Dem Sklavenhändler sagte sie: Der Arzt aus Constantinopel würde sie vielleicht kaufen, denn er kenne ihre Verwandten in Europa, und wisse, sein Geld werde nicht verloren sein. Sie bat, doch diesem Vorhaben nicht zu widerstreben, und setzte hinzu: der Arzt brächte treffliche Empfehlungen an den Sultan mit, und so könnte er ihm vielleicht auch dort nützlich seyn.
Musa erwiederte: Giebt man mir den dreifachen Kaufpreis, und zahlt die Lebensmittel, womit ich dich auf der Reise ernährte, so gehe ich alles ein. Schon wieder zogen bei Floren, am Horizont der Wünsche und Hoffnungen, die lieblichsten Gebilde herauf.
Die Caravane erreichte das Land Darfur. Ein Melek (Offizier des Monarchen), der die Gränze zu bewachen hatte, untersuchte die Caravane, und erhob den Zoll der Dschelabs. Flore galt, wie sich von selbst versteht, eine Waare.
Signor Perotti wurde nach dem Zweck seiner Reise befragt. Er führte als Mahomedaner den Namen Mehemed, und nannte sich Eswan el Sultan[5], ein Titel, unter welchem Sonnini und Brown auch reiseten und von dem man gestehen muß, daß selbst im Herzogthume *** in Deutschland kein ähnlicher besteht. Seine Pässe wurden richtig befunden, und die Reise ging weiter.
[4] Die Unrichtigkeit, mit welcher der Name Europäer auch unterscheidend gebraucht wird, wenn die Rede von der europäischen Türkei ist, scheint ernst darauf hinzuwinken, daß die Türken nicht nach Europa gehören. Die Christen, welche es schon seit 1453 ansehen müssen, daß das reizend gelegene Constantinopel ihre Hauptstadt ist, könnten die Theorie des Herrn von Bülow wohl gegen sie prüfen. Die Türken müssen gegen das Abendland alle Kriege exzentrisch führen, und werden, wie daraus folgt, conzentrisch angegriffen. Sie haben (immer die Sprache der Bülowschen Lehre zu reden) die erbärmlichste Basis, und ihren Feinden stehn überall basirende Gegenstände zu Gebot. Nach der Theorie müssen die Türken fallen. Nach einer Erfahrung von Vierhundert Jahren fallen sie aber nicht.
[5] Fremder des Sultans.
Elftes Kapitel.
Flore in Darfur.
Das Land war mit Gesträuchen und Früchten bedeckt, die unsrer Heldin noch weit fremder waren, wie jene in Egypten. Rechts sah man eine große Ebne, aber die Dörfer und Städtchen wurden blos durch die um sie gepflanzten Bäume bezeichnet, die die niedrigen Häuser versteckten. Von höheren hervorragenden Gebäuden, wie in der Christenheit die Kirchthürme, in der kultivirten Türkei (es giebt auch eine unkultivirte) die Moscheen mit Domen und Minarets, die einer Landschaft den Charakter des Lebens und der Kunst geben, war die Rede nicht. Dagegen gab es Gegenstände anderer Art, die wahrlich auch imponirten. Denn links hin dehnte sich ein Gebürgsrücken, aus dessen Gebüschen wiederholentlich das majestätische Brüllen der Löwen ertönte, nicht selten ließ sich auch wohl ein bunter Panther oder gesprenkelter Leopard sehen, der mit weniger Furcht nach Beute umherschaute, denn so furchtsam wie in Europa, sind die Thiere dort noch nicht durch Menschengrausamkeit gemacht worden. Wir nennen es Weisheit, die schädlichen Bestien auszurotten, und wirklich sind die Bären und Wölfe schon mit vielem Glücke aus Gegenden vertrieben, wo sie zu den Zeiten des Tacitus noch fröhlich hausten, aber in Vertilgung moralischer Schädlichkeiten, gegen die Bär und Wolf Lämmer wären, treten wir mit sehr unvollkommener Weisheit auf. — Noch sehnswürdiger erschienen im Lande Darfur die Elephantenheerden, welche auf den Ebenen umherschwärmten. Diese Giganten unter den Thieren laufen dort in Rudeln von mehreren Hunderten zusammen, und die Einwohner fangen sie entweder lebendig in Fallgruben, oder tödten sie mit der Wurflanze. Auf ihren Gebrauch im Kriege fiel man aber noch nicht, und sie werden überhaupt nicht zur Dienstbarkeit bei dem Menschengeschlechte angehalten, wie in Indien.
Die Städte fand unsre Pariserin elend, nach heimathlichem Maasstabe, denn die Baukunst beschränkte sich auf Lehmwände und platte Dächer, mit Kameeldünger überworfen, doch nach den Bedürfnissen des Klimas leisteten diese Häuser was man fordern konnte. Mit den darum gepflanzten Bäumen viel Schutz gegen die Sonne, und gegen die Kälte wenig, da überall absichtlich Zuglöcher zur Erfrischung gelassen worden. Bei dem allen gab es in denselben eine Art Fabriken, die wohl in Europa zu wünschen wären, die eine Art lederner Säcke für Mehl und Wasser verfertigten, welche beides vollkommen dicht bewahrten. Letztere sind auf den Reisen durch die Wüsten unentbehrlich. Verstände man bei uns diese Bereitung des Leders, so wäre es rathsam, den Soldaten statt der Feldflaschen aus Blech, solche kleine lederne Schläuche zu geben.