Die jährliche Miethe für solche Häuser ist von 6 bis 10,000 Piaster; bringt man nun noch Silberzeug, Mobilien, Domestiken, und die höchst brillante Beleuchtung in Anschlag, so muß man sich wundern, daß sie bestehen können. Hinsichtlich der Weinpreise sind diese Häuser (ersten Ranges) alle übereinstimmend; weniger als 1 Piaster verdient Niemand an einer Flasche, wohl aber mehr, weshalb Jeder, der sich hier einmiethet, in Kenntniß gesetzt wird, daß er sich gegen Bezahlung von funfzig Cens (etwa 18 Ggr.) pro Flasche seinen eigenen Wein halten könne (hierbei ist indeß Gefahr).
Der Amerikaner ist kein Weinkenner, Madeira ist sein Lieblingswein und von dieser Sorte giebt es denn hin und wieder einen Kenner. Der theuerste Wein ist der beliebteste, und es würde kein Gastwirth eine Flasche unter 1½ Piaster anbringen können. Aster-House, das erste Hotel in New-York, verkauft den besten Madeira für 12 Piaster. Der Eigenthümer dieses Hauses ist als armer Kürschner-Geselle eingewandert, und soll jetzt über ein Vermögen von 10 Millionen Piaster commandiren (?)
New-York ist in den Monaten August, September und October am besuchtesten, denn die Reichen aus dem südlichen Amerika kommen um diese Zeit hierher, um sich gegen die Fieber zu schützen, und kehren erst im November nach Hause; es ist daher in diesen Monaten sehr schwierig, ein Unterkommen zu finden. Hinsichtlich des Bodens ist Amerika ein Land von ungeheuern Ressourcen (wovon später mehr), die Gutsbesitzer sind diejenigen, welche so zu sagen, das Geld zum Fenster hinaus werfen. Der Boden ist ergiebig, die Erzeugnisse finden stets Abnehmer; wer etwas Vermögen hat, kauft sich Land, und befindet sich alsdann wohl. Das Arbeitslohn wird hier stets hoch sein, weil jeder Arbeitsmann, sobald er sich ein kleines Vermögen erspart hat, sofort Gutsbesitzer wird. Ich fand in einem öffentlichen Blatte folgenden Artikel:
„Als Beweis, wie hoch man den Werth des Hornviehs von Durham in diesem Bezirk schätzt, sei nur dieses angeführt. Samuel Smith verkaufte in dieser Woche mehrere seiner Kühe: eine säugende Kuh nebst dem Kalbe würde mit 2000 Piaster (etwa 3000 Rthlr) eine zweite mit 1350, andere für 1200 und 1000 Piaster verkauft; er verkaufte von seinen Kühen für den Werth von 20 bis 30,000 Piaster.“ Welcher Preis für einen Gutsbesitzer, selbst wenn man auch den geringen Werth des Geldes in den V. S. in Anschlag bringt! In demselben Grade, als die Umstände der Gutsbesitzer brillant sind, eben so morsch scheinen mir die des Handelsstandes zu sein. Als es noch wenige Commissionaire hier gab, und die Europäer es beinahe für unmöglich hielten, jene zu kontrolliren, da erwarben sie viel Geld, denn sie ließen ihren Freunden etwa die Hälfte des Ertrags von den an sie consignirten Waaren zukommen, und jene mußten mit dem, was ihnen zuerkannt wurde, zufrieden sein. Wie haben aber die Verhältnisse sich jetzt gestaltet! Man denke sich einen Bezirk von der Größe der Stadt Leipzig, welcher nichts als 4–5 Etagen hohe Speicher enthält, die mit englischen, französischen und deutschen Fabrikwaaren jeder Art überfüllt sind. Viele Tausende stehen hier stets zum Ein- und Verkaufe bereit; zu dem ersteren findet sich jede Minute Gelegenheit, denn jeden Tag langen doch mit Manufacturen beladene Schiffe an, welche theils von europäischen Kaufleuten auf Speculation, zum Theil aber auch von New-Yorker Kaufleuten bestellt worden sind, und daher so rasch wie möglich verborgt werden müssen, um von den Borgern schriftliche Versprechungen dafür zu erhalten, welche die Banken gegen gedruckte Bank-Versprechungen discontiren.
