„Wie wäre es,“ sagte dieser eines Nachmittags zu mir, „wenn wir, da das Wetter so schön ist, mit einem der Dampfschiffe nach Staten-Island (dem Quarantaine-Platz des New-Yorker Hafens) hinüberführen?“ Mir war das ganz recht, und wir gingen sogleich zum Samson, dasselbe Dampfschiff, welches an jenem Festtage, trotz seiner Stärke, nicht stark genug war, die Masse von Menschen zu halten, und zehn Menschen das Leben kostete. Heute that seine Samson’sche Kraft besser ihre Schuldigkeit und bald standen wir auf dem etwa 400 Fuß hohen Belvedere. Nicht mit sehnsuchtsvollern Blicken kann der Prinz von Coburg nach der ihm bestimmten Brittish Queen (Victoria) sich umsehen, als ich nach der von mir erwarteten Brittish Queen, das ganz neue Dampfschiff, welches von London erwartet wurde und worauf ich meine Rückreise nach Europa machen wollte. Allein vergebens! dreißig Meilen weit konnte ich von hier aus die schönen Ufer betrachten und mit einem Tubus jedes Schiffssegel unterscheiden, allein von der angebeteten Brittish Queen ließ sich Nichts sehen.
Unterdessen war es sieben Uhr und Zeit zur Rückkehr geworden. Wir langten sehr bald an der Batterie an, wo ich mich vom Doctor trennte, um nach meiner Wohnung zu gehen. Während ich über den Batterie-Platz schlenderte, fand ich einen Polizei-Diener in seiner Function begriffen; er weckte nämlich einen auf dem Rasen eingeschlummerten Bürger aus seinen vielleicht süßen Träumen, mit den Worten: „wenn Sie nicht sofort gehen, so müssen Sie fünf Piaster erlegen, denn das ist der Preis für eine Schlafstelle hier;“ er stand auf und ging fort. Einen so gutmüthigen und sanften Polizei-Beamten wollte ich persönlich näher kennen lernen; ich war eben im Begriff, ihn anzureden, als ich wegen seines übermäßigen Diensteifers bei der folgenden Sache davon abgehalten wurde. Er trat nämlich an einen jungen Herrn heran, der von einem großen New-Foundland-Dog begleitet wurde, um ihn auf das Gesetz aufmerksam zu machen, wonach es ihm freistehe, den Hund zu tödten. Jener zog denn auch sogleich einen Strick aus der Tasche und führte ihn fort. „Milde Gesetze, noch mildere Vollstrecker und dennoch ein sehr großer Gehorsam,“ sagte ich zu diesem treuen Staats-Beamten, als er weiter gehen wollte. „Dies müssen wir wohl gegen unsere Mitbürger sein,“ entgegnete er; „es thut mir oft leid, die armen Loafers aus dem Schlafe zu wecken;“ — Loafers, muß ich bemerken, sind diejenigen, welche keine Wohnungen haben, vielmehr stets auf dem Rasen, oder sonst außer Betten schlafen; sie sind dessenungeachtet gewöhnlich sehr anständig gekleidet. Eines Tages traf ich einen aus Berlin gebürtigen Loafer in der Batterie, der mit Thränen in den Augen mich um ein Almosen bat; er erzählte, daß er, mit allen erforderlichen Mitteln ausgerüstet, hier angekommen sei, und, nachdem Alles aufgegangen, sich zu den härtesten Arbeiten im Chaussee-Bau hergegeben habe; er habe dieselben in physischer Rücksicht nicht aushalten können, da er wochenlang im Hospital zugebracht habe. — „Es thut mir leid,“ fuhr der Polizei-Diener fort, „allein es ist meine Pflicht; hätte der Mann fünf Piaster, so schliefe er sicher an einem bessern Ort; in einer halben Stunde können Sie ihn an einem anderen öffentlichen Orte schlafend finden.“ — Ein schwerer Dienst für Sie, sagte ich; wie hoch beläuft sich Ihr Gehalt dafür? Nur auf 600 Piaster das ganze Jahr, wobei ich noch jeden Tag die Flagge aufziehen muß — kein leichter Dienst! meinte er.
