Der Alte hatte sich in etwas erholt, und fügte noch einige Worte hinzu. Sultanin, sprach er, du nanntest auch eine Erhöhung der Freude im Liebesgenuß, zu den Vortheilen, welche mit den Kleidern über Darkulla kommen würden. Wie, ist man in deinem Vaterlande so entmarkt, daß es erkünstelte Reize gilt, um Reiz zu empfinden, davon weiß Darkulla noch nichts, und seine starke Bevölkerung mag für mich zeugen. Soll aber Zügellosigkeit an die Stelle der Freude treten, o dann flehen unsere Väter, flehen unsere Mütter: Erbarme dich der Kinder, und lasse die Kleider weg!
Ferner, o Eselin der Eselinnen! verwirfst du das Recht über Leben und Tod, das bei uns dem Herrn gegen seine Knechte zusteht, wie die Pflicht der letzteren, freudig der Lust des Herrn, Kopf und Brust darzubieten. Bedachtest du aber auch, wie dadurch bei uns eine Herrschaft über die Gemüther, eine Leichtigkeit der Ordnung entstehn, die man vergebens bei allen Völkern der Erde suchen würde?
Wie tief ist die Liebe zu einem Herrn, für den man jeden Augenblick bereit ist, zu sterben. Was kann ein Herr, den die Knechte so lieben, nicht unter dem Werth des Lebens fordern. Wie gewiß, wie willig werden nicht alle seine Winke erfüllt? Statt anderwärts mit großer Mühe, und dennoch lückenhaft und unvollkommen die Gesetze erlassen werden, bedarf es deren bei uns gar nicht, der Geist des unbedingten Gehorchens geht schon in den Knaben über, wenn der Säugling entwöhnt wird, und stirbt erst mit dem Greise. Denkst du eine so herrliche Zusammenstimmung des Willens zu stören?
Ein andrer nahm das Wort. Wir sind ein Volk von Kriegern. Zwar dürften wir in der felsenbewachten Provinz ruhig gegen alle Angriffe seyn, und eine geringe Zahl ausgenommen, die den Eingang zu vertheidigen hätte, die Schwerter zerbrechen, aber die Darkullaner, welche draußen wohnen, sind auch unsere Brüder, wir wollen sie nicht der Feinde Sklaverei preisgeben, oder schimpflich große Lande meiden. Und einem Kerker gliche dann das Darkulla zwischen den Bergen, Niemand dürfte es mehr verlassen. Wo kann es aber wohl furchtbarere Krieger geben, wie da, wo niemand das Leben achtet? Das haben unsere Feinde oft gefühlt. Daß auch der Anblick des Blutes, der Todesmartern, nach langem Frieden, nicht den Anführern, nicht den geringen Kriegern ungewohnt sey, und Muth und Besonnenheit störe, ist es vortrefflich, von Zeit zu Zeit das Schauspiel des Mordes zu wiederholen. Männlicher Sinn, Gleichgültigkeit gegen fremde und eigne Qual, weichen so nimmer aus unsern Gemüthern.
Ein Dritter fügte noch hinzu: Wir hassen Anstrengung, Mühe, Fleiß, die doch, wie jeder gesteht, den Menschen peinigen. Anderwärts müssen die Feldherrn den Krieg wie eine beschwerliche Kunst erlernen. Einen großen Theil seiner Zeit ängstet sich der Bei in Egypten ab, wie er am besten begreife, die Truppen gegen den Feind zu stellen, mit Vortheil auf Feindes Reihen zu führen. Der arabische Reuter tummelt sich und sein Roß bis zum Ermatten, der Fußkrieger übt im Schweis des Angesichts, das Zielen seines Geschosses. Das alles darf der kühne Sohn Darkullas nicht. In dichten Haufen, mit Keulen oder Schwerdt gewaffnet, wälzt sich Darkullas Heer vorwärts. Zurück begehrt Niemand mehr, der im Tode kein Uebel zu sehn gewohnt ist. Mögen sie kunstreich schießen, nur Tausend Mann darauf losgestürmt. Was nicht fiel, erwürgt die Feinde. Stolze Gegner haben uns mit abgerichteten Elephanten bekriegt. Da warfen sich gleich ein zwanzig Mann in den Staub, ließen sich lachend zerstampfen, während andere dem Thier die Speere in den Leib senkten, oder hinaufklimmten, die Führer herabzuschleudern. Sogar einen der ehernen Feuerrachen, wie man sie im fernsten Caffernlande hat, wo gewiß die Menschen ihre eigne Kraft schon lange einbüßten, hat der Sultan von Darfur gegen uns gebraucht. Wie spotteten Darkullas Krieger der eitlen Bosheit! Es kostete einen Anlauf. Kaum hundert wurden zerrissen, da gehörte das plumpe Werkzeug uns, wir zwangen seine Schützen, ihre eigenen Brüder damit zu erlegen, und bewahren es noch auf. Soll diese Heldengewalt unserer Krieger, die seit Jahrtausenden unsre Haabe, unsre Freiheit so kräftig beschützt, in Darkulla untergehn? Nein, erhabne Sultanin, das wirst du nicht wollen.
Jetzt bat jener Alte wieder um das Wort: Eselin der Eselinnen! am tiefsten hast du unsere treuedurchglühten Herzen verwundet, da das Verlangen laut wurde, unsern uralten ehrwürdigen Königstitel zu ändern. Ich flehe dich an, erhabene Sultanin, erwäge, welchen schlimmen Eindruck es auf die Menge hervorbringen würde, wenn ihr gestattet seyn sollte, dem Oberhaupte, die ihm von den weisen Vätern erzeigte, ihm immer gebührende, von dem Vater auf den Sohn fortgepflanzte, Ehrenbezeugung zu entziehn. Alterthum allein heiligt schon Gebräuche, man darf nur mit Vorsicht daran rühren. Viel gewöhnlicher, viel leichter würde der Darkullaner von seinem Könige denken, über ihn fühlen, das Verhältniß der Unterthanen zu dem Gewalthaber betrachten, wenn es ein so wenig bedeutender Gegenstand wäre, das Bild, wodurch er die Herzen rührt, zu zerschlagen. Es wäre der erste Schritt einer gefährlichen Verminderung des ehrfürchtend, zutraulichen, kindlichen Sinnes.
Der zweite Rath warf ein: Du sagtest, erhabene Sultanin Nene, wohl mit dem Göttlichen wäre eher der Mensch zu vergleichen, als mit dem Thier. Nach dem Ebenbilde Gottes sei er gemacht. Verzeihe mir, ich begreife nicht, wie irgend eine Religion sich vermessen kann, einen so anmaßenden Stolz zu lehren. Was würde gar aus dem Sultan werden, dessen Macht auf Erden so groß ist, so groß sein muß, wenn ihn seine Diener einen Gott nennten? Grade, weil sie ihn so hoch stellten, muß er sich fleißiger erinnern, daß er bei aller Erdengewalt dennoch nur ein Wurm im Staube ist. Nein, Sultanin, laß uns das Herz unserer Könige nicht verderben, indem Wahn der göttlichen Natur über die Betrogenen kömmt.
Der dritte trug noch folgende Einwendungen vor:
In Afrika ist es Gewohnheit, die Rede mit Bildern zu schmücken. Der Vergleich ist anmuthig, übt spielend den Scharfsinn. Oft enthält er eine Lehre, die sich ohne Mühe einprägt. Vergleichen wir nun unsern König mit einem Esel, so wird nicht nur der Scharfsinn dadurch aufgefordert, die Aehnlichkeiten zu suchen, sondern auch heilsam an die in dem Witze enthaltene Lehre gemahnt, was grade dem Könige selbst am nützlichsten werden kann. Andre Völker haben Thiere gewählt, die in ihrem Lande vielleicht vortheilhafter zu brauchen waren, bei uns ist aber der Esel Alles in Allem. In Darfur nennen sie den Sultan: Büffel der Büffel, Elephanten von gewaltiger Stärke; in Bornu: Löwen der Löwen, Tyger von wüthendem Grimm. Sollte unsre Wahl nicht edler sein? Jene Thiere fürchtet der Mensch mehr, als er sie liebt, sie machen von ihrer Kraft häufig einen schlimmen Gebrauch, und derjenige, dem man ihre Namen zutheilt, kann auch leicht zu einem ähnlichen Mißgriff verführt werden. Aber man blicke auf die Esel in Darkulla. Wie zart gebaut, wie reinlich, weich, und von glänzender Haut sind sie. Wie sicher ihr leichter Tritt. Mit welcher Geduld tragen sie große Lasten. Von dem reichsten Vorrath an Sesam oder Mais umgeben, schwelgen sie nimmer, genießen nur das Nöthige; beim Mangel der Wüste behelfen sie sich mit schlechter karger Kost. Sie sind sanftmüthig, greifen niemand an, nur heftig gereizt beißen sie, oder schlagen hinten aus. Nun sage selbst, o Sultanin, mit welchem Thiere wäre Darkullas Sultan sinnvoller zu gleichen? Mögte nicht jedes Reich gern einem durch die äußere Form schon einnehmenden Herrscher gehorchen? Sind es nicht köstliche Tugenden am Thron, leicht und doch sicher die Geschäfte der Regierung zu treiben, die Last des Ruders mit Geduld zu tragen, mitten im Ueberflusse wirthlich zu sein, und im Nothfalle sich auch schlecht begnügen zu können? Die friedliche sanfte Gemüthsart des Landesvaters, welch eine Schutz und Wehr der Unterthanen gegen Gewaltthat im Innern; denn dem Beispiele von oben werden alle Gewaltige des Landes folgen. Wird der Sultan nur zornig, wenn ihn Beleidigung reitzt, so hat sein Reich keine unnütze Kriege zu besorgen. Darkulla, das sich mehr vertheidigen als erobern will, kann durchaus keinen rührenderen Vergleich wählen, wovon dich gewiß meine Gründe überzeugten, und du wirst fortan freundlich lächeln, wenn dir das schöne Ehrenwort: Eselin der Eselinnen, ertönt. Ob wir gleich nicht glauben, es bedürfe bei deinen Vollkommenheiten, noch einer Mahnung, an die Tugenden des sanften Thieres zu denken, so nennten wir dich doch ungern Krokodill der Krokodille, aus Furcht, du mögtest bei den öfteren Erinnerungen etwas von der Natur des Ungeheuers in dich aufnehmen.