Endlich war der von mir ersehnte Tag da; die Brittish Queen war angekommen und wollte nur einige Tage in New-York verweilen. Da ich so ziemlich alles Sehenswerthe in Augenschein genommen hatte, so konnte die Verkürzung der Frist mir nur angenehm sein. Etwas jedoch, was mir sehr am Herzen lag und was ich bisher versäumt hatte, war noch zu thun übrig, nämlich den berühmten Redacteur des Morning Herald zu besuchen. Dieser Mann, dessen Blatt im ganzen Lande mit großer Begierde gelesen wird, ist meines Erachtens eine der Hauptpersonen im Lande; sein Lob und Tadel wird geliebt und gefürchtet, wie das eines Lehrers von seinen Schülern. Ohne diesen Mann persönlich kennen gelernt zu haben, wollte ich nicht gern von New-York abreisen. Ich theilte mein Vorhaben dem obenerwähnten deutschen Doctor mit; dieser aber äußerte, es sei hierzu wahrscheinlich zu spät, da jener Mann selten Jemand vor sich lasse; er selbst habe in dieser Beziehung vergebliche Versuche gemacht.

Als geübter Bekämpfer von Schwierigkeiten aller Art trat ich am Tage vor meiner Abreise meine Wanderschaft nach seinem Bureau an. Zwar wurde ich von seinen Untergebenen abgewiesen; da ich aber vernahm, daß er in seinem Arbeitszimmer, 1 Treppe hoch, sich befinde, so ging ich sofort hinauf. Er empfing mich sehr artig; zunächst gab ich ihm den Endzweck meines Besuches zu erkennen, daß ich von seinem vielgelesenen Blatte ein Exemplar in Berlin, wohin ich am folgenden Tage abreise, jede Woche zu erhalten wünsche. Er freute sich, daß ihn ein Preuße mit seinem Besuch beehre und sprach Vieles zum Lobe unserer Landsleute. Hierauf richtete er mehrere Fragen an mich in Beziehung auf die V. S., wahrscheinlich in der Erwartung, Amerika gepriesen zu hören. Da ich indeß in meinem Urtheile stets meiner Ueberzeugung folge, so sah er sich zuletzt zu der ausdrücklichen Frage getrieben, ob die Amerikaner nicht erstaunende Fortschritte gemacht hätten, worauf ich entgegnete, daß sie bei dem guten Willen, den wir Europäer für sie gezeigt, indem wir ihnen die Quintessenz unserer lebenslustigen Genies zukommen ließen, viel weiter sein müßten, als sie sind. Er lachte und meinte, man müsse nicht außer Acht lassen, daß das Land noch sehr jung sei; hierauf bemerkte ich, daß man mit der Jugend begangene Thorheiten nicht immer beschönigen könne u. s. w. Er entließ mich beim Abschiede höchst artig und ich verließ ihn ganz befriedigt, da ich nicht weniger, als ich erwartete, in ihm gefunden hatte.

