1. Der eigentliche Amerikaner indianischer Abstammung. Betrachtet man denselben genauer, so entdeckt man bald etwas Originelles, oder, besser gesagt, etwas Wildes an ihm. Man könnte ihn mit einem wilden Vogel vergleichen, der aus dem Nest genommen und wie ein Hausthier erzogen worden ist, in welchem aber plötzlich sein natürlicher, in die Welt mitgebrachter Instinkt zur Wildheit wieder auflebt, der ihn zur Flucht aus dem friedlichen Erziehungsorte seines Wohlthäters antreibt. Ich sah eines Tages einen im Rufe stehenden Amerikaner von Indianischem Stamme, auf einem mit Sammet überzogenen Sopha ausgestreckt und die schmutzig bestiefelten Füße auf dasselbe erheben, um sich durch Anstemmen gegen die kostbar gemalte Seitenwand des Zimmers in eine bequemere Lage zu bringen.
2. Der Deutsche, den ich als Deutscher dem Eingebornen zunächst anführe, ist, wie überall, auch in Amerika bald zu Hause, ja er scheint fast in Amerika mehr einheimisch zu werden, als er es in Deutschland sein würde. Die Kost kömmt ihm dort besser vor als zu Hause, der amerikanische Essig hat nach seinem Geschmack mehr Weinartiges, als der Rhein- und Moselwein; das Bier ist nach seiner Meinung das allerbeste, welches in der Welt gebraut wird und die amerikanischen Banknoten übersteigen in seinen Augen den Werth der Friedrichsd’ors; mit Einem Worte, er bildet sich ein, Amerikaner zu sein. Ich meine hier natürlich diejenigen Deutsche, welche sich in den letztern Jahren dort angesiedelt haben, denn dort geborene Abkömmlinge früherer Einwanderer sind freilich von ganz anderem Schlage. Die letztern freuen sich, wenn sie einen deutschen Abkömmling erblicken; sie bemühen sich um seine Bekanntschaft, um ihm erzählen zu können, daß seine Voreltern Deutsche gewesen; man hört ihn mit Vergnügen die alten deutschen Sprüchwörter aussprechen und befolgen; kurz das deutsche Gemüth ist in ihnen noch nicht erstorben.
3. Der Franzose weicht in jeder Beziehung von dem Amerikaner und Deutschen ab. Er bleibt in Amerika, wie überall, Franzose in Sprache, Kleidung und Lebensweise; er ist Franzose von Anfang bis zu Ende; er fühlt sich glücklich, Republikaner zu sein, und noch glücklicher, nicht zu den Yankees gezählt zu werden. Er politisirt noch mehr als diese, flickt an Staat und Regierung, ist Staats-Oekonom, trinkt viel Bordeaux-Wein (Essig), mit Wasser versetzt, ißt nach vaterländischer Weise seine dreifache Portion Brod zu der Suppe und erblickt schon in seiner Einbildung freudig die gefüllten Geldsäcke, welche zu gewinnen er hierher gekommen ist. Am wenigsten wird man unter den Franzosen einen Diogenes finden, denn Geld, recht viel Geld zu gewinnen, ist die Tendenz ihres Treibens.
4. Jetzt gehe ich zu den eigentlichen Yankees über, die bei Weitem den größten Theil der Bevölkerung ausmachen. Auch hier müßte man wieder das englische, das schottische und das irische Blut unterscheiden, was jedoch mich hier zu weit führen würde; ich werde nur zwei Klassen unterscheiden: die erste, der Abkömmlinge derjenigen, die sich seit der Besitznahme Amerika’s dort niedergelassen haben, und die zweite derer, welche nach und nach die Gewinnsucht dorthin geführt hat. Aber sind denn die Engländer gewinnsüchtig? Der scharfblickende Napoleon schilderte England als ein von Krämern bewohntes Land. Ein Krämer aber muß, um als Krämer zu gelten, gewinnsüchtig sein: folglich wird man die Gewinnsucht der englischen Nation nicht absprechen können.
Die erste Klasse oder die von der früheren Generation sind allerdings Sonderlinge, jedoch keinesweges, wie sie von so manchen Autoren ausgeschrieen worden sind, Geldbegierige; sie sind lebenslustige Menschen und streben daher nach Geld, um sich die Annehmlichkeiten des Lebens, nach denen sie verlangen, zu verschaffen. Diesem Yankee ist schon aus dem Grunde Nichts zu theuer, weil er sich durch splendide Ausgaben von den alltäglichen Yankees zu unterscheiden wünscht; er wirft daher mit dem Gelde um sich. Die Unterhaltung des Yankee ist nicht eben sehr unterhaltend; denn er ist mit sich selbst uneinig, ob er Engländer oder Nicht-Engländer sein soll und ist daher für die Gesellschaft? — ein Yankee, jedoch ist er klug genug, sich in dieser Yankee-Rolle angenehm zu machen und verdient also nicht zu den Dummen gezählt zu werden; denn derjenige, der seine Dummheit zu verbergen weiß, kann wohl zu den Klugen gerechnet werden. Da wissenschaftliche Bücher, wie schon bemerkt, keine Abnehmer bei ihnen finden, so ist es wohl selten, daß man wissenschaftlich Gebildete unter ihnen findet; die Wissenschaft des Reichwerdens ist die einzige, die sie mit Glück cultiviren, ja sogar mit der leeren Hand sich anzueignen verstehen, indem die Regierung den Acker Landes für 1¼ bis 1½ Piaster (der im cultivirten Zustande den hundertfachen Werth hat) hingiebt; indeß sind diese gerade die Geachtetsten in den V. S., und verdienen es auch!
