Tante Lina lebt und liest in der Jetztzeit und müßte daher wissen, daß Gewitter auch im Kleinen mittels Elektrisirmaschinen hergestellt werden können, wie Ottilie ihr beruhigungs- und aufklärungshalber aus Krüger's Lehrbuch der Physik vorgelesen hat, worin ein Papphäuschen abgebildet ist, das durch den positiven Funken auseinanderklappt.

Bei dem geringsten Gewitterverdacht bleibt sie daheim und bei dem ersten fernen Grollen des Horizonts flüchtet sie in die Federn.

Mein Karl findet das altfränkisch; Ottilie meint, es wäre Idiosynkrasie gegen elektrische Spannungsverhältnisse, obgleich im Meyer unter diesem Worte mancherlei steht, was ich von Tante Lina unmöglich annehmen kann und sich auch mehr in Widerwillen gegen Speisen äußert, der mir bis dato bei ihr nicht aufgefallen ist. Dorette beschwert sich über das mehrfache Bettenmachen, zumal wenn mehrere Gewitter am Tage sind, und schilt Monologe. Ich für meine Person behaupte, es ist das Alleinstehende, das sie ins Bett treibt.

Wenn es so recht graulich wird, beinahe Nacht am Tage, und ein Blitz fängt an, den anderen zu überbieten und das Rollen wird zum Knattern, dann gehe ich zu meinem Karl, oder er kommt zu mir, und ich fühle mich geborgen, denn ohne etwas Bänglichkeit ist man doch nicht, wenn Blitz und Schlag eins sind und man sich sagen muß: es steht gerade über uns, mit den dunklen Wolken, den Schwingen des Todes. Gottlob, wenn sie verschweben und der Himmel lichtet sich wieder.

Warum Tante Lina sich unvermählte, danach frage ich sie nicht. Vielleicht, daß Solche warben, die weniger sie, als ihr Vermögen begehrten, vielleicht, daß sie sich zu lange jugendlich dünkte, und als sie sich besann, mit Schrecken bemerkte, daß sie bereits zu den Kaltgestellten zählte. Und dann ist das Assortiment der Heiraths-Candidaten in kleinen Städten meist nur gering kompletirt, und ist keiner darunter, für den das Herz schlägt: warum den Prediger zu einer Traurede verleiten, die zum Höllensegen wird anstatt zur Segnung irdischen Glücks?

Und darum geht Tante Lina ins Bett, wenn es donnert.

Man darf die Schwächen seiner Nebenmenschen eigentlich nicht ausnutzen, aber wozu sind sie da, wenn sie nicht verwendet werden sollen? Als es wieder heiß und schwül war und Tante Lina ihre Zuflucht zur Baba nahm, weil sie das Gerummel eines Bierwagens in Kinderüberfahrgeschwindigkeit für die Stimme der erzürnten Vorsehung gehalten hatte, sagte ich zu meinem Manne: »Karl, sie liegt fest, ich habe frei. Was meinst Du, wenn wir zwei Beide alleine gingen? Ottilie sucht die Tante Lina mit dem Physikbuch zu bekehren und hat auch noch Briefe zu schreiben. In den nächsten Tagen kommen Ungermann's und dann Kliebisch's ... Die Gelegenheit ist heute günstig.«

»Ich muß so wie so hinaus und nachsehen, ob der letzte Regen meiner Ausstellung Schaden zugefügt hat. Der Reichsadler aus den schwarzen Socken auf weißem Grunde reicht dicht bis an das Glasdach.«

»Und die Blauholz-Brühe läuft in Strähnen herunter?«

»Nicht doch, die Strümpfe sind goldecht gefärbt.«