Die Zeit auf der Reise verstrich mir unglaublich rasch; selten habe ich in meinem bereisten Leben 14 Tage mit solcher Ruhe und Zufriedenheit erlebt. Befand man sich im Saale, welcher ganz in der Form des Audienz-Saales der Königin Elisabeth erbaut und ganz im Geschmack dieser Zeit und mit derselben Pracht decorirt war, beim Mittagessen, so hätte man glauben können, sich bei einer Königin zu Tische zu befinden, da Speisen sowohl als Getränke königlich waren. Zum Trinken feiner Weine findet Jeder bekanntlich leicht einen Beweggrund; ich fand einen solchen sehr häufig in der Aufforderung vieler Reisegefährten, welche, nachdem sie von dem Preußischen Schriftsteller im Herald gelesen, gern ein Gläschen Champagner mit mir leeren wollten, was ich denn auch annahm. Dieser Aufsatz im Herald bewirkte demnach meine Versöhnung mit einem Weine, den ich viele Jahre hindurch gehaßt hatte, wovon ich aber hier, seiner Vortrefflichkeit wegen, manche Flasche leerte.
Am Abend vertrieb man sich die Zeit durch Spielen Vingt-un, Ecarté, Whist und Schach; die Vormittage wurden mit Wetten über die Meilenzahl, welche das Schiff in den letzten 24 Stunden zurückgelegt haben würde, hingebracht; nachdem die Observationen vollendet waren, wurde jene Meilenzahl durch ein Bulletin bekannt gemacht. Auch befanden sich Lotterie-Unternehmer am Bord, welche die Anzahl der während der letzten 12 Stunden gemachten Meilen, mit der vermuthlichen Steigerung, auf Zetteln niederschrieben, zusammenrollten und aus einem Hut ziehen ließen. Der Preis eines solchen Looses war 2–4 Schillinge; wer nun die richtige Stunde gegriffen hatte, erhielt die ganze Summe. An den sehr bedeutenden Wetten nahmen nur die Engländer Theil, sie wurden meistens von 30 bis zu 50 L. St. abgeschlossen. Hierbei zeichnete sich vor Allen ein, wie es schien, unschuldiger Jüngling aus, angeblich Sohn eines englischen Lords. — Keine Summe schien ihm zu hoch zu sein; er wettete auf die unsinnigste Weise 50 L. St. gegen 20 L. St., was die Yankees zur Verbesserung ihrer Finanzen sehr zu benutzen sich angelegen sein ließen. Allein als wir in Portsmouth ankamen und die Comptanten zum Vorschein kommen sollten, siehe da! da waren keine zu finden. Es kam zu merkwürdigen Auftritten, die Gewinner drängten ohne alle Rücksicht auf den jungen Mann ein. Ein pensionirter englischer Oberst erhob sich zuletzt als Retter für ihn und bot seine Gehalts-Quittungen an Zahlungsstatt für den unerfahrenen jungen Mann. Man griff zu, aber da die Sicherheitspapiere nur für einen kleinen Theil des Verlorenen ausreichten, so begnügten sich Viele mit dem Ehrenworte des Jünglings, seine Schulden in London bezahlen zu wollen. Unter seinen Gläubigern befand sich auch ein Franzose und dieser befand sich einmal, da jener wieder eine Wette abschloß, in meiner Nähe. Er zeigte seine Verwunderung über das unsinnige Wetten der Passagiere aus der ersten Cajüte und sagte: „dieser Herr wettet bedeutende Summen mit den Herren aus Ihrer Cajüte, während daß er uns allen, die mit ihm in der zweiten Cajüte sich aufhalten, kleine Summen, die er im Whist u. s. w. verloren hat, nicht bezahlt.“
Als ich am folgenden Morgen beim Abschließen einer Wette von Bedeutung zwischen dem Lords-Sohn und einem Liverpooler Kaufmann hinzutrat, warnte ich den letztern vor einer gefahrvollen Wette, wobei Nichts zu gewinnen stehe; der Kaufmann hielt die Erzählung von Seiten des Franzosen für eine Verleumdung und erbot sich, sogleich die schuldige Summe dem Franzosen auszuzahlen, wenn er ihm eine schriftliche Anweisung auf seinen Schuldner einhändige. Der Franzose nahm nur die Hälfte des Belaufs und war sehr froh, so viel erwischt zu haben. Die Anweisung wurde auch später acceptirt, aber gleich den übrigen nicht ausbezahlt. Der Liverpooler Kaufmann, der in Portsmouth blieb, bat mich, an seiner Stelle sie in London einzukassiren; da aber jener mit dem Gelde sich nicht bei mir gemeldet hat, so wünsche ich, daß der Liverpooler Kaufmann seine Anweisung von mir in Empfang nehmen mag.
In Portsmouth verließen uns auch diejenigen, welche ihre Reise nach Frankreich fortsetzen wollten und Alle nahmen einen recht innigen Abschied von uns. Der Wahrheit gemäß muß ich bekennen, daß mir derselbe mit wärmeren Ausdrücken als vielen Andern zu Theil wurde, indem man mir die Ehre erwiesen hatte, mir den Titel: leading soul of the company (leitende Seele der Gesellschaft) beizulegen — eine Folge des Champagner Geistes. Bei dieser Gelegenheit muß ich bemerken, daß ich mich zwar oft auf Paqueten in Gesellschaft vieler Passagiere befunden, aber nirgends diese Eintracht und Herzlichkeit wie hier bemerkt habe. Auch der Capitain äußerte sich auf dieselbe Weise gegen mich, dessen Urtheil um so ehrenvoller ist, da er das erste Dampfschiff Syrius nach Amerika geführt hat, weshalb man ihn auch in den sämmtlichen Amerikanischen Staaten zum Ehrenbürger ernannte und seinen Namen in den Annalen aufzeichnete.