Nachdem ich in meinem Logis meine Sachen und Gelder revidirt hatte, welche in New-York nicht selten in Abwesenheit des Eigenthümers einen fremden Herrn finden, begab ich mich nach einer sehr beliebten Bier-Kneipe, Shadow (Schatten) genannt, woselbst ich viele Deutsche, Schweizer und Franzosen antraf, lauter Leute, die reich zu werden große Lust hatten. Wir plauderten viel über Deutschland im Vergleich zu den Vereinigten Staaten, besonders aber sprachen Jene über den Unwerth der deutschen Goldmünzen, der Louisd’ore, welche den Leuten für 5⅔ Thlr. aufgedrungen werden und dabei nur fünf Thlr. Werth haben, ferner von den in Philadelphia gebrauten, giftartigen Bieren mit dem Zusatz von Aloe und Taback — ein Beweis, daß nicht aller Kentucky-Taback gebissen und verbissen wird. Da sich mein deutscher Magen hiergegen sträubte, so verließ ich bald diesen Bier-Tempel.
Am folgenden Sonntags-Morgen wollte ich den früher erwähnten Demagogen-Prediger Försch noch einmal hören, allein er war der Ketzerei angeklagt und von der Synode zur Verantwortung gezogen worden. Er hatte seine Gemeinde in New-York verlassen und ein belletristisches Wochenblatt gegründet, worin er sich gegen die Synode vertheidigte. Dabei hatte er zugleich eine neue Gemeinde, einige Meilen von New-York erlangt, wo er nicht wenig Beifall fand und besonders viel mit Trauungen und Taufen zu thun hatte. Bei einer der letztern, erzählte mir der Doctor, soll jener Prediger die Eltern des Kindes gefragt haben, ob er dasselbe in Dreiteufels- oder Gottes-Namens taufen solle! Dazu führt die Glaubenslizenz! Ein Mann, der solchen Unsinn begeht und die wichtigsten Wahrheiten des Christenthums öffentlich verwarf, übt nach wie vor sein Predigtamt aus und wird noch sogar stark besucht! Weniger Glück dagegen dürfte er mit seinem Blatte machen, denn die Deutschen in New-York sind zu sehr mit dem Lesen in Reiskörnern, Tabacksblättern, Schweinsborsten, besonders aber mit ihrer promissory-notes beschäftigt, um Zeit zum Lesen der Journale zu verwenden. Bücher wissenschaftlichen Inhalts finden in den V. S. gar keinen Absatz; nur Schulbücher werden begehrt. Daß die New-Yorker Jugend übrigens sehr gelehrig ist, ergiebt sich schon daraus, daß es so viele gescheidte Männer in Wall-Street giebt.
Unterdessen war von England die Nachricht eingegangen, daß die Ausrüstung der Brittish-Queen mehr Zeit erfordere, als man geglaubt habe, sie werde daher wohl um acht Tage später in New-York eintreffen. Man muß den Damen Zeit zur Toilette lassen, dachte ich; auch hatte ich so Manches noch in New-York zu sehen, daß mir die Verzögerung nicht so unwillkommen war. Zunächst bekümmerte ich mich um das Praktische in der wohlfeilsten Bekleidungsart in New-York. Alles ist hier enorm theuer, sagten Viele; hat man 1500–2000 Piaster Jahrgehalt, und das Jahr ist vorüber, so ist’s mit jener Summe geschehen. Ich habe indeß auf meinen vielen Reisen gefunden, daß man auch in den für theuer ausgeschrieenen Städten und Ländern bei einer gewissen Umsicht und Lokalkenntniß mit Wenigem eben so gut und anständig leben kann, wie die Meisten, welche vieles Geld aufwenden. Meines Erachtens sind die Berliner Meister in dieser Kunst. Man trage ein Souper, bestehend in Nichts anderem, als sogenannten Pell-Kartoffeln, in silbernen Schaalen auf und jeder der Gäste wird von einer boshaften Kritik sich abgehalten sehen, indem der Kontrast ihn zum Nachdenken und Zweifeln bringt, doch zur Sache zurück! Man behauptet, in New-York kostet ein Paar Stiefeln 11 Piaster, ein Paar Pantalons 14, ein Rock 38 etc.; freilich in Broad-Way! allein ein ehrlicher Schneidermeister in Oliver- und William Street begnügt sich mit einem Piaster Arbeitslohn für ein Paar Pantalons und sechs Piaster für einen Rock; kauft man nun das Tuch mit Sachkenntniß, so hat man ein Kleid um den halben Preis. Eben so bekommt Ihr dauerhafte Stiefeln in Nassau-Street um den halben Preis, aber hütet Euch, es bekannt werden zu lassen, daß Ihr Stiefeln aus Nassau-Street tragt, denn Mancher würde sich bedenken, mit Euch auf Broad-Way zu promeniren. Es ist für solche Handwerksleute und Gastwirthe in den V. S. ein Glück, daß Viele hier zwischen den beiden Ausdrücken:
Wir verdienen, was wir brauchen und
Wir brauchen,[L] was wir verdienen.
