Mein Karl war überrascht bei ihrem Anblick, ich noch überraschter. Er stand auf und verbeugte sich und sie machte einen Quadrillenknix wie frisch vom Tanzmeister, schon mehr die reine Hoffeierlichkeit. Und was hatte sie an? Ein marineblaues Kleid von demselben Stück wie meines und eben solche crêmefarbige Klöppelarbeit und der Schnitt aus demselben Modenblatt.
Mein Effect, den ich vorhatte, war hin. Zweie aus dem nämlichen Laden erregen allerdings Aufsehen, aber nur weil Jede sagt: sie gehen gleichartig aus Billigkeitsrücksichten, Gott weiß, wo sie den Rest gekauft haben? Und dazu schafft man doch nichts Neues an.
Ich hatte Karl zwar gebeten, freundlich zu sein, aber daß er Ottilie mit unverhohlenem Wohlbehagen ansah, das war nicht ausbedungen.
Das Gespräch wurde bald recht lebhaft. Ottilie schwärmte schon mächtig für Berlin. Nach dem Spreewald wollte sie und einen kleinen Abstecher nach Dresden machen, und recht, recht oft in's Theater.
»Meine Liebe,« sagte ich, »was wird aber aus Ihren Nerven?«
»Oh,« erwiderte sie, »die sind facultativ. Ich bedarf der Anregung, die wird mir Flügel verleihen, Flügel des Geistes, sie wachsen mir jetzt schon. Ach, Berlin ist zu himmlisch.« Dabei streckte sie Jedem von uns eine Hand hin und sprach: »Wie lieb Sie sind, mich so glücklich zu machen.«
Wir schlugen ein, weil sie so überrumpelnd war und mein Karl, das sah ich, fand Vergnügen an dem Händedrücken.
»Ottilie,« bemerkte ich strenge, »so lange Sie hier sind, vertrete ich Mutterstelle und das sage ich von vorn herein: geflogen wird nicht.«
Sie hätte nur bildlich gesprochen. — »Bei uns reden wir deutsch.«