Um über das Theater berichten zu können, muß man unbedingt dasselbe besucht haben. Obgleich ein verwöhnter Kostgänger (woraus in der Regel Kostverächter entstehen), entschloß ich mich dennoch aus Anhänglichkeit für meinen ehemaligen Reisegefährten, den Director W., das National-Theater zu besuchen.

Da Logenschließer, wie mir versichert worden ist, in New-York große Jahrgehalte von 6–800 Piaster beziehen, so begnügt sich der Director mit Einem für jeden Rang derselben. Diejenigen, welche ihre Billets am Eingange lösen, müssen sich mit den (vom Billetverkauf im Bureau) übrig gebliebenen Plätzen begnügen und von diesen hat der Logenschließer ein Verzeichniß. Durch diese Anordnung mußte ich wohl eine halbe Stunde auf ein Plätzchen warten. Es wurde zum 14ten male die große Oper: Amalie, gegeben, vom ersten englischen Componisten — doch nein! der erste ist wohl der des Volksliedes: God save the king, also die vom allerletzten englischen Componisten verfertigte Oper. Zwei Sänger und eine Sängerin waren hierfür vom Covent-Garden-Theater engagirt worden. Die Yankees waren entzückt und benahmen sich, als wären sämmtliche Sänger mit Amphionsstimmen begabt und als käme das Orchester und die Composition selbst aus der Schule des Orpheus: jedes einzelne Stück mußte wiederholt werden. Orpheus der Erste, als Dirigent des Orchesters ließ sein Instrument (die Geige) durch die Schreiereien der Chöre nicht in Schatten stellen, er wies sie vielmehr mit seinem kräftigen Arm in die Schranken der Anständigkeit zurück. Ueber die prachtvolle Ausstattung des Theaters, über die blauen und rothen Feuer, die am Schluß der Oper brannten, will ich nichts sagen, da dieses Theater seit dieser Zeit im Monat October 1839 durch ein Feuer ganz anderer Art abgebrannt ist.

Auch Seiltänzer sah ich hierselbst, die Familie Ravelé. Da ich dergleichen Künstler in sehr langer Zeit nicht gesehen hatte, so kann ich wohl eher, wie die Meisten, ein Urtheil über die Fortschritte in dieser Kunst fällen, und da muß ich denn bekennen, daß ich vor 30 Jahren mehr Sehenswertheres hierin als jetzt gesehen habe. Hat vielleicht diese Kunst bald das Schicksal der Glas-Malerei, daß sie als eine verlorne zu betrachten ist? Dieser Verlust würde gewiß von Wenigen betrauert werden!

Nach meiner Schilderung der Vergnügungen in den V. S. wird mancher Leser, welcher diese Vergnügungen denen der freien Natur, welche die V. S. in reichem Maaße darbieten, vorzieht, keine Neigung fühlen, dieses Land zum Vergnügen zu besuchen. Abstrahirt man indeß von den Vergnügungen der ersten Art, so kann nicht leicht ein Land gefunden werden, worin man sich, mit Anwendung des Praktischen beim Reisen, die Zeit besser verkürzen könnte, wie hier. Erscheinen doch in diesem Lande täglich 1553 Zeitungen und Journale (dieses ist die Anzahl nach Angabe des Morning-Heralds) von eben so vielen Redacteuren, die Alle es auf das Vergnügen des Publikums anlegen und worunter es sehr viele witzige Köpfe giebt. Unter diesen will ich vorzugsweise nur den Redacteur des Morning-Herald nennen, der täglich 17,000 Exemplare absetzt, ein Blatt, auf welches Jeder mit noch weit größerer Begierde, als auf seinen Caffee wartet und welches von Vielen mit größerem Appetit als dieser verzehrt wird.

Der Europäer überzeugt sich wenige Tage nach seiner Ankunft, daß das von seiner Seite vermißte Militair, die Gensdarmerie und Polizei, durch jene Blätter vertreten wird und daß für Republiken Preßfreiheit eine unbedingte Nothwendigkeit ist, weil die Sittlichkeit, die öffentliche Ordnung und Reinlichkeit in den Straßen lediglich durch die Presse herbeigeführt wird. Der geringste Verstoß gegen Ruhe und Ordnung wird sofort zur Publicität gebracht. Aber wie ist es den Redaktoren möglich, so geschwind und unmittelbar ein solches Ereigniß rapportiren zu können? Der Verfasser glaubt nicht zu irren, wenn er den früher erwähnten Loafers, die in allen Straßen anzutreffen sind, einen großen Antheil an der Berichterstattung zuschreibt. Ihr Honorar kann, nach dem Preis der Blätter berechnet, freilich nicht von solcher Art sein, daß sie ihre jetzigen Schlafstellen auf dem Rasen gegen solche in Aster-House oder andern Hotels austauschen könnten, indeß wäre letzteres der Fall, so würden alle nächtlichen Vorfälle in den Straßen für die Redacteure verloren gehen.