Die zweite Klasse der Yankees ist zusammengesetzt aus lauter Engländern der letzten Generation und denen, welche unter dem Beistand Gottes, der vielen Banken Englands und der V. S., auch nicht minder zur Freude der Fabrikanten in England, ihr Geschäft in Amerika treiben. Sie denken stets an ihr Mutterland, sie finden es zwar nicht schlecht in den V. S., da sie ja hieselbst ihren Endzweck des Geldverdienens erreichen, und dabei auch recht gut leben, allein dennoch denkt Jeder nach Lord Byron’s Spruch:
England! with all thy faults, I love thee still.
Und sehr natürlich! der Engländer fühlt sich nur in England zu Hause; fehlt ihm doch überall das englische Kohlenfeuer, sein Topf Porter-Bier, sein beaf-steak und seine langen Parlaments-Reden, welche selbst Lord Byron als die vier köstlichsten Dinge Englands schildert: und hätte er dieses alles, so fehlen ihm noch seine heimathlichen starken Herbstnebel. Diese letzte Klasse, welche den vierten Theil der Bewohner in den V. S. ausmacht, trägt wenig zur geselligen Unterhaltung bei, jedem diesen Leuten die Worte „money making“ (Geld verdienen) stets in ihren Ohren klingen. Aus diesen Gründen also ist die Unterhaltung dort sehr trocken. Dagegen findet man überall in allen Städten, Flecken und Dörfern ein außerordentlich reges Treiben, da Jeder verdienen will; das Wort „Genügsamkeit“ kennt Niemand, deshalb verderben auch so Viele.
So angenehm auch das Reisen überhaupt erscheinen mag, so wird doch der Leser, der meiner Erzählung mit Aufmerksamkeit und wohlwollendem Vertrauen gefolgt ist, mit mir der Meinung sein, daß Jemand, der, sei es zum Vergnügen oder zur Ausdehnung von kaufmännischen Geschäften, eine Reise unternehmen will, keine glückliche Wahl trifft, wenn er sich die V. S. oder Westindien wählt. Mag auch Westindien für den Naturforscher vieles Anziehende darbieten, so haben doch die dort einheimischen epidemischen Krankheiten, das gelbe Fieber, das schwarze Erbrechen, die Cholera, verbunden mit der erbärmlichen Lebensweise, so viel Abschreckendes, daß die meisten Naturforscher wohl sich freuen, wenn sie diesem Lande den Rücken kehren können. Eben so wenig aber sind die V. S. dem Reiselustigen zu empfehlen. Schon die Fahrt dahin ist theils höchst gefährlich, theils höchst langweilig, mag man sich nun der Dampfschiffe bedienen, von deren Gefährlichkeit oben die Rede gewesen ist, oder der Segelschiffe, die zum Wenigsten 6–8 Wochen Zeit gebrauchen, um die Strecke von 3228 Meilen von Portsmouth bis nach New-York zurückzulegen. Während man im cultivirten Europa überall vernünftige oder interessante Unterhaltung und geistreiche Getränke in geselligen Circeln findet, vermißt man beides im neuen Welttheil, dessen Cultur noch in der Kindheit ist. Man muß sich also für das Opfer der geselligen Freuden entweder am Spieltisch zu unterhalten suchen, oder man muß höchst mittelmäßige Theater und Concerte für enorm hohe Entrée-Preise besuchen, wird dabei noch im Genuß ganz gestört und fühlt die Ohren zerrissen durch das ununterbrochene Beifallklatschen und Dacaporufen der Yankees. Beim Reisen in Europa braucht der Reisende nicht unbequem in Boarding-Häusern und von außen groß scheinenden Hotels zu wohnen; er wird bei der Abreise keine Rechnungen bezahlen müssen für Speisen und Getränke, die er hätte genießen können und nach der Meinung des Gastwirths hätte genießen können, aber er logirt in reinlichen Gasthöfen und wird von ehrlichen Aufwärtern bedient. Mit der dienenden Klasse hat es in Amerika seine eigene Bewandniß: Niemand will hier als Diener angesehen sein, da es nach dem Gesetz keine persönliche Unterwürfigkeit geben kann, und da Hülfsleistung weit höher als Dienstleistung abgeschätzt werden muß, auch nach der Meinung Vieler gar nicht zu bezahlen ist, so will jeder Diener sich als Gehülfe behandelt wissen. Zieht man alle diese Umstände in Erwägung, so wird man von dem Entschluß, eine Reise nach den V. S. zum Vergnügen zu unternehmen, bald zurückkommen.
Die Kaufleute, welche Speculations-Reisen nach den V. S. zu machen gedenken, mögen die von mir dargelegten Beobachtungen und Erfahrungen wohl erwägen, ehe sie zur Ausführung schreiten; mögen sie um so mehr dabei bedenklich sein, wenn sie die dortige Justizpflege berücksichtigen, nach welcher Jahre verstreichen, ehe man Prozesse durch Advocaten eingeleitet sieht. Ergo, ist die neue Welt wunderschön und gut, so kann ich mich doch aus vielen angeführten und anderen Gründen des Urtheils nicht enthalten, daß die alte Welt besser ist. Und selbst auch, was das Geldverdienen betrifft: sollte es nicht leichter sein, in dem mit so vielen physischen, moralischen und pecuniären Mitteln ausgerüsteten Europa, welches eine Bevölkerung von 220 bis 230 Millionen zählt, sein Brod zu erwerben, als in den V. S. und ganz Westindien, welche inclusive Neger, Mulatten u. s. w., kaum 35 Millionen aufweisen können? Wer freilich Chatham und dergleichen Erwerb aufzusuchen sich geneigt fühlt, der mag immerhin Europa verlassen!