Mit Sehnsucht erwartete ich den Tag meiner Abreise, der mit dem 1. August erschien. Am Bollwerk wimmelte es von Neugierigen, so daß ich nur mit Mühe zum Schiff gelangen konnte; Jeder wünschte, das majestätische Schiff sich in der Nähe ansehen zu können, allein, daß den Majestäten schwer zu nahen ist, bewährte sich auch hier, denn die vom Capitain aufgestellten Mulatten-Wachen ließen das abweisende Wort vernehmen: die freien Entreen sind ohne Ausnahme nicht gültig. Es war für die Stadt ein Festtag, denn neben den 2 Dampfschiffen, die heute abfahren sollten, nämlich außer der Brittish Queen und der Great Western, segelten noch 4 andere Schiffe an diesem Tage ab, und entführten der Stadt 6 bis 700 Seelen. Alle Schiffe, die Ufer und die auf diesem befindlichen Häuser waren mit Menschen übersäet und zu unserer Begleitung waren sechs Dampfschiffe mit allen nöthigen Erfrischungen für 8–10,000 Personen ausgerüstet und mit Musik-Chören versehen; man sah Flaggen in den vielfältigsten Farben wehen. Unter den 6 Schiffen zeichnete sich das für Seereisen bestimmte Dampfschiff Neptun in jeder Hinsicht aus. Seiner Pflicht eingedenk, benahm sich der mächtige Gott nicht anders, denn als Begleiter; um den schuldigen Respect nicht außer Acht zu lassen, folgte er der kraftvollen Königin auf der Ferse und seine Hofkapelle mußte immerfort das „God save the Queen“ executiren, worauf ein allgemeines Hurrah erschallte. Unser Capitain zeigte sich jetzt, wie zu erwarten stand, dem Wassergotte dankbar; er supplicirte nämlich bei der brittischen Majestät, daß sie sich ihrer Macht und Schnelligkeit nicht überheben wolle. Wir bewegten uns demnach sehr langsam vorwärts und hatten recht lange das Vergnügen, den herrlichen Inhalt jener 6 Schiffe mit der Elite der New-Yorker Frauen in unserer Nähe zu sehen. Es war ein herrlicher Anblick, die liebenswürdigen Amerikanerinnen zu sehen, wie sie mit ihren weißen Battist-Tüchern wehten und den Abschied zuwinkten; ich glaube, der festeste Hagestolz hätte nicht ungerührt dabei bleiben können. Auch in meiner Brust stiegen Wünsche auf und — was wäre der Mensch ohne Wünsche!

Das Wetter war ausgezeichnet schön und die Zeit, welche zur Fahrt bis zum Hafen erfordert wird, verstrich sehr bald. Jetzt erfolgte der Abschiedsgruß und nachdem dieser mit großer Innigkeit ausgedrückt war, wurde mit Trompetenschall zum Mittagessen eingeladen. Da jede Freude um so stärker empfunden wird, wenn ihr ein Schmerz vorangeht, so mußte jetzt der Anblick eines im prächtigen Salon in silbernen Gefäßen auf den Tischen prangenden Mittagessens bei den Meisten wenigstens sehr freudige Empfindungen erregen. Es war Alles so reich servirt, daß der Werth der silbernen Geräthe vielleicht zur Erhaltung der Banken in Philadelphia hätte zureichen dürfen.

Vor Allem erhielt jeder der Passagiere die polizeilichen Schiffsverordnungen auf einer Carte; hiernach durfte vom Anfang bis zu Ende der Reise der Platz bei Tische nicht gewechselt werden, es war bestimmt, auf wie viele Bettüberzüge und Handtücher man Anspruch machen dürfe. Unstreitig gehörte die Bestimmung, daß nach 11 Uhr kein Licht in irgend einem der Zimmer geduldet werden solle, zu den allerbesten, und es wurde auch sehr strenge darauf gehalten.

Die Gesellschaft in beiden Cajüten bestand aus etwa 110 bis 130 Personen; daß daher die Rückreise bei dieser bessern und zahlreichern Gesellschaft mir mehr Unterhaltung gewähren werde, als die Hinreise auf dem Quebeck, war zu erwarten. Bald zeigte sich dies aber auch deutlich, indem man sich allgemein mir näherte und ich bei meinem Namen angeredet wurde. Die Ursache hiervon aufzufinden gelang mir mit allem Nachdenken nicht, bis ich endlich, als wir uns zum Mittagessen niedersetzten, Aufschluß darüber erhielt. Mein Platz am Tische wurde mir nämlich in der Nähe des Capitain Roberts angewiesen; Capitaine aber präsidiren in der Regel auf allen Schiffen beim Mittagessen. Dieser Capitain, welcher früher im Dienste der Königlichen Marine gestanden hatte, und also ein höchst gebildeter und charmanter Mann war, reichte mir ein Extra-Blatt des Morning Herald, welches eine Stunde vor unserer Abfahrt erschienen war, mit der Aufforderung, die durch seinen Finger bezeichnete Stelle zu lesen. Wie erstaunte ich, als ich den Endzweck meiner Reise durch den Redakteur dieses Blattes, zwar sehr schmeichelhaft für mich, allein auf ganz entgegengesetzte Weise berichtet fand! Er ließ mich nämlich in der Eigenschaft eines Schriftstellers und zwar auf Kosten der Preußischen Regierung reisen. Ich bedauerte die Unwahrheit des ganzen Aufsatzes, hätte aber wohl gewünscht, daß ein Theil davon, daß ich nämlich auf Kosten der Regierung reise, wahr gewesen wäre. Der Aufsatz schloß mit der Versicherung, daß mein, wie er hoffe, bald herauskommendes Buch über die V. S. seiner Meinung nach zu den besten bis jetzt erschienenen werde gezählt werden können. Sollte der Redakteur zu dieser Meinung durch meine Urtheile über die V. S. veranlaßt worden sein? In diesem Falle könnte ich mich seiner Zustimmung zu meiner Ansicht versichert halten und die Zustimmung eines solchen Mannes wäre mir in jeder Hinsicht angenehm.

