Sechstes Kapitel.
Der Bei.

Jede Lebenskraft abgespannt, ließ sich Flore hinschleppen. Schon erblickte sie zwischen den Mauern das schauerhafte Todeswerkzeug, als plötzlich eine fremde Stimme fragte: was habt ihr mit dem Jüngling vor?

Flore hatte keinen Muth aufzublicken, woher die Stimme schon durch ihren sanften Klang hier fremd bezeichnet, kam, aber sie bemerkte doch, daß alle ihre Begleiter mit einem bangen Ausruf, zur Erde aufs Knie stürzten.

Was habt ihr mit dem Jüngling vor? erneuete sich die Frage. Keine Antwort. Die Stimme äußerte nun Zorn, aber einen Zorn, der hier Trost und Erquickung wurde, einen Zorn, der des Vertrauens Fülle in den Busen goß. Leiser zagend hob die bestürzte Verurtheilte das Auge empor, und gewahrte einen hochgestalteten glänzend gekleideten Mann, auf einem muthigen Araberhengst, umringt von stattlich bewaffneten Reisigen in reicher morgenländischer Tracht.

So tobend, so besinnungraubend war der Bösewichter Grimm gewesen, daß sie die Ankunft eines zahlreichen Reutertrupps durchaus überhört hatten. Daß Flore damals nicht bemerkte, was weiter um sie vorging, bedarf keiner Erklärung.

Isaaks Sohn, (kein Jenaischer Philosoph zweifelt mehr an der Legende Wahrheit, höchstens noch lutherische Landprediger, und schon einige Kapuziner) da das Opfermesser sich erhoben hatte, vor dem lodernden Scheiterhaufen, fühlte aber nicht viel mehr Wonne, bei des Seraph Einspruch, wie Flore im Anblick des edelgestalteten Mannes, denn der Gedanke: er wird mein Retter seyn! dämmerte ihr gleich auf.

Ein Vertrauen, als hätte sie den Mann seit Jahren gekannt, folgte dem Gedanken, und der Muth, statt der im Staube sich krümmenden Räuber zu antworten, folgte dem Vertrauen. Flore nahm ihre Sprachkunde zusammen, und rief: Edler Pascha, erhabner Bei, oder wer ihr seid, die Männer wollen mich schmählich ermorden. Dort ragt schon der Spieß empor.

Mit Wohlgefallen und Milde blickte der Angeredete auf Floren nieder, mit heftigem Unmuth nach den Räubern. Fürchte nichts, sprach er zu der Ersten gewendet, dann schalt er die Andern mit Nachdruck. „Wenn euch dieser Jüngling Leides that, wie durftet ihr euch vermessen, selbst Richter zu seyn? Warum bringt ihr ihn nicht zum Kiaschef, und der ihn zu einem Richteramte, das über Leben und Tod aussprechen darf? Aber ich sehe aus dieser sträflichen Wildheit, ihr gehört zu dem Raubgesindel, das den Nil unsicher macht. Fischer nennt ihr euch, und plündert die Schiffe. Jetzt hab ich die Zeit nicht, euer Treiben untersuchen zu lassen, aber ein Andermal. Damit ihr hier keine längere Zuflucht habt, so steckt selbst gleich alle die Hütten in Brand. Gehorcht, oder ich lasse euch niederhauen.“

Des Befehls Donner wirkte so mächtig, daß alles gleich aufsprang, und in zwei Minuten loderte schon das Dorf empor.

Während dessen fuhr der Muselmann fort: Den jungen Menschen nehme ich mit, seine Miene zeugt von Unschuld. Wie froh sprang Flore auf. Die vier Esel liefen, die Zügel ineinandergeschlungen, noch in der Nähe herum. Sie machte sie los, befreite die Mäuler von den Tüchern, und schwang sich auf den besten. Die drei andern schenk’ ich euch großmüthig, rief sie den Räubern noch zu, und mischte sich nun unter das Gefolge von Mammelukken, das dem Nile zueilte.