Ich überlegte. Von dem vor meinen geistigen Augen sich ausbreitenden Blutfelde in die gemalten Berge zu entweichen schien mir befreiend und aufheiternd. »Mir recht,« willigte ich ein. —

Das Alpenpanorama hatte ich mir aufgehoben, da aus Erfahrung Panoramen länger bestehen als Theater, selbst mit eigens bestellten Dichtungen der Vergangenheit in Versen und Patriotismus, aus Gipsbüsten, Rothfeuer- und Jubelmarschfanfaren der nicht auf das Herz sondern auf die Groschen zielt. Da dürfen sich die Unternehmer nicht wundern, wenn keine das Haar abschneidet oder den Trauring versetzt, ihre Vaterlandsliebe an solchen Kunstaltären zu bethätigen und der Pleitegeier sich auf dem Dache des Musentempels einnistet.

Sehr seltsam ist die Bergfahrt. Anstatt in die Weite hinaus, fährt man ins Enge, ordentlich auf Aussichtswagen. Erst quert man in einen Tunnel hinein und wenn man aus ihm herausquert, sieht man in Thäler hinab, auf Ortschaften, Fluren, Flüsse, Wälder und ferne Gebirge, als wäre man wirklich im Zillerthal, daß man nicht weiß, ob es Natur oder Kunst ist, woran die Bergbahn vorüberfährt. Und der Führer im Wagen erklärt Alles und die Reisenden sind entzückt und rufen Oh und Ah und Herrlich und Großartig und, wer persönlich in den Gegenden gewesen ist, erzählt, es wäre wirklich so, wie es aussähe und zeigt die Gipfel, die er erklommen und wo er gejodelt hat und wo er zu Nacht gegessen und was und wie gut und wie billig er es gehabt hat, ganz wie richtig unterwegs im Kupeh, wodurch die Täuschung ins Fabelhafte gesteigert wird.

Für die Schönheit, die Meister Rummelspacher gemalt hat, ist die Fahrt schier zu kurz, man möchte mehr und mehr haben. Aber schon ist der elektrische Aufzug erreicht. Hinein in die Kabuse. Der Führer lockert die Stange und die Maschinerie zieht an. Mit unheimlicher Geschwindigkeit geht es hoch. Am Fenster sieht man Felsen und Klüfte und wie man an ihnen vorbeirast.

»Karl,« sagte ich, »wenn der Strick reißt, schmettern wir in den Abgrund. Mir scheint die Sache brenzlich.«

»Keinen Zoll bewegen wir uns,« lachte er. »Die gemalten Berge am Fenster rollen herab, wir dagegen halten. Der ganze elektrische Aufzug ist eine optische Täuschung.«

»So'n Schwindel!« rief ich empört.

»Nicht doch. Panoramen sind auf schönen Schein berechnet. Danken wir den Künstlern für ihre Geschicklichkeit, uns mit ihrer Kunst ins Hochgebirge zu versetzen, als wären wir da. Wie viele, die nie nach Tirol hinkommen, schauen es hier und behalten seine Herrlichkeit im Gedächtniß! So, und nun sind wir oben.«

Der Führer öffnete die Thür an der anderen Seite, wir querten hinaus, — queren ist jetzt sehr beliebt in Reisebeschreibungen — querten durch einen Felsengang und standen nun auf der Aussichtswarte des Ochsners.

Vor uns das Thal und der Schwarzensteingletscher, die Firne und Höhen, hoch wie die Wolken. Wie groß, wie erhaben! Dazu rauschende Wasserfälle und Tannen und Gestrüpp; ein Rundblick über Nahes in die Ferne, in die Alpenwelt, daß man alle Sorgen vergißt.