Obgleich ich hinsichtlich des Betriebs solcher Art bereits viele Erfahrungen gesammelt habe, so will ich doch noch näher in das Specielle eindringen, um später für unsere europäischen Kaufleute desto belehrender sein und erweislich machen zu können, daß jedes Geschäft von Europa in der neuen Welt durch Commissionaire besorgt, nur allein für Letztere von Nutzen sein muß.
Vier Wochen hatte ich jetzt (den 30sten September) größtentheils auf dem Krankenlager zugebracht. Ein freundlicher Sommerabend, wie wir ihn wohl in Deutschland im Juni haben, zog mich aus meiner Wohnung; kein Wölkchen trübte den Horizont, der Mond verbreitete ein herrliches Licht über Broad-Way, die Hauptstraße New-Yorks; ich war so entzückt, als ich auf die Straße heraustrat und dies alles empfand, daß ich hätte weinen mögen. Ich muß zuvor bemerken, daß diese Straße, vielleicht nur um ⅓ länger und ¼ breiter als die Leipziger Straße in Berlin, etwas sehr Eigenthümliches und Anziehendes hat. In dieser Straße befinden sich alle Hotels, Boarding- und Caffee-Häuser, alle Kaufmanns- und Conditor-Läden von ungeheurer Tiefe, welche sämmtlich sehr brillante Gasbeleuchtung haben. Wer ein Geschäft von Bedeutung machen will, muß einen Laden in Broad-Way haben. Die Miethen sind daher in dieser Straße enorm hoch, ein Chemist (Droguist) unter der Firma Rushton et Aspiewald soll, wie mir versichert worden ist, 7000 Piaster jährlich bezahlen; allein in Soda-Wasser (welches ein Lieblings-Getränk der Amerikaner und Amerikanerinnen ist) 20,000 verdienen. (?)
Bemerkenswerth ist es, daß, obgleich es in den Wochentagen 500 Omnibus und einige 100 andere Miethswagen giebt, am Sonntag doch kein einziger in den Straßen anzutreffen ist; Alles, die beau monde und die ganze Stadt ist in Bewegung — aber zu Fuße; ich möchte behaupten, daß die Anzahl der an jenem Abend sich in Broad-Way bewegenden Personen sehr wenig der beim Einzug der Kaiserin von Rußland in Berlin versammelten Menge nachgab. Weder Polizei noch Constabler wurden bemerkt, und doch war die Sittlichkeit, wie ich sie in keiner Stadt angetroffen habe. Frauenzimmer ohne männliche Begleitung, gehen, ohne die Aufmerksamkeit des Mannes rege zu machen, mit der größten Sicherheit — ein großer Contrast gegen die Ungeschliffenheit der Europäer, besonders der Engländer, welche sans façons die Frauen, den Hunden gleich, in den Straßen herumzausen (hierbei ist jedoch nur von den untern Ständen die Rede, denen der Sonntag allein zu einer ungestümen Erholung angewiesen ist). Auch der Amerikaner der untern Klasse unterfängt sich nicht, den Anstand gegen Frauenzimmer zu verletzen; selbst das verworfenste behandelt er mit Schonung, weshalb denn auch dieser Theil der weiblichen Bevölkerung sehr zurückgezogen und unbemerkbar ist. Man sieht hier in den Straßen eben so wenig öffentliche Dirnen als einen Betrunkenen. Wohlgekleidet in sehr reiner Wäsche ziehet Jung und Alt mit brennender Cigarr ruhig durch die Straße und man glaubt sich eher in einer Kirche als auf der Straße zu befinden. Während ich durch Broad-Way schlendere, lese ich auf einem Schilde: Rochés Café de mille colonnes, mit großer Schrift; das ist eine französische Windbeutelei dachte ich, und so fand ich es auch. Ich trete ein und befinde mich in einem Zimmer von 20 Fuß Länge, und 15 Fuß Breite; die beiden Wände haben an jeder Seite 15 Säulen, und zwischen jedem Paar von Säulen finden sich Spiegelgläser, welche denn freilich in brillanter Gasbeleuchtung die Säulen vervielfachen. Weiterhin finde ich in New-York-Garden ein ziemlich enges, von Oel-Lampen und altmodischen Laternen erleuchtetes, nicht besonders comfortables Local.
