstehen, gehört zu den Hauptkenntnissen für Jeden, welcher nach der neuen Welt reisen will, denn von allen Wäscherinnen daselbst will sich keine zu dergleichen Arbeiten verstehen. Hieraus geht denn die Alternative hervor: entweder selbst Hand ans Werk zu legen, oder mit Löchern in den Strümpfen und ohne Knöpfe am Rock umherzuwandern, oder, wenn es für den Gebrauch nicht mehr tauglich ist, das alte Zeug durch neues zu ersetzen. Die Leser, welche vielleicht von bedeutenden Sendungen von Leinen- und Strumpf-Waaren nach der neuen Welt gehört haben, können aus meiner Erzählung bald die Ursache dieser Sendungen auffinden.
Nachdem ich den geneigten Leser von der Nothwendigkeit des Praktischen in allen Fächern zu überzeugen gesucht habe, wird sich wohl Niemand wundern, wenn ich versichere, daß ich mich in New-York auch des Praktischen im Müßiggange befleißigte. Müßiggang praktisch ausgeübt, kann erst zur Wissenschaft, hernach aber zur Kunst werden, allein vielleicht giebt es auch hierin nur wenig wahrhafte Künstler, obgleich die Zahl der Müßiggänger mit jedem Jahr zunimmt. Der Müßiggangs-Künstler muß vor allen Dingen darauf achten, daß er keine einzige Minute zur Disposition seiner Collegen übrig hat, er muß vielmehr stets über Mangel an Zeit klagen.
Da es indeß wenige praktische Müßiggänger giebt, so findet man viele Hypochondristen unter ihnen. Um diesem Uebel entgegenzuarbeiten, sei jeder Studiosus oder Candidat des Müßigganges vorsichtig in der Wahl seines Umganges; er vermeide die Trägen, die Geizigen und die Gourmands, und wähle lebenslustige, mit Kenntnissen ausgerüstete Männer als Gesellschafter, so wird der Müßiggang selbst für den thätigen Mann weniger fühlbar sein. In New-York, wohin so Viele aus Deutschland wegen zu großer Gedankenfreiheit sich geflüchtet haben, kostet die Wahl in dieser Beziehung nicht so viel Mühe, als etwa in Bremen. Deshalb fand ich denn auch dort sehr bald Leute, die mit mir sympathisirten, unter Anderen einen Doctor, welcher, ich weiß nicht mehr genau, aus Hessen, oder aus Baiern flüchten mußte und als Oberlehrer bei einer Schule in New-York angestellt ist; ich fand in demselben, was ich zu finden wünschte.