Ich ging jetzt nach dem Platze Wall (nach der Straße dieses Namens), um mehreren Wein-, Colonial- und andern Waaren-Auctionen beizuwohnen. Da stehen die Auctions-Commissarien auf den Fässern, Säcken u. s. w. und jeder derselben hat seine Anzahl von Kauflustigen um sich; sie rufen die gebotenen Preise wohl funfzig Mal mit einer erstaunlichen Schnelligkeit und Unverständlichkeit aus, so daß ihre Mäuler in einer wirbelnden Bewegung bleiben; nur dann weiß man, daß der Zuschlag nicht mehr fern ist, wenn sie going rufen; beim zweiten going ist der gebotene Preis vernehmbar, jedoch nur für die in der englischen Sprache sehr geübten. Täglich giebt es in New-York hunderte von Auctionen; rothe Flaggen, an welchen Cataloge baumeln, sind die Zeichen, daß im Hause, oder auf dem Platze, wo sie wehen, Auctionen statt finden. Es soll, so ist mir versichert worden, hier Auctions-Commissarien geben, die ein jährliches Einkommen von 200,000 Piaster haben.
Es giebt in New-York Importeurs, welche ihre Waaren nur per Auction absetzen, indem die Commissarien gegen Abzug von sieben Procent Zinsen pro Anno und 2½ Procent Provision, sofort den Belauf auszahlen. Da das Creditgeben in diesem Lande sehr riskant ist, so ist diese Verkaufsweise die sicherste. Der Gewinn ist natürlich sehr gering, ja häufig ist sogar Verlust damit verbunden. Jedoch gegen den letztern kann man sich einigermaßen dadurch sichern, daß man die Auctionen nur in der Frühjahrs- oder Herbst-Season, wenn sich alle Käufer aus dem Innern in New-York eingefunden haben, statt finden läßt. Der solide Handel wird freilich dadurch zu Grabe gebracht; denn in der Voraussetzung, daß die Land-Krämer, von den Zwischenhändlern kaufen werden, haben diese ihre Waaren-Läger gepfropft voll, und sind den Importeurs dafür alles schuldig; ist nun auch der eine oder der andere von den Land-Krämern wirklich gesonnen, seinen Bedarf von einem Zwischenhändler zu erstehen, so wird er durch die rothen Fahnen, die in den Gewölben der Commissarien, zwischen denen der Kaufleute aushängen, abgezogen. Er geräth in ein den Commissarien zugehöriges Lokal, und wird gesättigt. Die Folge ist, daß die Zwischenhändler ihre Vorräthe per Auction zu verkaufen gezwungen sind.
Siehet man die Waarenmassen, die in den Stadttheilen liegen, in welchen das Waarengeschäft betrieben wird (welche Massen unstreitig bedeutender sind, als die auf allen Meßplätzen Deutschlands zusammengenommen) sieht man die hohen Häuser von den Böden bis zu den Kellern hinab vollgepfropft von Waaren jeder Art, so muß man erstaunen und kann die Frage nicht unterdrücken: Wie, wann und wo soll dieses Alles verbraucht werden? Man kann sich keine Idee von der Größe des Fabrications-Wesens in Europa machen, wenn man nicht in New-York gewesen ist, und die Waaren-Vorräthe daselbst gesehen hat; ich gestehe, daß ich von Furcht und Schrecken ergriffen wurde, als ich mich orientirt hatte. Der Gedanke, mich von meinen Waaren sobald und so gut wie möglich los zu machen, gelangte nach jenem Augenblick bei mir zur völligen Reife. Meines Erachtens geht man im Waarenfache einer fürchterlichen Zeit entgegen; es dürfte in einigen Jahren eine weit gefährlichere Krisis eintreten, als diejenige war, die wir vor zwei Jahren erlebten. Amerika hat zu viel Ressourcen, um nicht fortwährend groß zu bleiben; wenn selbst die große Hälfte der Waaren-Händler untergehen müßte, wird Amerika nichts von seiner Größe eingebüßt haben. Die Regierung ist sehr vernünftig, sie hält den Waaren-Händlern die Zügel kurz; durch die hohen Preise, welche der europäische Fabrikant für die prima Materie hergiebt, verliert er oft das ganze Arbeitslohn, und vielleicht noch mehr. Dieses war vor zwei Jahren der Fall, und dieser Fall wird wiederum, noch ehe zwei Jahre vergangen sind, eintreten. Daß es der americanischen Regierung nur darum zu thun ist, den Ackerbau, und nicht die Fabriken zu begünstigen, beweist sie dadurch klar und deutlich, daß sie jedem Kaufmann den Zoll für seine eingehenden Waaren auf sechs Monate creditirt; thäte sie dieses nicht, so würden weit weniger Waaren eingeführt werden, indem die Summen für Zollgefälle von vielen Importeurs nicht ohne Mühe würden angeschafft werden können, und ein großer Theil derselben vom Importiren würde abstehen müssen, wodurch die in Amerika fabricirten Waaren bessern Absatz finden würden. Allein die Regierung denkt, Ackerbau ist einträglicher als Fabriken, und denkt, so lange europäische Fabrikanten das Arbeitslohn verlieren wollen, sehr richtig (hierüber weiterhin ein Mehreres).
