Signor Perotti war unterdessen den Mammelucken gefolgt, die ihn aber unter allerlei Vorwand auf der Gasse aufhielten. Bald gab es dies bald jenes zu sehn, und es verging um so viel mehr Zeit, da in Cairo die Straßen mit Thoren versehen sind, die erst geöffnet werden müssen. Endlich aber gingen sie nach dem großen Canal hinab, und gaben dem Signor Perotti auf, nur ihrer am Ufer droben zu harren, da sie einen ihrer Kameraden, der unten die Wache bei den Barken des Beis hätte, zu sprechen hätten. Allein sie kamen nicht zurück, und nur nach einer ungeduldig ausgeharrten Stunde, wagte der zaghafte Italiener hinabzusteigen, wo er denn keine Barke und keinen Mammelucken mehr gewahrte.
Zitternd schlich er nach des Beis ihm wohlbekannter Wohnung, allein die Dienerschaft wußte von keinem solchen Befehl, und er lief was er konnte nach Hause, denn ihm leuchtete nun wohl ein, er hätte es mit vermummten Betrügern zu thun gehabt.
Zuerst ward er die noch herabhängende Strickleiter inne. Grausenhaftes Zeichen! Im Hof rief er den Antonio vergebens, und fand ihn endlich statt Isabellen auf ihrem Zimmer. Heulend verkündigte er das Auferstehn der Mumie, und empfing Mißhandlungen seiner unvorsichtigen Furcht wegen. Endlich schlug Signor Perotti neben dem Sarge die Hände über den Kopf. Sein Schmerz war ernstlich, und die Tausend Piaster trösteten ihn nicht. Er hatte durch seinen Handel nach der Levante während zwanzig Jahren etwas namhaftes erworben, und wollte sich nun auch einmal gütlich thun.
Der junge Franzos, Coutances war sein Name, war unterdessen mit der reizenden Beute in seiner Wohnung angekommen, und Michelet bereitete ein Mahl. Der Mann besaß eben keine Reichthümer, sondern fing meistens mit aufgenommenem Capital eine Kaufmannschaft an. Die Tausend Piaster, im Rausch der Liebe hingezahlt, konnte er eigentlich nur schwer missen. Isabelle warf sich, wie sie sich allein befanden, zu seinen Füßen hin, und bat um Schonung. Zugleich sagte sie ihm: ich gehöre einem reichen Geschlechte in Spanien, und wurde von Corsaren geraubt. Suchen sie Erkundigungen einzuziehn, ob mein Vater vielleicht losgekauft, und nach Cairo gekommen ist. Wo nicht, so lassen sie uns nach Spanien reisen, und empfangen dort meine Hand mit einem ansehnlichen Vermögen. Das sei der Lohn ihrer Großmuth. Die Versicherung, daß mein Herz schon im ersten Augenblicke für sie sprach, das Vertrauen, womit ich ihnen folgte, gnüge bis dahin ihrer Liebe.
Coutances hörte ihr mit Befremdung zu, empfand Ehrfurcht für Isabellen, und schwur ihr Begehren zu heiligen. Er fragte noch: warum in Algier keine Anstalten zu ihrer Befreiung getroffen worden, und erfuhr: nachdem sie durch Fischer aus dem Meere gerettet wäre, hätten sie diese nach einem Landhause gebracht, und einer alten Dame verkauft, die große Anhänglichkeit für sie gefaßt habe, und sich durchaus nicht hätte von ihr trennen wollen. Bei einem innerlichen Kriege sei sie aber aufs Neue geraubt, und endlich in die Gewalt des Sklavenhändlers gekommen, der sie nach Cairo gebracht.
Der Geliebte ging am folgenden Morgen zu einem Bekannten, und fragte nach den Lebensumständen des spanischen Consuls. Zu seinem größtem Vergnügen hörte er, daß der Mann sich beinahe sechs Jahr in Egypten befände, und auf der Reise den Unfall erlebt habe, Algierischer Sklave geworden zu seyn. Kein Zweifel weiter. Auf der Stelle eilt er zu ihm, und theilt schon im Geiste das Entzücken Isabellens.
Vor der Hausthür steht ein Mann, den Coutances fragt: ob der Consul daheim wäre? Nein, ist die Antwort, er bringt einige Zeit in seinem Garten zu, da er an der Augenkrankheit leidet, und hier so viel Staub ist. Wißt ihr den Garten Freund? Könnt ihr mich auf der Stelle dahin führen? — Warum nicht.
Jetzt kömmt ein Diener mit zwei gesattelten Eseln die Gasse her. Sie gehören dem Consul, sagt jener Mann, besteigen wir sie, der Herr würde es übel nehmen, wenn man einem Fremden den weiten Weg zu Fuße machen ließe. Coutances läßt sich das gefallen, nimmt das eine Thier, der Andere das zweite, und so trabt man fort.
Ein kleiner artiger Garten nimmt den Franzosen auf, der nun in den Pavillon geführt wird. Die Fenster sind grün verhangen, ein Augenkranker sitzt, das Gesicht umschirmt, auf dem Sopha. Sind sie der spanische Consul, mein Herr? — Zu Dienst. — Besaßen sie eine Tochter? — O Gott, warum mahnen sie mich daran? Sie ertrank im Hafen von Algier. Sie lebt, glücklicher Vater, sie ist in Cairo!
Der rasche Ungestüm der freudigen Ankündigung bringt ihn einer Ohnmacht nahe. Coutances unterstützt ihn, muß nun erzählen, wieder erzählen, soll hin zu ihr — noch bleiben — dann wieder eilen, da der Spanier den glücklichen Moment nicht erwarten kann.