Eine Hauptstadt hat das Reich Darfur nicht. Der Sultan hält bald hier bald da Hof, wie Carl der Große es zu thun pflegte. An mehreren Orten stehen aber Palläste, die ihn mit seinem Gefolge erwarten. Mit Versailles oder Caserta werden sie aber nicht wetteifern wollen.

Gegenwärtig wohnte der Sultan Abdelrachmann zu Ril. Es war der Lieblingsaufenthalt seines Vorgängers Teraub gewesen, doch Abdelrachmann, ein Usurpator, fürchtete dort für sein Leben, und brachte mehrere Zeit in anderen Orten zu. Endlich hatte ihn aber der bequeme Wohnsitz, von Teraub erbaut, wieder für ein Jahr nach Ril gelockt.

Musa kannte den Melek der Dschelabs, d. i. das Oberhaupt der Kaufleute, und trat in dessen Wohnung ab.

Perotti wohnte bei einem Copten, der ihm Gastfreiheit angeboten hatte, denn von einem Hôtel garni weiß man dort noch nichts. Er ließ sich gleich bei des Sultans Hofbedienten anmelden, und gelangte zur Audienz. Abdelrachmann war froh, einen Arzt aus Constantinopel bei sich zu sehn, und erklärte die seinigen für Unwissende. Perotti hatte es gleich gescheuter angefangen, wie andere Reisende vor ihm, die zur Unzeit Stolz zeigten, ein Fehler, durch welchen auch Lord Macartney die Angelegenheiten der Engländer in China bekanntlich schlecht förderte. Nicht so der geschmeidige Italiener. Wie sich des Oberhaupts Unterthanen, auch zitternd, gekrümmt, und den Staub küssend, auf den Boden warfen, sein Gruß ließ jene noch um ein weites zurück, und ein Liebhaber neuer Worte, hätte dies Heranwinden auf Händen und Füssen Hündigkeit nennen können. Natürlich fanden die Höflinge dies das Muster feiner Lebensart, und Abdelrachmanns Gnade war auf der Stelle gewonnen. Noch höher stieg Perotti in seiner Gunst, da er sicher zusagte, ihn von seinem Uebel zu befreien, dafern der gewaltige unüberwindliche Sohn des Propheten, es nur entdecken wollte. Ein dornichtes Unternehmen, da afrikanische Fürsten, einen Heilkünstler der nicht heilt, von allen Schmerzen der Erde heilen, weshalb sogar der Scharfrichter schon dabei stehn muß, wenn die Majestät den verordneten Trank nimmt.

Abdelrachmann, ein Siebzigjähriger etwa, entdeckte dem Italiener, wie er Zweihundert Weiber besäße, aber sie alle überflüssig fände, was ganz gegen seinen Willen sei. Perotti sagte: Um zu untersuchen, ob vielleicht Zauberei an den Sultaninnen hafte, müsse er bitten, sie sämmtlich sehn zu dürfen. Er wollte ohne Zweifel spähen, ob vielleicht Isabelle in diesem Harem verborgen sey. Der Monarch willigte ein, und sechs Eunuchen mußten den vermeintlichen Arzt begleiten. Er kam zurück, und erklärte, aller Zauber sei getilgt. Nun reichte er aber dem gekrönten Alten eine überaus hitzige Arzenei, von lauter Dingen zusammengemischt, die Feuer im Blute entzündeten. Der Leidende spürte davon große Wirkungen, und war herzlich froh. Perotti hingegen, der vorher sich schon mit neuen Pässen versehen hatte, eilte sogleich davon.

Flore wartete unterdessen vergebens auf den Loskauf, und gerieth außer sich vor Zorn und Bestürzung, da sie von Perottis Abreise hörte. Ihr schien es nunmehro ausgemacht, daß das Schicksal überall Unfälle für sie bestimmt habe.

Bald meldete das Gerücht in der Stadt: der Sultan habe einen Heiltrank empfangen, der sich ihm zwar anfänglich vollkommen hülfreich erwiesen hätte, doch unmittelbar darauf sei er in einen Zustand von Kraftlosigkeit gesunken, der für sein Leben fürchten ließ. Musa schüttelte den Kopf bei dieser Nachricht, und schöpfte wenig Hoffnung, hier loszuschlagen. Indessen putzte er Floren niedlich heraus, das heißt ziemlich in dem Geschmack, wie Eva mag gegangen sein, da sie eben den paradiesischen Garten verlassen hatte. Bei einer öffentlichen Audienz, wo Verkäufer auch Zutritt hatten, führte er nun Floren nach dem Pallast.

