Man muß glauben, daß wenn Flore nicht so schön gewesen wäre, und durch die Anmuth in ihrem Betragen, schon Nachsicht geboten und Unmuth getilgt hätte, der Divan auf der Stelle würde auseinander geflohn seyn. Denn grade den Eindruck, den es machen würde, wenn eine vornehme Dame, in Europa nach der Mode von Darkulla erschien, brachte dort der europäische Gebrauch hervor.

Aber Flore fing an zu reden, man hörte, wunderte sich, daß man nicht aufhörte zu hören, und hörte dennoch.

Weise Männer von Darkulla, hub Flore an: Der Sultan euer Beherrscher hat mir das Regiment während seiner Abwesenheit übertragen. Je weniger ich hoffen kann, einer so unerwarteten Ehre würdig zu sein, je mehr wird es mir Pflicht, den Erwartungen, welche Kuku von mir hegt, nach aller Kraft zu entsprechen, daß nimmer ihn seine Wahl reuen möge, und Freude bei der Wiederkehr sein Herz durchglühe.

Darkullaner, ich bin in einem Lande geboren, wo die Menschen weiter in Künsten und Erfahrungen sind, wie ihr. Auch was Recht und Sitte als das Beste empfehlen, wurde dort genauer ausgemittelt wie hier. Fern sei es von mir, wegen dieses Zurückbleibens auf dem Pfade der Bildung, ein ganzes Volk zu tadeln. Vieles, was der Einzelne thut, hängt von Zufälligkeiten ab, und das gilt auch bei Nationen. Wären eure Väter durch solche Weltereignisse berührt worden, wie die unsrigen, ihr ständet heute auf der Stufe, welche meine Landsleute ehrt. Und hätten unsere Voreltern nur einen Lebenskampf gefunden, wie die eurigen, so besteht gar kein Zweifel, ihre Kinder würden nicht weiter vorgerückt sein, wie ihr. Dies schicke ich voran, um jeden Verdacht der Anmaßung von mir zu entfernen.

Allein ich glaube, ich kann gegen das Vertrauen eines Königs, der mir liebend entgegen kam, und mich neben sich stellte, gegen den freundlichen Empfang und willigen Gehorsam eines guten Volkes, nicht dankbarer mich beweisen, als wenn ich von den Vortheilen, die mein Vaterland vor euch genießt, Darkulla so viel zuzuwenden strebe, als es selbst schon aufzunehmen fähig ist. Und da bring ich eure Empfänglichkeit für das Gute in keinen geringen Anschlag, denn ich habe bereits Zeichen wahrgenommen, die den Morgen der Hoffnung lieblich rötheten.

Es ist der schönste Traum dieser Tage gewesen, den Sultan Kuku bei seiner Wiederkehr mit Einrichtungen zu überraschen, die ihm, wie dem Volke, Segen und Wonne bringen könnten, und mein Herz drängt mich, dem Traume Wirklichkeit zu geben. Euer Beistand ist es, worauf ich dabei zähle, und weiser Sinn, wie das lebendige Gefühl für das Bessere, werden mir ihn nicht versagen.

Es sind vorerst drei Gesetze, die ich zu erlassen gedenke, nachdem sie eurer reiflichen Prüfung vorgelegt sind.

Das erste betrifft die Kleidung.

Anstößig, eckelhaft, anstößig ist es, Darkullaner, daß ihr die Sitte auch der letzten unter den gebildeten Nationen nicht nachahmt, und ärgerlich eure Blöße zur Schau tragt. Wohl muß ich erkennen, daß euer Himmelsstrich hierin andere Gewohnheiten vorschreibt, wie Zonen, in denen das Wasser in Flüssen zum Stein erstarrt, und aus den Gewölken zu Staub gefroren niedersinkt. Allein was nicht die Nothwendigkeit der Erwärmung fordert, ist man der guten Sitte schuldig. Gewöhnt euch daran, ein dünnes Gewand zu tragen, und bald werdet ihr empfinden, daß das Achtungsgefühl für jeden Einzelnen zunimmt, es wird euch Freude sein, auch andern es wieder zuzugestehn, und ein wichtiger Schritt der Veredlung ist gethan. Ich spräche nicht davon, um nicht die Zurückhaltung aufzugeben, die der Weiblichkeit immer wohl steht, aber ich muß euch doch alles sagen, was zur Sache gehört, so darf ich um so eher hoffen, euch zu bewegen. Wisset, dasjenige Entzükken, wodurch die Natur der Menschen Herzen am innigsten rühren wollte, ich meine die Liebe, wird euch mit reinerem, hellerem Stralenschein umfließen, wenn ihr dem Geheimnisse Tempel erbaut, und es gab vielleicht weniger das Bedürfniß, wie der Liebe Sehnsucht nach ausgewählten Genüssen, Gelegenheit zu Erfindung des Kleides. Denkt nach über diese wichtige Angelegenheit, Männer von Darkulla, nennt mir eure Bemerkungen darüber und helft dann redlich und eilig das Gesetz vollziehn, indem ihr die Ersten seid, die dem Willen der Regentin mit Unterwürfigkeit begegnen.

Ferner komme ich auf die widernatürliche, grausame, unerhörte Gewohnheit, manchen aus Kurzweil zu morden, zu verstümmeln. Der Vornehme unter euch, der sich, wie er es nennt, eine heilsame Bewegung machen, oder sich am Gräßlichen eine Augenweide verschaffen will, ruft nur seinen Sklaven hervor, wenn er will, und stillt sein wildes Vergnügen. Der Sultan, dessen Sklaven ihr alle seid, kann auch den, der ihm am nächsten steht, zum Opfer auswählen. Hier, Darkullaner, vertheidigt euch auch der Väter Beispiel nicht. Jeder Erdensohn muß nach dem Triebe, das seinige zu erhalten, den Werth des fremden Lebens wägen. Es muß ihm heilig sein, damit ihn selbst nicht grause Furcht quäle. Eine unerbittliche Satzung, daß des Blutvergießers Blut die Schuld sühnen solle, wird bald ein so freventliches Gelüst austilgen. Die Menschen sind sich gleich, und welche bürgerliche Abstufungen auch in eurem Lande vorhanden sind, so darf auch der Niedrigste nicht so erniedrigt werden, daß sein Leben von der Willkühr abhängig sei. Begebt euch aus guter Ueberzeugung eines schändlichen Rechtes, und ich verheiße euch, den Sultan Kuku zu einem gleichen Entschlusse zu vermögen. Auch Mahomeds Religion verbietet solche ungemessene Greuelthat. Aber ihr versteht wenig mehr davon, wie die Erlaubniß, viele Weiber zu frein, und die Aussicht auf ein phantastisches Paradies, das ihr noch mit Heidenaberglauben schmückt. Davon künftig mehr, vorerst macht nur dem ärgsten Mißbrauch, der je eine Völkerschaft entehrte, ein Ende.