Ich nahm den hinkömmlichsten Omnibus so besetzt er auch war. »Bitte,« sagte der Schaffner, »möchten die Herren sich nicht auf das Blumenbrett bemühen,« worauf die Stehgäste eine Etage höher stiegen. Ich blickte den Fahrdirektor fragend an. — »Wenn ich >Deck< sage,« antwortete der, »geht Keiner rauf, aber auf's >Blumenbrett< gehen sie, indem sie sich dann hübscher vorkommen. Und nächstens werden die Decksitze auch für die Damen freigegeben. Blos daß die Treppen noch die öffentliche Sittlichkeit scheniren. Da muß was 'rum.«

Da durchzuckte mich die Lösung der Gleichberechtigung. »Einfach Uniform,« hallte es in mir. Wenn die Frau erst Reservelieutnant wird, hat sie das Ziel erreicht. Und wie Mancher würde das zweierlei Tuch bezaubernd stehen. Blos auf Damen im Majorsalter wäre Rücksicht zu nehmen und ich für meine Person, ich glaube, ich bleibe doch lieber unten.

Tante Lina war nicht abgereist. Gottlob! Ottilie hatte ihr zugeredet. Das werde ich ihr gedenken.

»Mir war, mit Erlaubniß zu sagen, die Galle hochgekommen,« erklärte Tante Lina ihren Zorn, »und ehe ich reise, möchte ich, daß etwas Gewisses in die Reihe kommt.« Sie sah mich scharf an und fragte: »Finden Sie nicht auch, daß Herr Kriehberg ein sehr netter Mann ist?« —

»Kriehberg? Nein.«

»O doch, er erinnert mich etwas an Johannes Viedt. Und Ottilie ist ihm geneigt.«

»Ottilie,« rief ich, »hinter meinem Rücken, wo ich Dich so gewarnt habe?«

»Da ist nun nicht viel mehr bei zu machen«, sagte Tante Lina scharf. »Hätten Sie mehr Zeit bei uns übrig gehabt, hätte Herr Kriehberg uns nicht herumzuführen gebraucht. Wenn junge Leute sich lieben, so soll man ihr Glück nicht hintertreiben. Einmal verjagt, kommt es nimmer wieder. Niemals. Nie.«

Sie zog viele kleine Stirnfalten und auch ihre Augen glänzten bald mich an, bald Ottilie.

Ein Glück, daß die Kinder nicht da waren.