Die Franzosen deren es in New-York 12–15000 giebt, beschäftigen sich mit Allem, und verdienen viel Geld. Die Wirthe der Restaurationen, Conditoreien und Caffee-Häuser sind größtentheils aus Frankreich, und werden vorzugsweise besucht. Die Preise, welche sie festgesetzt haben, übersteigen die bei uns um das Dreifache. Eine kleine Tasse Caffee, der in der Regel sauer schmeckt, kostet ⅛ Piaster, und eben so viel kostet die geringste Kleinigkeit. Eine meiner nächsten Wanderungen führte mich nach Chatham-Street, das Judenviertel, ungefähr so wie die Elb-Straße in Hamburg und die Reetzen-Gasse in Berlin, jedoch im großartigsten Stil, etwa ¼ deutsche Meile lang, von beiden Seiten mit Kleiderläden, Kram-, Galanterie- und aller Arten Waaren-Läden angefüllt. Juden von allen Nationen sind in dieser Straße anzutreffen. Alle Waaren, welche im Lande gestohlen oder aufgeschwindelt sind, werden in Chatham abgesetzt, und wer wohlfeil kaufen will, gehet hieher. Die Ladenherren, obgleich sie von Posen oder Schermeisel abstammen, haben Namen angenommen, wodurch ihre Geburts-Länder nicht verrathen werden, z. B. King, Christalli, etc. etc. etc. Hierbei muß ich ein Verhör im Polizei-Amte, welches heute statt fand, anführen. Seit mehreren Wochen war die Polizei bemüht gewesen, Diebstählen, die seit einiger Zeit durch Einbrüche in Waarenläger verübt worden waren, auf die Spur zu kommen. Dies gelang endlich und der Dieb wurde eingezogen. Als er gefragt wurde, für wie viel Werth er die Zeit hindurch aus jenem Laden entwendet habe, erwiederte er: für circa 15,000 Piaster, von welchen jedoch noch für etwa 1500 Piaster unverkauft da lägen, weil der gewöhnliche Abnehmer, Mr. King in Chatham, sie zu kaufen verweigert und ihm eröffnet habe, er besitze von dergleichen Waaren jetzt zu viel Vorrath, er werde jetzt nur wollene oder seidene Waaren für baares Geld kaufen, worauf denn, wie natürlich, Mr. Kings Locale unter polizeiliche Aufsicht gestellt und er selbst eingezogen worden ist. Diebereien werden hier sehr hart bestraft, Mordthaten hingegen mit weniger Strenge als in Europa instruirt, weshalb sehr viele Mörder der verdienten Strafe entgehen. Das Treiben in Chatham ist großartig; jüdische Actionaire halten ihre Verkäufe auf einem Karren, worauf sich die zu verkaufenden Gegenstände befinden (über diese Straße später ein Mehreres).
