Dies war Vergangenheit, ich konnte sie mit der Hand berühren: das alte Gemäuer, die Balken und Pfosten und durch grüne Scheiben hineinsehen in niedrige Stuben, und Käfterchen. Die standen alle leer.
In solchen Räumen hatte einst Glück gewohnt und über solche Schwellen war einst Unglück geschritten, daß aus dem fröhlichen Heute ein trauriges Morgen wurde, bis es wieder weichen mußte in ruhelosem Wechsel. Denn in den Häusern lebten Menschen.
An den Schildern ließ sich erkennen, welcherlei Gewerbe getrieben wurden. Es muß eine recht unsolide liederliche Stadt gewesen sein, das alte Berlin, so viel Schänken, Wirthshäuser und Trinkstätten entdeckte ich. Selbst das Rathhaus war ausschließlich auf Getränk eingerichtet. Die Mittagssonne schien lustig auf die Weinhauskränze und in die Biergärten, in denen jedoch Niemand saß. Es war spukhaft am hellen Tage. Und doch so traulich und wehmüthig, wie eine vergessene Schachtel Spielzeug aus den Kindertagen.
Ich schritt langsam durch die Straßen: überall die gleiche Verlassenheit. »Du träumst, Wilhelmine,« sagte ich zu mir. »Gleich fällst Du irgendwie und wachst auf.«
Endlich gewahrte ich einen Menschen. Es war ein junger Mann auf einer Leiter mit Pinseln und Farbtöpfen; der malte an einem alten Dache.
»Sie!« rief ich, »ach sind Sie doch so gut und sagen Sie mir, wo bin ich eigentlich?«
»In der Bolings-Gasse,« antwortete er.
»Hab' ich nie von gehört! 'Ne neue Straße?«
»Nee, uralt. Schon längst vom Erdboden verwischt.« Er kam herunter in seinem langen Leinenkittel und musterte das Dach aus der Entfernung.
»Es hat wohl durchgeregnet?« fragte ich.