Von Gravesand aus mußten wir uns, wegen Mangel an Wasser, in der Themse ein kleines Dampfschiff miethen, indem wir sonst wohl 24 Stunden später in London angekommen wären. Der erste Steuerbeamte unseres Dampfschiffes expedirte einen Untergebenen mit unsern Effecten nach London ab; es wurde ihm ein Verzeichniß über Alles mitgegeben, welches er in London zur Bescheinigung vorlegen und zurückbringen sollte. Dieses schwerfällige Verfahren war für die Passagiere sehr unbequem. Man denke sich, welche Zeit dazu erforderlich war, das Gepäck von einer so großen Anzahl Reisender, wovon Niemand weniger als drei, Manche vier bis fünf Stücke hatte, vom Ufer nach dem Revisions-Saale hinzuschaffen und dies um so mehr, da nur vier Träger hierzu kommandirt waren, und der Ueberbringer darf nicht eher zur Ueberlieferung schreiten, bevor nicht jedes der mitgebrachten Stücke im Saale da liegt: mehrere Stunden vergingen, ehe das Geschäft beendet war. Sämmtliche Herren warteten im Nebenzimmer des Saales, aus welchem eine Thüre nach jenem führt und eben so an der andern Seite die Damen. Nach dem Verzeichniß der Angelangten, welches der Beamte von Gravesand mitgebracht hat, werden jene nun, der Reihe nach, aufgerufen und in den Saal hineingelassen. In den Gehirnen der sämmtlichen Revisoren befinden sich vermuthlich brennende Cigarren, und da Cigarren als Monopol der Regierung zu betrachten sind, indem für jedes Pfund neun Sch. (etwa drei Thlr.) Steuer gezahlt wird, so sehen die Revisoren in den Koffern, Säcken u. s. w. nichts als Cigarren.
Da ich nur einige Tage in London zu verweilen mir vorgenommen hatte, so nahm ich nur so viel Cigarren mit, als ich auf meiner Reise bis nach Hamburg nöthig zu haben glaubte. Sie wurden gewogen und das Gewicht auf 14 Unzen angegeben. Beim Fortgehen wurde ich vom Beamten an Bezahlung der Steuergefälle für diese Cigarren erinnert, welche auf 10 Sch. (3½ Thlr.) bestimmt wurden. Vertraut mit der Landessprache und den Gesetzen, erlaubte ich mir, gleich einem Eingebornen, den Steuerbeamten auf seine gesetzwidrige Forderung aufmerksam zu machen und die ihm gemäß der Constitution gebührenden Verweise zu geben. Hierauf erwiederte derselbe mit großer Gelassenheit: „Wenn Sie sich als Reisender zur Einführung einer Quantität Taback unter einem Pfund an Gewicht berechtigt glauben, so bezahlen Sie nichts dafür.“ Dies geschah denn natürlich.
Sollte die englische Regierung nicht vielleicht noch einmal auf den Einfall kommen, zum Wohl und zur Erleichterung der Reisenden eine Revision wie die in Belgien einzuführen? Der Verfasser langte einst zu Antwerpen in Gesellschaft von 140–150 Passagieren an und überzeugte sich, daß sämmtliches Gepäck und Pässe in Zeit von einer ½ oder höchstens ¾ Stunde durch zwei Beamte, welche sich sogleich nach Ankunft des Dampfschiffes auf demselben eingefunden hatten, revidirt wurden.
Mein Aufenthalt in London war, wie immer, nur von kurzer Dauer, da ich diesem bewundernswürdigen Orte nie Geschmack abzugewinnen vermochte. Es geht mir beinahe mit London, wie dem Philosophen Mendelssohn mit dem Schachspiel; er urtheilte, daß es als Spiel zu viel, als ernsthafte Sache zu wenig sei. Eben so ist mir London als Stadt zu groß, als Königreich aber zu gering; die unendliche Anzahl der Wagen und Karren in der City vom Mittag an bis um fünf Uhr Nachmittags muß Einem lästig werden.
Die Caledonia nach Hamburg! hieß es, ein überaus rasches, der general steam-navigation-Company zugehöriges Schiff, in welchem sich mit jener Eigenschaft Pracht und Herrlichkeit vereinigt haben. — Allein was fand ich, als ich mich Morgens früh in die untern Räume begab, in welchen die Ausstreckplätze für Reisende sich befinden? Eine finstere Höhle, in welcher sich bereits sämmtliche Mitreisende am vorigen Abend eingefunden und auf das Lager ausgestreckt hatten, eine Höhle, angefüllt mit pestilenzialischen Gerüchen von altem Maschinen-Fett, von abgestandenem Seewasser u. s. w. Mir wurde beinahe übel davon und ich mußte dem Decke zueilen, um zur Besinnung zu gelangen. Zwei Nächte sollte ich hier zubringen? Nachdem ich eben die Brittish Queen und eins von den ersten Hotels verlassen hatte, mußte ich mich mit einem Orte begnügen, ähnlich dem, worauf die Arbeitsleute Londons für einen Pence schlafen. Indeß die Vernunft gebietet, Alles zu nehmen, wie es ist und davon zu abstrahiren, was es sein könnte; dieser Vernunftlehre folgte ich und fühlte mich daher nicht so unglücklich, wie mehrere meiner Reisegefährten, von welchen ich nur einige sehr hohe russische Staatsbeamten, einen General und einen Kaiserlichen Leibarzt, anführen will. Diese fühlten sich in der That sehr unglücklich und um nicht in jener mit grauenvollen Gerüchen überfüllten Höhle zu schlafen, legten sie sich unentkleidet auf die Sopha’s in der obern Cajüte.