Sie sieht in Cabinetgröße recht jugendlich aus, aber wie ist sie frühmorgens ohne Retouche? Wenn es keine schwarze Tusche gäbe, wie Viele da wohl ohne Augenbrauen in den Albümern stächen?

Mein Karl fand sie passabel. — »Mehr nicht, Karl?« — »Eher weniger« — »Karl, sie gehört zu meiner Verwandschaft.« — »Sie ist Dir aber nicht im Geringsten ähnlich.« — »Das wollt' ich mir auch ausgebeten haben. Nein, Karl, solche spitze Züge habe ich nie besessen, selbst nicht in den Heranwachsjahren; und die Augen reißt sie etwas gewaltsam groß.« — »Dafür zieht sie den Mund um so kleiner.« — »Ich vermuthe, sie kommt bedeutend unähnlicher an, als sie aussieht.« — »Bezweifle ich keinen Augenblick.« — »Karl, Gelehrte sind nie bildschön, also Gelehrtinnen erst recht nicht; das heißt ihre Figur ist nicht übel.« — »Zeig' noch mal her das Bild.« — »Nein, Du hast genug gesehen, Ihr Männer gebt viel zu viel auf den Wuchs und bedenkt nie, wie viel Fischbein dabei ist. In dieser Beziehung kann ich Professor Röntgen nicht hoch genug preisen; der dreht Euch endlich ein durchschauendes Licht auf, und er nennt es auch sehr richtig X-Strahlen, weil alle X-Beine dadurch ersichtlich werden.« — »Hat sie welche?« — »Wer?« — »Die Ottilie.« — »Karl, selbst als Scherz betrübt diese Frage mich tief. Ich habe über Ottilien zu wachen, wie eine Mutter über dem Hühnchen aus dem Ei...« — »Schon mehr Henne,« lachte mein Karl dazwischen. — »Wer?« fuhr ich auf, »wer ist die Henne?« — »Nun, die Ottilie,« lachte er weiter, »sie hat wirklich etwas hühnerhaftes in ihrer Physiognomie.« — »Photographieen treffen manchmal daneben,« wies ich ihn ab. Ueber meine Verwandtschaft spectakeln erlaube ich nicht.

Wäre Ottilie, was man unter schön versteht, hätte ich sie bei den lieben Ihrigen gelassen oder nur auf flüchtigen Besuch gebeten. Meine beiden Töchter würden es krumm nehmen, obgleich sie längst ihre Männer haben, wenn plötzlich eine entfernte Cousine Aufmerksamkeit in den Kreisen auf sich lenkt, die sie bis zum Jetztpunkt beherrschten, und wenn die Männer auch ehelich gut gezogen sind, wie leicht wird ein Wort, eine nuttige Höflichkeit oder eine unbedachte Aufmerksamkeit albern ausgedeutet und die Feuerwehr kann geholt werden. Ich sage deshalb: Unschönheit hat so ihre Vortheile.

Und wenn eine gelehrt dazu gilt und studirt habend, vor der rücken die Jünglinge aus, zumal solche, die das ihrige schon vergaßen, eh' sie es lernten. Dagegen ernste Männer werfen sich heran und es sprießen Gespräche auf, die den Geist erheben, ohne daß man Bange vor leichtsinnigen Anknüpfungen zu haben braucht und kann Worte von höherem Fluge fallen lassen, oder unbesorgt Musike hören, oder einen kleinen Nick machen, je nach den nächtlichen Wärmegraden und den Anstrengungen des Tages.

Die Abende draußen versprechen überirdische Befriedigung. Nun werde ich sie mit Ottilien genießen. Wäre sie blendend, käme es umgekehrt; sie bildete dann die elektrische Lampe, von Dämmerungs-Verehrern umschwärmt, und ich den Laternenpfahl dazu. Dafür dankt Wilhelmine jedoch ergebenst.

Wenn ich nun auch noch nicht genau weiß, welchen Zipfel der Ausstellung ich für meine Berichte anschneide, so weiß ich doch bereits, wohin ich die mir überantworteten Fremden geleite und zunächst Erika, um ihr das Schönste zu zeigen, das ich bis jetzt entdeckt habe und zwar, wie bei allen Forschungsreisen Mode ist, durch den Zufall.

Wie es im Leben überhaupt ohne Zufall aussähe, durch den noch jedesmal das Weltbewegenste erfunden wurde, wie z. B. der Theekessel, auf den sich die ganze Dampfmaschinenkraft stützt, oder der Telegraph durch Froschkeulen, obgleich mir dies nicht recht klar ist, weil man doch im Allgemeinen mit Padde das Niedrige der Schöpfung bezeichnet. Auch steht nie dabei, wie es gemacht wurde und wie der eigentliche Kniff ist. Dies muß Ottilie glatt legen; sie bringt ihre Bücher mit.

Mein Zufall äußerte sich einfach, indem ich dem Baumeister Herrn Bauer begegne und ihn frage »Herrjeh! Sie hier?«, obgleich seine Anwesenheit auf dem Treptower Gelände eine Sache von größter Natürlichkeit war. Aber Gespräche und Kegelpartieen werden meistens mit Pudeln eröffnet. Um den Schnitzer zu übertünchen, frage ich weiter: »Mit welchem Stil werden Sie uns überraschen? Es ist ja Vieles da, vor dem man Kopf stehen möchte... wie Onkel Fritz sagt.«

»Als wenn ich ihn reden hörte,« lächelte er, indem er mich betrachtete, wie ich mich wohl in dieser Stellung ausnehmen würde. »Interessirt Sie mein Bau, treten Sie bitte näher.«

Bei diesen Worten wies er auf das große Kaiserschiff.