Als ich von Chatham zurückkehrte, fand ich in meinem Logis ein Schreiben von einem jungen Berliner vor, für welchen ich von seinen dortigen Verwandten einen Brief mitgebracht hatte. In jenem Schreiben wurde ich ersucht, ihn doch im Stadt-Hospitale, wohin er wegen eines Armbruchs gebracht worden sei, zu besuchen. Ich war um so begieriger, diese Anstalt kennen zu lernen, da sie mir früher, bei meinem Kranksein, von unserm Schiffs-Capitain empfohlen worden war. Nach dessen Schilderung erwartete ich etwas dem Hamburger Krankenhause oder der Berliner Charité Aehnliches; die Fonds, erzählte er, müßten beträchtlich sein, da jeder Capitain der in New-York ankommenden Schiffe für jeden Reisenden 1½ Piaster und für jeden Matrosen 1 Piaster zu diesem Fonds einliefern müsse, und die Einkünfte dieser Art werden nur zur Bequemlichkeit der Kranken verwendet; es sei in ganz New-York kein Haus, was in Betreff der Pflege, Reinlichkeit und Aufwartung etwas Aehnliches zu leisten im Stande sei. Ob ich Recht oder Unrecht gehabt, den Rath des Capitains unbefolgt zu lassen, war mir sehr interessant zu erfahren.
Die Apotheke dieser Anstalt, welche ich passirte, fand ich geregelter als die sogenannten Droguist-Shops, da sich in derselben nicht, wie in den letztern, Spielkarten, Wachslichte, Zahnbürsten, Cigarren etc. sondern nichts als Medicamente befanden. Das Zimmer Nro. 10, in welchem der Kranke lag, wurde mir geöffnet. Es war von ziemlicher Breite; an jeder Seite befanden sich 5–6 Lager, aber keins derselben war eine Bettstelle, es waren Bretter, auf welchen sich ein mit wenigem Stroh gefüllter Sack, ein sehr dünnes Kopfkissen, und eine sehr dünne wollene Decke befand. Da indessen der Brodherr dieses jungen Mannes für die meisten Chirurgen New-Yorks die Instrumente verfertigt, so hatte man dem Patienten vorzugsweise ein kleines Kissen, auf welchem der gebrochene Arm ruhte, hergegeben. In den klinischen Anstalten zu Berlin, und Deutschland überhaupt, liegen doch die Patienten auf Betten und nicht auf Stroh. Am meisten wunderte ich mich, diese Jämmerlichkeit in einem Lande anzutreffen, in welchem man das Geld sonst wegwirft für lumpige Kleinigkeiten. Wie pries ich mich glücklich, daß ich nicht hierher gerathen war! Unterdessen wurde während meiner Anwesenheit das Essen aufgetragen, und zwar auf einen in der Mitte des Zimmers befindlichen langen Tisch, an dessen beiden Seiten sich Bänke ohne Rückenlehne befanden; jeder der Patienten erhielt eine Schale voll Suppe, und eine Portion gekochtes Rindfleisch mit einem Stück Brod. Dem kranken Landsmanne wurde seine Portion auf den Fensterkopf neben seinem Lager mit einer ungewöhnlichen Gefühllosigkeit hingesetzt. Mittlerweile kam der Oberarzt, gefolgt von 8–9 sehr jungen Unterärzten, oder vielleicht Studenten, welche ihm die Krankheit der Patienten vortrugen; zuletzt sagte er: „nun will ich das deutsche Gesicht sehen!“ Die jungen Chirurgen zeigten ihm flüchtig die Stellen des doppelten Armbruchs, „schon gut!“ sagte er, und hiermit zogen sie ab. „Ach Gott!“ rief der Kranke aus, „wie gleichgültig wird ein Ausländer in diesem Lande behandelt: so ist es vom ersten Augenblick an gewesen, als ich hierher gebracht wurde, und drei volle Stunden ohne Hülfe blieb, und so bleibt es immer.“ Welcher Deutsche im Auslande auch sonst wenig an sein theures Vaterland denkt, der vermißt es sicherlich, wenn er krank wird; diese Erfahrung habe ich auch oft an mir selbst gemacht; nirgends, in keinem Lande, in keiner Stadt habe ich die deutsche Herzlichkeit gefunden. Wir wollen sehen, junger Mann, dachte ich, als ich den Kranken verließ, ob du sechs Jahre, wie du dir vorgenommen, hier aushalten wirst!