keinen Unterschied finden können. Mit den Restaurateurs verhält es sich eben so. Der Globe, Sans-Souci und die Gebrüder Dalmonico sind diejenigen, welche nur von Leuten ersten Ranges besucht werden. Hier findet man eine Speisecharte à la Paris in Form eines Buches. Obgleich die Hälfte der darin angeführten Speisen gewöhnlich nicht zu haben ist, so ist es doch eine außerordentliche Charte, und jede Speise, welche zu haben und um das doppelte schlechter und theurer ist, als die Speisen im Dawning’schen Keller in Wall-Street, gilt nichts destoweniger als außenordentlich und jeden als Preis werth. Der Eingeborne indeß ist nicht so thöricht.
Von den Abend-Vergnügungen hatte ich bisher nur einen schattenreichen über die Bierkneipe Shadow abgestattet; ich wende mich zu den ersten und zwar zu dem mit Gas beleuchteten Castle-Garden, ein Schloß-Garten ohne Bäume. Doch nein! eine Trauerweide befindet sich am Eingange. Der Weg zu diesem Garten führt über den Batterie-Platz, den Sammelplatz der schönen Welt nach Sonnenuntergang; er ist mit Gas beleuchtet, hat einen Quai von Granitstein zur Promenade und daneben stehen Bänke für die Ermüdeten; eine herrliche Aussicht bietet sich dar nach den gegenüber liegenden Ufern des Staates Jersey; auch gewähren die am Abend vorüberfahrenden Dampfschiffe viel Vergnügen. Raketten und Trompetenschall ließen sich im Innern, von den Balcons des unbedeutenden Gartens vernehmen. Also zur Casse hin! Sie befindet sich auf derselben Brücke, wo an der entgegengesetzten Seite ein recht elegantes reinliches Flußbad liegt, wo man für fünf Piaster Abonnement den ganzen Sommer hindurch baden kann. Als Ersatz für Handtücher erhält man zwei Flicke von grober, grauer Packleinwand, etwa eine Elle lang, welche nie gerollt werden, damit die Haut nicht verzärtelt werde. Die Importeurs der englischen Waaren werden hier auf eine bequeme Art ihre Emballagen los, wie mir gesagt worden ist. — An der Casse erhielt ich zwei Carten für vier Schilling; für die eine sollte ich, wie der Carten-Empfänger bemerkte, am Buffet Ice-cream (Gefrornes) essen. In Erwägung, daß man Alles, ausgenommen Heirathen, rasch betreiben muß, eilte ich schnell dem Schloß-Garten zu. Er ist ganz wie die Pavillons auf der Aelster in Hamburg gebaut; in der Mitte ist ein freier, mit Kieseln belegter Platz, worauf sich kleine Logen mit Tischen und Bänken befinden. Drei von meinen Sinnen sollten also für vier Schilling beschäftigt und befriedigt werden, allein ich sah mich veranlaßt, den Garten zu verlassen, ehe das Concert begann und das Feuerwerk abgebrannt wurde. Die beiden Sinne des Gefühls und Gehörs gingen also leer aus, dafür aber wurde auf unerwartete Weise das Gefühl sehr beschäftigt — durch Rippenstöße. Von dem Eis ist nur noch zu sagen, daß man den Kältegrad des letzten Winters in New-York und die Entfernung der Zucker-Plantagen darnach hätte berechnen können, denn es war ein sehr hart gefrorner Eisklumpen ohne Geruch und Geschmack.