Dieser war in mehrere Höfe abgetheilt. Im ersten standen die gesattelten Pferde des Sultans und seiner Begleitung, denn nach der Audienz wollte er ausreiten. Im zweiten wurde man einen Theil der Leibwache gewahr. Die Uniform war Nacktheit, bis auf eine rothe Schürze, und eine Pikkelhaube. Die Kerle waren bei gutem Humor, soffen viel von dem Hanfabsud, der hier verkauft wird, und gewaltig rauscht, und spielten mit einigen Löwen, die zum Vergnügen des Sultans gezähmt worden waren. Im dritten Hof befanden sich die Minister im Gallaanzug, der in einem wollnen Hemd bestand. Mit gesenktem Haupte weilten sie um den Sitz des Monarchen, während dieser Klagen schlichtete. Er selbst trug, ein bewundertes Zeichen der Größe, Hosen, sonst war er den anderen Männern in allem gleich ausgerüstet. Während er geschäftig war, rief der Hofredner (eine Charge, deren es in Europa nicht bedarf, da wir Poeten und Historiographen besitzen) mit lauter Stimme: Seht den Büffel, den Sohn eines Büffels, den Stier der Stiere, den Elephanten von gewaltiger Stärke, den mächtigen Sultan Abdelrachmannelraschid! Gott verleihe dir langes Leben! O Herr! Gott stehe dir bei, und mache dich siegreich![6] Es störte die Bescheidenheit des schwarzen Königs gar nicht, diesen Hymnus immer wiederholen zu hören, und er machte während der Zeit seine Regierungsgeschäfte ab, die hauptsächlich darin bestanden, die Geschenke seiner Unterthanen und der Fremden im Empfang zu nehmen; denn niemand durfte seinem Throne mit leeren Händen nahn, und diese direkten Einkünfte verdienen doch vor den gepriesenen indirekten, darum den Vorzug, weil sie keine Erhebungskosten schmälern.

Nachdem Musa an die Reihe kam, vorgelassen zu werden, rutschte er nach Gebühr auf den Knien gegen den Regenten, übergab einem Melek sein Geschenk, und hörte dafür die gnädigen Worte Barak ulla fi! (Gott segne ihn.) Hierauf senkte er das Antlitz tief in den Staub, und nachdem es reichlich damit bedeckt, wieder emporgehoben war, berichtete er: wie eine Cafferin, glänzend wie die Sonne, lieblich wie der Mond, und freundlich wie die Sterne, durch ihn nach Ril gebracht worden sey, um dem unüberwindlichen, weisen, tugendhaften, tapferen Büffel, dem Sohn eines Büffels, dem Stier der Stiere, dem Elephanten von gewaltiger Stärke, dem mächtigen Sultan Abdelrachmannelraschid zum Kauf ausgestellt zu werden. Der Sultan rümpfte die kohlenfarbene Nase, strich mit der Hand über die dem Ebenholz gleichende Stirn, und kämmte den dicken rothgebeizten Bart mit den Fingern durch. Gähnend fragte er: wo die Sklavin sey? Auf den Wink Musas wurde Flore, die ein langer Schleier bedeckte, vorgeführt, auf einen andern sank dieser Schleier, und Sultan Abdelrachmann prüfte die enthüllten Reize mit Kennermiene. Doch einem Kritiker gleich, der sich überlas, dem Gefühl und Einbildungsflug nicht mehr erregt werden können, und der daher überall nur zu tadeln weiß, breitete er sich über die Schönheiten der Cafferin aus. Nichts war ihm recht. Das Auge nicht munter genug, die Nase zu klein, die Lippen zu dünn, der Busen zu voll und so weiter. Flore schon außer sich, vor einer Versammlung von mehr als Tausend Menschen dastehn zu müssen, wie Sklavinnen in Afrika dastehn, ärgerte sich um so mehr bei einer Kritik, die im eigentlichen Verstande voll Persönlichkeiten war. Herr Sultan, sagte sie keck, die Schönheit ist in eurem innern Auge nicht mehr zu finden. Daran gebrach es euch! Getroffen drehte sich der König um, und sagte: die Freche würde alle Weiber meines Harems verderben. Hinweg mit ihr!

Der Schleier sank wieder über Floren, und Musa kehrte mit ihr zurück nach seiner Wohnung.