So unangenehm mir indeß jener Irrthum war, den ich nicht ermangelte, dem Capitain zu bezeichnen, so war mir derselbe doch nach genauer Erwägung nicht unwillkommen. Der Redakteur jenes Blattes hatte die ganze Masse von 600 Personen, die an jenem Tage New-York verließen, analisirt und nur sieben männliche Personen, unter welchen auch ich mich befand, von der Vagabonden-Liste ausgeschlossen: außer diesen sieben und 200 Matrosen, waren sämmtliche übrigen Passagiere Spitzbuben, Taschendiebe, Spieler von Profession, Stock-Jobbers, Menschen ohne Beschäftigung, Herumtreiber (Loafers). Darunter sind jedoch nicht zu vergessen: 24 alte Jungfern, 36 tugendhafte Frauen und 5 Prediger, welche unnamhafter Weise unter jenen aufgeführt waren.

Die ganze Reise war Jedem höchst angenehm, weil einer von den Direktoren der Dampfschifffahrts-Gesellschaft (Namens Lare) sich auf dem Schiffe befand und in Verbindung mit dem Captain Roberts Alles aufbot zum Vergnügen der Gesellschaft, und Alles abzustellen suchte, was nur den Schein von Kleinheit hatte. Hiervon will ich nur einen geringen Beweis anführen. Das Signal zum Aufstehen, welches des Morgens um acht Uhr auf einer Trompete gegeben wurde, stimmte ganz mit dem überein, welches in deutschen Dörfern die Hirten beim Heraustreiben des lieben Viehes vernehmen lassen. Als ich dies eines Morgens scherzhaft berührt hatte, wurde dem Schiffs-Componisten (wie denn überhaupt für jedes Geschäft besondere Officianten sich am Bord des Schiffes befinden, z.B. zum Entpfropfen der Flaschen, zum Abfeuern der Kanonen u. s. w.) der Befehl gegeben, ein für menschliche Ohren angenehmes Thema zu wählen, worauf denn dieser, mit dem letzten Componisten der großen Oper Amalie wetteifernd, ein Thema componirte, wie es die Preußischen Extra-Post-Postillons blasen, — es war klassisch!

Da sich der Capitain das Interesse der Passagiere so sehr angelegen sein ließ, so machte ich der Gesellschaft den Vorschlag, unsere Erkenntlichkeit durch ein Geschenk an den Tag zu legen. Mein Vorschlag fand Anklang und bald waren 50 L. St. zur Anschaffung eines Silbergeschirres, worauf die Namen der Steuerer zu engraviren wären, zusammen. Die sich hiervon ausschlossen, sollten, wie man mir sagte, Banquiers aus Philadelphia sein; waren sie vielleicht schon mit ihrer Baarzahlung, die hier in Gold entrichtet werden mußte, auf der Hut, so hat ihnen ihre Vorsicht nichts geholfen, denn die Banken Philadelphias sind gefallen.