Noch muß ich über den Titel reden, den ihr euren Oberhäuptern beilegt. Durch manches Land kam ich auf meinen Reisen, aber einen so lächerlichen Verstoß gegen Ehrfurcht und Schicklichkeit nahm ich an keinem Orte wahr. In Darfur grüßt das Volk seinen König: Büffel der Büffel, in Darkulla gar Esel der Esel. Wie nützlich, kräftig oder stattlich euch ein Thier erscheinen mag, so ist es unwürdig, nur den geringsten Menschen damit zu vergleichen, da er an Schönheit der Gestalt, Vortheil der Glieder, und dem entwickelten Geist so weit emporragt. Der Mensch ist so trefflich dargestellt, daß man eher ihn mit dem Göttlichen vergleichen mögte. Dies ziemte aber wieder nicht. Also kein Vergleich, eine Benennung nur, die Liebe, Vertrauen und Gehorsam ausdrückt, aber durchaus menschlich ist.

Hier endete Flore. Es war ihr keineswegs entgangen, daß während ihrer ganzen Rede, viele leidenschaftliche Aufwallungen ihre Hörer bewegt hatten. Zugleich war ihr aber auch der Kampf sichtbar geworden, den die Mitglieder des Divans im Innern gegen ihren erregten Unwillen bestanden, und sie schrieb diese Erscheinung der eindringenden siegreichen Kraft ihrer Gründe zu.

Irthum! Man hatte sich nur angefeuert, die verderblichen Grundsätze der Liebenswürdigkeit der Rednerin zu verzeihen.

Der älteste unter den Räthen bat um die Erlaubniß, seine bescheidenen Anmerkungen über die weise Rede an den Tag zu legen, und sie wurde ihm gewährt, so wie jedem, der etwas darüber zu sagen hatte.

Eselin der Eselinnen, Tochter einer Eselin, und Mutter vieler Esel, erhabene Sultanin Nene, höre mich.

Hier biß Flore vor Aerger in die Lippen, der gute Alte fuhr aber fort:

Laß dich einen Greis beschwören, der der Grube zuwankt, und das Bewußtsein mit keiner Falschheit beladen wird, laß dich beschwören, deine Irthümer zu meiden. Dein Tadel straft das Volk von Darkulla, weil es nicht den Leib mit eitlem Gewande überhängt, und du nennest diese Sitte unanständig und sündlich. Sprich, wie kann es unanständig sein, den Leib, den Gott so schön, so kunstvoll bildete, frei zu zeigen. Ließ er nicht das Kind in Nacktheit geboren werden? Mißfiel ihm der Mensch ohne Hülle, würde er ihn nicht gleich mit einer Bedekkung versehn haben? Aber nicht einmal Schaalen, wie der Schildkröte, oder dem Krebse, nicht einmal ein Haus, wie der Schnecke und Muschel gab er ihm, und winkt also deutlich genug seinen Willen herab. Klüger müßten wir uns dünken, wie der Weiseste, tugendhafter wie der Vollkommenste, wenn wir besser verstehn wollten, wie der Mensch das Leben zu durchwandeln hat. Nein, glaube mir, du hegst Irrthümer, noch mehr, du sündigst gegen den Herrn der Himmel, und wirst seinen Zorn auf dich laden. Wirf sie weg, diese frechen Gewebe, die die Schönheit, welche dir gegeben ward, den Blicken entziehn, ja selbst verkündigen du schämest dich der Glieder, die der Herr schuf. Eben darum nehmen wir nicht alle Lehren Mahomeds an, weil sie gebieten, das Weib zu verschleiern, ein Frevel, zu dem sich unsre Ehrfurcht vor Gott nie verstehn wird. Schreibe in dein Herz, was ich dir sagte, ich bin zu bewegt, und muß schweigen.

Ein andrer stand nun auf, und nach der gewöhnlichen Höflichkeitsanrede, kam er zur Sache:

Wie, Königinn, wir sollten der leichten, freien Bewegung unseres Leibes ein Hinderniß setzen, uns steif und ungelenk machen? Wir sollten die Glieder verwöhnen, von der Luft gestärkt und erfrischet, die jedem Sonnenstrahl trotzten, und mit einer empfindlichen Haut, die Krankheiten auf uns laden, von denen man in Egypten so viel hört, wie die Gereiseten sagen? Sind Gelenkigkeit und Kraft nicht schätzbarere Güter, wie einige bunte Lappen, die, hätte sie auch der erste Künstler unter den kunstreichen Caffern gefertigt, doch nimmer dem Gefieder eines Papagoyen gleichen. Darum, wenn wir uns ja mit etwas schmücken, so sind es Federn im Haar, oder Muscheln am Halse, beides von dem höchsten Künstler hervorgebracht.

Noch ein andrer setzte hinzu: Und woher sollten wir doch Kleider bekommen? gesetzt wir wären auch so ruchlos, deren anlegen zu wollen? In Darkulla giebt es dazu kein Werkzeug, keine Arbeiter. Sollen wir den Fremden dafür von unserm Reichthum geben, wird Darkulla bald arm seyn. Sollen die Männer von Darkulla selbst die verdrießliche mühvolle Arbeit unternehmen, den nichtigen Tand zu bereiten, so müssen sie einer der holdesten Süssigkeiten des Lebens entsagen, der lieblichen Geschäftlosigkeit. Diese Gewerbe würden die Arbeiter verkrüppeln, man würde bald Siechlinge erblicken, wo jetzt nur nervigte Kernmänner vorhanden sind. Bald würde auch eitler Stolz einreissen, jeder sein Kleid besser wollen, wie der Nachbar. Neid und Mißgunst, Abhängigkeit und Hundert andre Uebel, die wir zum Glück unsrer Unschuld noch gar nicht kennen, von denen wir nur hier und da reden hörten, würden im Gefolge der Kleider nahen.