Es waren einige Wochen hingegangen, und in der Zeit hatte Flore auch wohl zuweilen bedacht: Was geht mich die Aufklärung der Darkullaner wohl an? Wenn ich des Volkes Meinungen nicht feindlich berühre, welch herrlich Loos erwartet hier die Sultanin? Ich ärnte keinen Dank für meinen Willen, die Unwissenheit auf eine höhere Stufe der Bildung zu erheben.
Darüber verzog sich die Unterschrift je länger und länger. Aber Flore zeigte sich nicht wieder im Divan, sie wollte nicht als die Nachgiebige dastehn.
Jetzt langte aber ein Eilbote vom Heere an, und überbrachte Briefe von Kuku. Die Sultanin zitterte bei ihrer Erbrechung, als wenn sie den feurigen Schwarzen schon liebte, und es keinen Ring mehr in der Welt gäbe.
Der erste Brief bestand in Herzensergießungen. Nach einem Eingange voll Schwüre der Liebe, so heiß, und mit Bildersprache und Dichtung verwebt, wie ihn je eine Prinzessin Afrikas empfangen hat, schrieb Kuku auch: er müsse wahrlich den ihm ertheilten Rath, Gigi die Männer von Caffernland auszuliefern, wohl überlegt finden. Auch würde er ihn vielleicht noch befolgt, und sogar über der Beduinenkönigin Fehdebrief hinweggesehen haben, wenn sich unterdessen die Umstände nicht noch beträchtlich geändert hätten. Aber bei seiner Ankunft im Lager sei Tatas Vortrab bereits durch Gigi aufs Haupt geschlagen gewesen, und da unglücklicher Weise das empörte Volk in des Bruders Hauptstadt, die Männer mit lauten Schmähworten gekränkt hätte, und das der zornigen Feindin hinterbracht worden sey, habe sie einen Theil ihrer Drohungen fürchterlich erfüllt, und den besetzten Landstrich mit Feuer und Waffen verwüstet. Das fordre nun Rache, und der Krieg müsse auf das nachdrücklichste fortgesetzt werden. Er sey auch schon so glücklich gewesen, mehrere Truppenabtheilungen der Beduinen aufzureiben, und die großen Heere rückten nunmehr gegen Einander. Eine Hauptschlacht müsse entscheiden, doch schien diese noch nicht so nahe zu sein, da die Regenzeit Hindernisse lege, und beide Theile auf reiche Vorräthe an Lebensmitteln Bedacht nehmen müßten, um mit den großen Heeren durch die Wüste zu ziehn, die sie noch zwischen sich hätten.
Nun kamen wieder Zärtlichkeiten an die Reihe, und zwar im ächten altdarkullanischen Geschmack. Kuku meldete: er habe bereits Tausend Köpfe von Erschlagenen gesammelt, die er ihr in Säkken von Kameelhaut schicke. Sie wären schon unterwegs, nur würde der Eilbote allerdings früher eintreffen. Nächstdem würden Tausend lebendige Gefangene anlangen. So sei er ihrer werth, und nach der Heimkehr sollte ganz Darkulla des Beilagers wegen, vier Wochen lang trunken sein, ob es gleich Mahomed untersagte, dem bei diesem Verbot, sein Volk noch nicht zu gehorchen erlernt habe.
Hier ließ Flore den Brief auf ihren Schooß sinken, und dachte nach: — Sultanin, nun wirkliche Sultanin? Darf ich es, wie auch Hoheit und Freude mich anlocken? Wenn nun Ring lebt, und was sollte er nicht? Muß ich nicht wie Gigi handeln, die Kräftige? Aber ich besitze den Trank nicht, und Ring selbst würde es verdammen, wenn ich den Trank schlürfte. O daß mir doch eine Nachricht über ihn zukäme, nun, da sich Kukus Krieg in die Länge ziehn wird, erscheint Musa vielleicht eher wieder.
Sie las fort, warf aber den Brief unwillig zur Erde, denn was noch folgte, empörte sie mehr, als das ihr zugedachte gräßliche Geschenk. Kuku endete den Brief damit, daß er die Hoffnung äußerte, die Feindin werde durch die Tapferkeit der Söhne Darkullas völlig überwunden werden, ja selbst gefangen in seine Hände gerathen. Ist ihr dann das Kleinod zu rechter Zeit zu entwinden, welches das geheime Gift verbirgt, o dann soll die, welche ich zur Sultanin, zur einzigen Sultanin von Darkulla erheben wollte, mir fröhnen wie die gemeinste Buhldirne, und wenn meine Lust gebüßt wurde, den Knechten preisgegeben werden. — „Das werd ich verbitten, unzarter Afrikaner!“ rief Flore bei dieser Stelle aus. — Und, hieß es schauderhaft weiter, mordet sie ihr Trank, soll auch ihr Leichnam der Entweihung nicht entgehn, und sollte der Tod viele Knechte — — —
Den Rest las Flore gar nicht, sondern rief Abscheu über den Sultan. Doch setzte sie hinzu: die Hoffnung ihn zu bessern, geb ich immer nicht auf.
Der zweite Brief wurde erbrochen. Er war offiziell, und so angethan, daß die Sultanin ihn im Divan vorlesen sollte.
Erst fand man eine Reihe von Berichten, über die Kriegsvorfälle, welche schon Statt gehabt hatten, Listen von Todten und Verwundeten, ehrenvolle Erwähnungen muthiger Thaten, Angaben über den Verlust der Feinde, und was sonst aus dem Kriege berichtet zu werden pflegt. Worin aber Sultan Kuku von der vielbefolgten Regel abwich, das war der Punkt der Richtigkeit.