»Liebe Tante, ich habe ein Fläschchen, unangebrochen, darf ich es Ihnen anbieten?«
»Ach nein, das kann ich ja gar nicht verlangen, und das ist ja auch nicht nöthig, wenn ich meine Tasche wieder habe.«
»Vielleicht hat sie Jemand mitgenommen, der sie gebrauchen kann.«
»Oh, oh! das kann doch nicht angehn? Meine Tasche? Er wird doch nicht, mit Erlaubniß zu sagen, meine Zahnbürste gebrauchen?«
»Wir kaufen eine neue.«
»Nein, nein. Meine ist von Viedt in der Kuhstraße, ich bin nun mal an Viedt seine gewöhnt, schon beim alten Viedt. Der junge Viedt arbeitet ebenso solide wie der alte Viedt. Der alte Viedt war gediegen, aber der junge Viedt ist es auch. Das muß man ihm nachsagen. Ueberhaupt die Viedt's: ich sage immer, solche Bürsten wie Viedt's ihre findet man nirgends in der Welt; sie halten Jahre. Was sage ich, Jahre? Jahrende.«
»Wenn die Tasche aber weg ist?«
»Sie findet sich wohl wieder an. Wir müssen blos das Nachfragen nicht vergessen. Ist Jemand hin?« —
Meinem Karl machte weder die Taschenjagd Vergnügen, noch hatte er Sinn für Tante Linas chronisches Gedächtniß. Sie wußte von allen Verwandten und Bekannten, wen sie geheirathet, wann sie geheirathet, wann und was für Kinder geboren, wann und wen die geheirathet und wer gestorben und wann und wo, und ob etwas hinterlassen wurde oder Schulden, und von den Cousinen kannte sie wieder die Cousinen und wen die geheirathet und wann und mit wie viel.
»Karl,« sagte ich, als er brummte, »jedenfalls ist die Behälterigkeit der alten Dame anzuerkennen.«