Sie hielt ihnen so die schmählichen Verirrungen vom Pfade der Natur vor, machte einen Theil auf die Vorzüge des Anderen aufmerksam; dann schilderte sie das Glück einträchtiger Ehen, und wies auf die Nähe desselben, auf die Leichtigkeit, sich es zuzueignen. Alles wurde mit bildlichen Wendungen ausgeführt. Endlich langte sie noch den Dolch vom Boden auf, faßte den Griff mit voller Hand, lenkte die Spitze gegen ihren Busen, und betheuerte sich eher durchstechen zu wollen, ehe in irgend etwas zu willigen, das die Zufriedenheit eines ihr so theuren Paares stören könne.
Beide sahen Einander erst vor Beschämung nicht an, dann huben sie scheue Blicke empor, nun wurde Bewegung der Gefühle sichtbar, der Dolch endlich wirkte heroisch, und die innre Seelengüte gewann vollkommen den Ausschlag, da Flore beider Hände in einander wand, und beider Busen zusammenpreßte. Sie umarmten sich weinend, und sagten treue Liebe zu.
Was konnte Flore aber anders thun? Ihre Tugend warf ihr den Preis hoher Achtung ab, und noch bei weitem reichere Geschenke wurden ihr nun von beiden Theilen, aber das Geschick hatte es so gestellt, daß sie vortrefflich handeln mußte. So geräth bisweilen ein mittelmäßiger Feldherr in eine Lage, wo er den Lorbeer erringen muß; ein Minister kann dem Segen seiner Nation, wie die Umstände vorhanden sind, auch mit dem übelsten Willen nicht ausweichen; und eine Lukretia soll ein Meteor der Keuschheit sein, weil sie den Gemahl laut ihrer Empfindung mehr liebt, wie das Leben, und den Entehrer tiefer haßt, wie den Tod. Mancher wird der genauen Haushaltung wegen gerühmt, und hat in seiner kalten Seele keinen einzigen Anreitz zur kostspieligen Freude. Die Redlichkeit eines Staatsdieners lohnen Auszeichnungen, und sein gutes Auskommen ließ ihn in keine Gefahren der Geldnoth sinken, sein Thun wurde genau bewacht. Phaon preiset Agathen, die ihm Hymen diese Nacht in die Arme warf, daß sie trotz der Zeiten Verderb, unentheiligte Ehre in das bräutliche Bett trug, aber Agathe wurde von einem Vater, von einer Mutter erzogen, deren Aufsicht sie nie verließ, und nimmer kam ein übermächtiger Verführungsreiz in ihre Nähe. Und das Blut, die mehr kühle oder hitzigere Mischung der Säfte, die höher oder tiefer gespannte Erregbarkeit unserer Affekte, die das Verhältniß bestimmen, in welches wir gegen die äußeren Eindrücke, (deren Gebieter wir noch weniger sind) treten werden, sind sie eigne Schöpfung?
Die durchaus leutselige Natur des Bei, welche ihr sittlich sträfliches Aggregat nur im frühen Umgange verwilderter Soldaten angenommen hatte, konnte nicht anders, wie sich in der Versöhnung mit der Gattin höchst zufrieden fühlen, und noch weniger der Urheberin des neuen Glückes, Dank schuldig bleiben. Er bot Floren an, sie mit einem Emir seiner Bekanntschaft zu verheirathen, wenn sie zum Glauben Mahomeds übertreten wollte. Mir wäre das gleich, setzte er hinzu, aber dem Emir vielleicht, der Menge gewiß nicht. Uebrigens ist es ein wackrer wohlhabender Mann, und ich übernehme es, dich noch reich auszustatten. Du wirst hier glücklicher sein, wie auf der Halbinsel Europa, wo, wie man allgemein hört, so viele Narrheiten herrschen. Eine Sage, der auch schon jeder Glauben beimißt, der nur Eure lächerliche Kleidung, und eure affenmäßigen Manieren zu sehen Gelegenheit hatte.
Die Narrheiten, erwiederte Flore, räume ich ein, aber unsere Kleidung lasse ich nicht tadeln. Wir haben Modeschneider und Putzmacherinnen in Paris, die an ihrem Platze sind, was Racine, Montesquieu und Voltaire an dem ihrigen waren, die türkische Kleidung bleibt dagegen immer auf derselben Stufe. Nur das Talent zum Erlernen, nicht das Genie zur Erfindung kann da glänzen. Was übrigens den Vorschlag belangt, mich an den Emir zu vermählen, so danke ich gar sehr. Ich besitze schon einen Mann, und die einzige höchste Gunst würde mir gewährt, wenn ich wieder zu ihm eilen dürfte. Das Unglück eines Augenblicks hat mich nur zu lange schon von ihm getrennt. Ich weiß, du bist großmüthig genug, mich ziehen zu lassen.
Der Bei runzelte die Stirn ein wenig. — Dich ziehn zu lassen?
Gewiß, fuhr Flore fort, und damit ich keine Gefahr laufe, giebst du mir einige Soldaten mit, die mich bis an die ersten Wachen meiner Landsleute geleiten.
„Du forderst viel, beim Propheten; viel! Einem Franken Schutz und Milde erweisen, die Dienste, welche er uns gethan, reich belohnen, das geht wohl an, aber daß ein Muselmann den Franken wieder mit Geleit heimsende, wer darf das fordern? Er hätte ihm keine Gutthat erwiesen, wenn er ihm nicht lieb geworden wäre. Wer giebt gern das Liebgewonnene weg? Und wer wird es gar in die arge Welt der Franken zurückschicken?“
Edler Herr, ich bin mit der argen Welt zufrieden.
„Sahest du je, daß ein Muselmann etwas Aehnliches that?“