Hier standen verschiedene Fahrzeuge in Bereitschaft, und die Ueberfahrt wurde so schnell es immer anging, ins Werk gebracht.
Flore erfuhr, sie habe den Bei gesprochen, den die Europäer in die Wüste gedrängt hätten, der nun aber über den Strom zu seiner Famille wollte, die weit nach Oberegypten hin, in Sicherheit gebracht sei. Desto unentdeckter zu bleiben, war der Weg durch die Ruinen genommen worden. Die Schiffe zur Ueberfahrt an Ort und Stelle zu finden, fiel ihm bei seinem Anhang und seiner Kundschaft des Landes, nicht schwer.
Die Mammelukken erzählten das alles willig an Floren, und redseliger als sie gewohnt zu seyn pflegen. Aber man darf kühn auf der Diener Artigkeit zählen, wenn das Oberhaupt freundlich war, wie auch der umgekehrte Fall statt hat. Das mit dramatischer Kraft zu zeichnen, ging Schiller einen Anachronismus von zwanzig Jahren ein. Denn der Admiral Medina Sidonia erschien in seinem Carlos, und jammerte über die zerstörte unüberwindliche Flotte. Diese Armade ging aber 1588 verloren, und Prinz Carlos starb schon 1568.
Auch liegt es im Menschen, daß er sich freudig an seinen Retter schließt, mag dieser immer einer feindlichen Nation zugehören. Drum befand sich Flore überaus wohl unter diesen Leuten, und sie zog getrost mehrere Meilen jenseits des Nils mit fort, ehe sie einmal recht daran dachte, was nun für sie zu thun sey? Es zerstreute dazu sie so Manches unter dem Haufen, und fesselte ihre Aufmerksamkeit.
Nun wurde gelagert, denn man hatte auch Gepäck bei sich. Nicht lange so stand ein Dörfchen von bunten Zelten auf der Ebene. Hammel steckten an Spießen, Reis dampfte aus Casserollen. Flore, als ob sie dazu gehöre, ließ den Esel im hohen Grase weiden, kaufte von einer Art Marketenderin das Benöthigte, und richtete sich einen Pilau zu. Der Hunger war, wie man denken kann, seine köstliche Würze.
Allein sie hätte diese Mühe sparen können. Denn kaum hatte sie angefangen, ihr klein Gericht zu verzehren, als der gütige Bei, der sie nicht vergaß, einen seiner Diener schickte. Dieser brachte eine Lammskeule mit Knoblauch, einen Salat von Oliven, eine Art Wachtelpastete, und eine Schaale Sorbet. Flore wies das nicht zurück, sondern erquickte sich gar behaglich.
Man braucht noch nicht einmal ein Nicolai an kunstrichterlicher Strenge und Wissenschaft zu seyn, sogar ein literarischer Chévalier d’industrie aus Berlin, der sich beim Morgenblatte oder der allgemeinen Zeitung zum Nachrichtgeben versteht, und daneben bisweilen eine Haßkritik einstreuen darf, kann sagen: daß es gar nichts Erzählungswerthes ist, wenn irgendwo geschmauset und getrunken wurde. Aber was erzählt denn selbst der göttliche Homer (nach Fichte freilich kein Dichter) am liebsten? Streicht in der Ilias und Odyssee, alle Ochsenbraten und was noch dazu gehört, wieviel bleibt übrig? Am Ende kehrt ja die geistige Ausflucht immer wieder zur Sinnlichkeit, und die feinere Sinnlichkeit zur unfeineren. Der Libertin, welcher dreißig Jahre lang, die liebsten Schönheiten verfolgte, und darüber oft die Tafelfreuden übersah, blickt am Ende doch mit festerem Ernst nach einer guten Table d’hôte hin, oder knüpft eine Ehe propter opem[3]. Welcher treffliche neue Morgen der französischen Literatur brach mit jener Staatsumwälzung an! Gleichwohl ist die Gastronomie unter den neuesten Werken zu Paris, dasjenige, welches die meisten Auflagen erlebte. Hästia allein, spricht Platon, die häusliche, wartet des Heerdes, wenn der Vater der Götter und Menschen auf dem geflügelten Wagen allwaltend dahinfährt, und dem Führer des himmlischen Zuges die übrigen Götter folgen. Und ist nun der Zug vollendet, sehnen sich die Ermüdeten alle nach Hästia. Wenn die Deutschen, überall philosophirend, noch keine Philosophie der Kochkunst aufweisen, so kömmt es blos daher, weil sie nicht reich sind, und es auch nicht werden dürften, da, was zum Reichthum führt, List, Thätigkeit und Gewalt, ihnen fehlen.
[3] Ein Rechtsgelehrter, der drei Weiber während seines Lebens heirathete, pflegte zu sagen: er habe die eine propter opus, die andre propter opes, und die dritte, propter opem genommen.