Ich hatte mich recht auf Kliebisch's Eintreffen gefreut und, da Tante Lina sich in ihre Heimath versammelt hatte, — sie war beim Abschied wehmüthig wie an einem Begräbnißtage — stand das Fremdenzimmer wieder frei, den Amtsrichter Buchholz zu beherbergen, der, als zu meines Karls Linie gehörig, doch auch Anrecht auf verwandtschaftliche Unterkunft hat, zumal das ihm bei Butschen's ausgemachte Logis drei Herren zum Massenquartier dient. Kliebisch's brachten jedoch ihr Töchterchen Anna mit, die Aelteste, und meinten, eine Sophaecke für das Kind fände sich wohl an. Im Uebrigen würde sie mir zur Hand gehen, da sie für häusliche Arbeit außergewöhnlich veranlagt sei.
Was war zu thun? Herr Kliebisch bekam das Fremdenzimmer, sie die Kliebischen mit Tochter übernahm das Vorderzimmer neben Ungermann's, die sich mit der guten Stube behelfen. Im Berliner Zimmer wird geschneidert. Ich bin machtlos. Mein Karl sitzt voller Aufträge, daß die Fabrik nicht ausreicht, und unser Schwiegersohn und Compagnon Schmidt auf Reisen gehen mußte, um mit Lieferanten abzuschließen; er kann sich dem Besuch nicht widmen. Und das wäre auch nichts für seine Gesundheit, zu so unmöglichen Tageszeiten kommen die Herren nach Hause. Auf meine Bemerkung, daß der Schlaf vor Mitternacht der heilsamste sei, entgegnete Herr Ungermann, er wäre aufgeblieben, um die Brodträger am frühen Morgen statistisch zu kontrolliren, da von der Umgestaltung des Bäckereigewerbes die sociale Verbesserung aller Stände erwartet würde. Herr Kliebisch lachte kurz auf, als wenn er zweifelte. Ich hielt es mit Kliebisch.
Dorette hat mir nämlich erzählt, daß wenn Ungermann's unter sich sind, die Frau ihren Mann blos mit Brummsuppe regalirt und ihn sogar mit Liederjahn traktirt.
»Dorette,« beschönigte ich, »sie wird wohl Biedermann gesagt haben, wo er sie doch stets mit >meine liebe Frau< belegt und sie ihm nie anders als mit >mein lieber Mann< entgegentritt.«
»Det is man so duhn,« bestand Dorette. »Wat er der Ungermann is, er is 'n richtijer oller Schlieker, und wat sie vorstellt, sie is 'n oller Satan.«
»Dorette, unterstehen Sie sich nicht, in solchem Tone über meinen Hausbesuch zu schandiren. Geschieht das noch einmal, wissen Sie, wo die Luft am frischesten ist.«
»Ick jeh lieber jleich, indem ick't bis zum Ersten schwerlich aushalte. Is denn det ne Zucht, dettse bei den jetzigen Sauwetter de janze Straße in die jute Stube tritt, viel wenijer, dettse Morjens eigenhändig den Klatthammel abrubbelt un de Plüschmöbeln in Erdreich verjraben sind? Un denn mir vorjeworfen von jründlich Reinemachen? Nee, et is hier schon nich mehr scheen.«
»Dorette, wenn es regnet, wird leicht etwas Schmutz ins Haus getragen, das ist naturgesetzlich.«
»Sonne Jesetzer ästimir ick nich. Wat boddert se mit de Schleppe in'n dicksten Lehm? Und sind de Flicken und de Fusseln in't Berliner Zimmer ooch Jesetz? Nee, da is de Schneiderei dran Schuld und ick hab' de Arbeet von. Ent- oder weder, die Ungermann zieht oder ick.«