Wir rumpelten über holperiges Pflaster durch ein thurmartiges Thor und waren in der Stadt. Tante Lina wohnte nicht weit von der Post, sie aufzufinden ging ohne Adreßkalender.

Sie freute sich nur mittelmäßig, als ich bei ihr eintrat mit den Worten: »So, da bin ich. Sie können sich wohl denken, daß ich wegen wichtiger Angelegenheiten komme. Wie geht es Ihnen, Tante Lina?«

»Ganz gut,« erwiderte sie. »Recht gut. Viel besser, als sonst. Bitte, setzen Sie sich. Ich nehme jeden Abend vor dem Schlafengehen, mit Erlaubniß zu sagen, drei Stücken Rhabarber. Apotheker Bahnsen rieth es mir und es hilft auch, weil ich die Berliner Kost nicht vertragen konnte und wenn nichts gethan wurde, es leicht schlimm geworden wäre. Im vorigen Jahre hatte Maler Brandt's Frau es ebenso, aber weil sie nichts brauchte, schlug, mit Erlaubniß zu sagen, innerliche Gedärmgicht dazu und in fünf Tagen war sie todt. Sie hat so geschrieen, daß sie es drei Häuser weit gehört haben.«

»Wer lange Rhabarber ißt, kann alt werden,« sagte ich, nur um etwas zu sagen, da ich den rechten Dreh noch nicht hatte.

»Will ich auch,« entgegnete sie. »Ich will noch vom Leben haben, was es mir bieten kann. Und wozu auch nicht? Das Essen und Trinken schmeckt mir und zu sorgen hab' ich für Niemand mehr, für Niemand. Der, auf den ich wartete, der braucht nicht, was ich zusammenhielt, der ist reich; darum hab' ich Alles auf Leibrente gegeben.«

»Aber Tante Lina!«

»Ja, nun erbt Keiner was. Keiner. Viedt's haben auch genug. Und Sie brauchen es auch nicht. Und Kriehberg ist noch jung, der kann arbeiten. Das hat Johannes auch gemußt.«

»Sie können über das Ihrige verfügen, wie Ihnen gut dünkt, Tante Lina, aber sagen Sie mir das eine: Haben Sie Kriehberg etwas versprochen?«

»Nicht gerade versprochen. Aber da er und Ottilie sich so sehr lieben, sagte ich, sie sollten heirathen, ehr etwas dazwischen käme. Warum dürfen die jungen Leute nicht glücklich werden?«

»Wovon sollen sie existiren?«