Nach dem, was ich hier im Geschäft wahrgenommen habe, muß jede zwei, spätestens drei Jahre eine allgemeine Stockung im Zahlen eintreten, und die nächste dürfte die furchtbarste von allen bisherigen werden, da England jetzt nicht im Stande ist, wie vor zwei Jahren, eine Baarsendung von 2 Millionen L. Sterl. zum Stützen der für die englischen Fabrikanten unentbehrlichen americanischen Banken zu machen. Am deutlichsten kann der Schwindel bemerkt werden, wenn man sich während der Börsenzeit unter den Stock-Jobbers und Broakers umsieht. Unter den letztern findet man Subjecte, welche 60,000 Piaster Courtage jährlich verdienen; sie arbeiten darauf hin, einen Wirrwarr zu Stande zu bringen. Der Handelsstand hier ist das größte Kunstwerk der menschlichen Gesellschaft. Jeder handelt, und wie handelt er? Im Großen. Man sieht Kram-Läden von der Länge, oder besser Tiefe eines kleinen Exerzier-Platzes; in solchen Läden liegen vielleicht für 60,000 Piaster Waaren, von denen nicht ein einziger Cens (der hundertste Theil eines Dollars) bezahlt ist. Ist der Mann durch gute Lösung in Stand gesetzt, einem Theil seiner Verpflichtungen nachzukommen, nun, so geschieht es; ist dies aber nicht der Fall, so stellt er für sich den größten Theil in Sicherheit, läßt seine Creditoren zu sich kommen, und ersucht diese, das Nachgebliebene für ihre Schuld zu empfangen. Die Handlungsbücher sind vielleicht schon einige Tage vorher den Flammen überliefert worden, und kömmt einer von den Creditoren auf den Einfall, nach den Büchern zu fragen, so kann der sich auf die Antwort gefaßt machen: „das ist mein Geheimniß, deshalb werde ich sie Ihnen nicht zeigen.“
Das Wetter fand ich hier im Anfang October noch den Sommertagen in Deutschland gleich; es war sehr heiß und man wird von den Musquitos, welche unsere Mücken auch hier an Bosheit weit übertreffen, ungemein geplagt. Dieses Ungeziefer findet sich hier erst im September mit aller Kraft ein, und man darf sich vor Eintritt eines Frostes, im November, keine Ruhe versprechen. Es ist jedoch ein Leichtes, sich von ihnen im Schlafzimmer zu befreien: man schließt nämlich vor dem Anzünden der Lichter die Fenster, und macht mit dem brennenden Lichte Jagd auf sie. Bevor ich dies that, hatte ich in der Nacht wenig Ruhe, und mehrere meiner Tischgenossen adoptirten meine Kriegsweise.
Noch muß ich einiges von den Straßen New-Yorks bemerken; ich fand, daß die Straße Broad-Way viele Aehnlichkeit mit dem Newski Perspective in St. Petersburg hat; jedoch hat die erstere, außer dem ihr zugehörigen freien Platze (Park-place) viel Eigenthümliches; der freie Platz gewährt des Abends bei der Gasbeleuchtung einen herrlichen Anblick, da sich auf demselben mehrere öffentliche Gebäude, nämlich das Rathhaus, Theater, Museum etc. befinden. Die Nebenstraßen von Broad-Way laufen parallel und in grader Linie, wie die der großen Friedrichsstraße in Berlin, jedoch sind die Häuser in derselben nicht so schön. Das Eigenthümliche besteht besonders darin, daß man, da New-York eine Insel ist, an jedem Ende der Straße die Masten von großen Schiffen wahrnimmt, was einen höchst angenehmen Eindruck macht — besonders nach Untergang der Sonne, wenn so viele Masten der großen Schiffe mit den vielen Tauen, durch welche man die herrliche Abendröthe erblickt, einem Walde gleich, sich dem Auge darbieten. An Vergnügungen kann es in einer so reichen Stadt nicht fehlen. Der Yankee (Amerikaner der V. S.) ist, was den Lebensgenuß betrifft, mit dem Wiener zu vergleichen; er ist für das Materielle; kein Preis ist ihm zu hoch, wenn der Gegenstand reellen Genuß verspricht. Ein Hauptvergnügen ist ihm das Kegelspiel, wobei die Damen mit den Herrn wetteifern; man findet viele Keller (den Hamburgischen ähnlich), woselbst Restaurationen und Kegelbahnen eingerichtet sind, und Erfrischungen aller Art gereicht werden. Die Austern sind hier, obgleich um sehr vieles größer als die holsteinischen, die allerfeinsten und schmackhaftesten, die ich genossen habe; sie werden in allen Kegelbahn-Kellern zubereitet, und für einen nicht übertriebenen Preis gereicht: ½ Dutzend kostet etwa 4 Ggr., wozu man noch eine ziemliche Quantität Kohl-Sallat, Butter, Brod, und Zwiebacke bekommt. Schäferstunden sind nach der Versicherung eines meiner Freunde, die theuersten Genüsse in dieser Stadt, die Schäferinnen, entweder aus England, oder Töchter der aus Irland als Arbeitsleute Eingewanderten, sind die einzigen von allen englischen Erzeugnissen, wie mein Freund meint, die sich im Preise halten; 10–15 Piaster ist der fixe Preis für eine Schäferstunde. Für wenig bemittelte aber kräftige Männer sollen die couleurten Frauen ein vortreffliches Surrogat sein, man sieht diese in heller Kleidung mit seidenen Schnupftüchern in der Hand, sehr anständig umherziehen. Damen von Stande bedienen sich der weißen Tücher, die sie stets in den Händen tragen.
Die Theater werden hier sehr besucht, und mein Reisegefährte, der Director W....., machte gute Geschäfte. Das Personal ist von London (woselbst jeder amerikanische Schauspiel-Director eine Anwerbungs-Anstalt erhält), und die angeworbenen Mitglieder finden gute Rechnung, so lange die Direction Rechnung dabei findet. Das Entrée ist 1 Piaster, fürs Parterre ½ Piaster. Von Ausländern, die in New-York sonst den dritten Theil der Bevölkerung ausmachen, werden die Theater im Allgemeinen wenig besucht. Der Yankee ist nicht Kunstkenner genug, um über die Poesie und mimische Darstellung des Dramas richtig zu urtheilen, daher denn die Directoren, um ein großes Publikum von Yankees für sich zu gewinnen, ein leichtes Spiel haben. Die für Gastrollen engagirten Subjecte langen von England successive an, denn jeder derselben ist für 8, 10 bis 12 Rollen, d. h. Vorstellungen, und zwar, je nachdem er unter den Künstlern einen Rang einnimmt, für die Hälfte oder ⅔ der Einnahme engagirt, und tritt daher nur in zwei, höchstens drei seiner vorzüglichsten Rollen auf. Jetzt liest man auf den Theaterzetteln von 2 Yard (2 Ellen) Länge, die am Eingange in den Straßen an den Häusern und großen Hotels auf Bretter geklebt sind, die Londoner Theater-Kritiken der Times, des Examiner, Courier etc. etc. wörtlich abgedruckt, in Beziehung auf die Rolle des Gastes; das Haus wird demnach am ersten Abend gefüllt und nun liest man am folgenden Morgen in allen Morgenblättern, wie gedrückt voll das Haus gewesen, mit welchem Applaus der berühmte Gast empfangen und begleitet worden sei. Die natürlichste Folge ist, daß Alles sich beeilt, das Wunderkind in der Kunst zu sehen, und somit sind denn auch die Schauspielhäuser in den übrigen Städten der V. S., wohin die Wunderkinder reisen, jeden Abend gefüllt.
Es herrscht über die Geringfügigkeit der Militairmacht der V. S. ein bedeutender Irrthum, den ich vorläufig bloß durch die Copie, oder vielmehr Uebersetzung einer Ordre, die mir irrthümlicherweise zugestellt wurde, widerlegen will. Sie ist folgende:
125stes Regiment, 45ste Brigade, 28ste Division N. G. S. Infanterie.
Unter dem Adler liest man in einem Bande:
Ex pluribus unum.