Was nun den allgemeinen Charakter der Amerikaner betrifft, so wird von vielen Autoren, besonders auch von den neuesten Reisebeschreibern, dem Amerikaner der V. S. Geldbegierde oder Habsucht zur Last gelegt. Ehe ich das Resultat meiner Beobachtungen hierüber ausspreche, muß ich Folgendes bemerken: Ist dieser Vorwurf, den die Europäer den Amerikanern machen, gegründet, so fällt er auf die Europäer selbst zurück; sind denn die Einwohner der V. S., mit Ausnahme weniger eigentlicher Amerikaner, von indianischer Abkunft, nicht alle Europäer?[M] Hört denn der in Amerika geborene Deutsche oder Franzose auf, Deutscher und Franzose zu sein, und wird durch das Wohnen daselbst zum Amerikaner? Wenn ein Edelmann im Kuhstalle geboren würde, wäre er dann zum Bauer geworden? Also nicht der Ort bestimmt die Abstammung, sondern das Volk, zu dem man ursprünglich gehört. Es wäre also zu untersuchen, durch welche von den verschiedenen Abkömmlingen die Geldbegierde hierher verpflanzt worden sei. Eine solche Untersuchung aber führt uns auf die Engländer zurück, die, wenige Ausnahme abgerechnet, überall den Hauptbestand der Bevölkerung in den nördlichen Staaten bilden, und Sprache, Sitte und den Volkscharakter bestimmt haben. Und der Apfel fällt, wie man weiß, nicht weit vom Stamme.

Da die Bewohner der V. S. also von so verschiedener Abstammung sind, so ist es unstatthaft, dieselben unter dem Namen von Amerikanern als ein so oder solches Volk zu charakterisiren und Alles über einen Leisten zu schustern, wie es gewöhnlich geschieht. Der Verfasser wird sich daher bemühen, diese Amerikaner nach ihrer verschiedenen Abstammung zu sondern und jeder einzelnen Abtheilung ihr Recht widerfahren zu lassen. Und zunächst wollen wir, da doch nun einmal auch in Amerika die Frauen den Männern vorangehen, auch hier den Amerikanischen Frauen den Vortritt gestatten.

Die Amerikanerinnen sind Freie, ohne frei zu sein und sehr schön. Wäre ich Besitzer der Stobwasserschen Dosenfabrik, ich würde den Maler zum Einsammeln von schönen Modellen weiblicher Köpfe nach den V. S. schicken, denn besonders in letzterer Hinsicht sind die Amerikanerinnen ausgezeichnet.

Daß man unter allen in Amerika Geborenen keinen Einzigen mit den Grundsätzen eines Diogenes findet, ist wahr, allein ein solcher Sonderling von Enthaltsamkeit möchte heutiges Tages auch in Europa schwer anzutreffen sein. In der Tonne will Keiner mehr residiren; Jeder strebt nach bequemer Wohnung, nach Annehmlichkeiten im Leben u. s. w., und da solche Dinge uns nicht von selbst besuchen und zu unserm Gebrauche sich darbieten, sondern nur gegen Geld zu haben sind, so ist Keinem zu verargen, daß er nach Geld strebt. Tritt man in Amerika in Männergesellschaften, so bemerkt man keinen Diogenes darunter, man sieht sogleich das Zusammengesetzte der Bevölkerung; sie ist mit einem Vaudeville zu vergleichen, in welchem man hin und wieder Musikstücke berühmter Meister auffindet, wodurch die Bilder angenehm verlebter Zeiten in der Seele wieder auftauchen, und während man hierbei in der Vergangenheit schwärmt, überhört man manche Stücke, die wenig oder gar kein Interesse für uns haben. Wer nun aber nach einem oder zwei Stücken, die ihm gerade auffallen, das ganze Vaudeville beurtheilt, der ist ein schlechter Kritiker; eben so leichtsinnig und ungerecht urtheilen die Autoren, welche, wie schon bemerkt, nur von einem allgemeinen Amerikaner sprechen, der gar nicht existirt.

Die Amerikaner sind, so weit meine Erfahrung reicht, in folgende vier Klassen einzutheilen: