Flore war abwechselnd bleich und roth geworden, während die Opponenten redeten. Hätte sie wieder gewußt, jene in die Enge zu treiben, so wäre wenigstens der Vortheil auf der Schwarzen Seite gewesen, daß ihre Farbe sich nicht änderte. Doch sie war wohl auf rohen Eigensinn, starres Vorurtheil gefaßt, nicht aber auf Gründe, und so war ihre Verlegenheit in der That nicht klein. Die Kernsprüche der französischen Literatur von der allgemeinen Art, (sie hat deren weit mehr, wie die sich gern über sie erhebende deutsche) sind fast Jedermann in Frankreich bekannt, darum fiel auch Fontenelle’s Wort: Chacun a raison, Floren mehr als Einmal in dieser Verlegenheit bei. Doch ließ ihr feiner Takt sie zugleich begreifen, daß sie ohne Gefahr des Ansehens, nichts einräumen dürfe; und mogte gleich ein geheimer Verdruß in ihr erwachen, die Hand an die Aufklärung von Darkulla gelegt zu haben, so meinte sie nun doch, der eingeschlagene Pfad sei nicht mehr zu verlassen. Eine solche Festigkeit des Regierungssistems ist schon oft von der Menschenkunde empfohlen worden. Giebt man im Gefühl des Unrechtes nach, wird auch nächstens bei vollem Recht der Geist der Schwierigkeit aufwachen.
Flore sagte nichts, als: Ich werde in meinem Cabinette weiter beschließen, und entfernte sich mit einer etwas kühlen Verbeugung.
Die Glieder des Divans sahen einander bei diesem Zeichen von Unzufriedenheit bekümmert an, doch das Bewußtsein, der Pflichten Stimme gehorcht zu haben, richtete sie wieder auf.
Man kann vermuthen, daß der Rath gefügiger erfunden wäre, hätte er Jünglinge in seiner Mitte gezählt. Allein es durfte in Darkulla Niemand vor dem sechzigsten Jahre in den Divan treten, und das ist freilich eine vortreffliche Einrichtung, wo man nicht von der Stelle will.
Da nun aber Flore nach ihrem Kabinette ging, sahe sie zu ihrer großen Verwunderung, daß alle ihre zurückgebliebenen Dienerinnen sich mit mächtigen Feigenblättern versehn hatten. Der Ruf von dem Willen der Sultanin war schon zu ihnen gedrungen, und mit höchster Eile hatte man zu gefallen gesucht. Die Kammerherren staken vom Haupt bis zum Fuß in Ziegenhäuten, etwas andres war so schnell nicht herbeizuschaffen gewesen. Man kann also denken, wie diese Kammerherren nicht erst Floren würden wegen ihrer weisen Befehle geschmeichelt haben, wenn die Darkullanische Weisheit ihnen nicht die Zungen genommen hätte.
Der Eunuchoberst fragte gehorsam an: ob seine Soldaten auch gekleidet erscheinen sollten? ohne besondre Ordre that der pünktliche Mann nichts. Flore glaubte Ja antworten zu müssen, und nun richtete er für sich ein Tygerfell, und für die übrigen Schaafshäute zu, doch alle von Einer Farbe, der Geist der Uniform fuhr wunderbarlich in ihn.
Flore überlegte hin und her. Lasse ich, dachte sie, die Geheimschreiber kommen, Edikte ausfertigen, und an die Ecken schlagen, so muß das Volk thun, was ich begehre. Daß nicht überall Neigung zum Widerstande vorhanden ist, beweisen die Hofleute, die gefällig erfüllen, was die grämlichen Räthe mit weitläuftiger, schwülstiger Beredsamkeit umwerfen wollen. Aber wenn ich bedenkliche Gährungen ins Leben rief? Nun da könnte sich Entschlossenheit bewähren. Doch zu rasch ist so was nicht zu wagen, aber man darf jenen Räthen auch keine Schwäche verrathen.
Die letzte Betrachtung überwog, Flore gerieth in eine edle muthige Hitze, die Geheimschreiber erhielten sogleich Befehl, in den Pallast zu kommen. Noch aber waren die ausgefertigten Edikte nicht unterschrieben, als sich der älteste von den Räthen melden ließ, und nochmals, Treue und Liebe in Blick, Sprache und Geberde, warnte. Er hatte die Berufung der Geheimschreiber erfahren, und dies ihn zu dem gegenwärtigen Schritte bewogen.
Flore war sehr verdrießlich, gab ihm bald zu verstehn, er sei die überzählige Person im Cabinette, zauderte aber dennoch mit der Unterschrift. Es ging ihr wie Elisabeth von England, mit dem Unterschiede, daß jene bei einem grausamen Befehl nicht zum Entschluß gelangen konnte, Flore aber nicht, wo sie von der Trefflichkeit desselben überzeugt war.