Sie schied mit tiefer Rührung, unter Tausend Thränen. Da sie auch den Bei und Fatmen weinen sah, fehlte nicht viel, sie hätte den Vorsatz geändert, und wäre geblieben. Wenigstens dürfte das unfehlbar geschehen seyn, wenn ihr in dem Augenblicke jemand hätte beweisen können, Ring sei in Cairo mit einer anderen verheirathet. So aber ermannte sie sich doch (erweibte, ist ein ungebräuchlich Wort, aber sagt oft viel) und sprengte davon. Im Schritt hinweg zu reiten wäre zu gefährlich gewesen, wegen des Umsehens, und der Anlockung, das Roß zu wenden.

Bin ich nicht eine Thörin, fragte sie sich unterwegs, den Aufenthalt des Wohlwollens, der Freundschaft zu fliehn? Wer weiß, ob mir das Leben je wieder so lächelt? Aber, setzte sie hinzu, Liebe und Vaterland winken dort, und was wär ich, wenn der Bei und Fatme einst stürben.

Innig freute sie die Erinnrung, die Stifterin eines schönen Vereins gewesen zu seyn, und ein gewisser moralischer Stolz erfüllte sie sogar, wie sie sich als Bekehrerin von schnöden Sünden betrachtete. Dabei dachte sie manches nach, über die unbegreifliche menschliche Schwäche, die oft neben den herrlichsten Charakterzügen wohnt, und zog sich Erfahrungssätze ab, die nicht zu verachten waren.

Dem alten Ibrahim erklärte sie: er würde von ihr nicht vergessen werden, wenn die Reise glücklich vollendet sei. Nicht er, nicht seine Kameraden.

Allein nicht er, nicht seine Kameraden waren noch so zuvorkommend, noch so unterwürfig wie daheim. Dort hatte Ehrfurcht vor dem Bei, (der bei aller Güte, bisweilen auch so strenge war, wie es bei dieser Menschenart Nothwendigkeit erheischte) alle schlimme Leidenschaften niedergehalten, nun war das anders, und sie ließen den Wechsel ihrer Gesinnungen in dem Maaße des weiteren Abstandes sichtbarer werden. Schon von Anfang her, hatte den Rohen der besondere Schutz nicht gefallen, welcher einem Ungläubigen in des Beis Hause wurde. Und nie hatten sie die Ungläubigen mehr gehaßt, als seitdem sie einen unglücklichen Krieg mit ihnen führten. Ihrer Meinung nach, hätte jeder Frank, der ihnen in die Hände gerieth, unter Martern sterben müssen, und sie rühmten den Bei Murat und den Pascha Gizzar wegen ihrer harten Gesinnungen. Die Floren gewordnen Geschenke regten vollends ihre neidische Mißgunst auf. Ihre einsilbigen Antworten, ihre unwilligen Blicke, und ihr Heimlichthun, fingen an, Florens Aufmerksamkeit zu wecken. Es stand ihr indessen kein Hülfsmittel zu Gebot, als der Versuch, ihre Begleiter durch Freundlichkeit, kleine Geschenke, und wiederholte Verheißung größerer, zu gewinnen. Der Versuch bewirkte aber nicht viel. Auf gute Worte gaben sie nichts, und was sie empfingen, schien ihnen immer noch nicht genug, und mit heißer Gier schauten sie nach dem Kameele hin, das Florens Habe trug.

Letztre sah wohl ein, daß ein treuloses Vorhaben gegen sie nur zu leicht auszuführen sei, sie bot also ihre ganze Erfindungsgabe auf, einem Verein entgegen zu wirken. Erstens kramte sie alles aus, was sie noch vom Coran behalten hatte, redete von nichts als dem Propheten, und seinen Geboten der Frömmigkeit, um den Sinn der Religion lebendig zu erhalten. Dann schloß sie sich an jeden Einzelnen insbesondre, nahm ihn auf dem Wege bei Seite, that als wenn sie für ihn ausgezeichnete Achtung empfände, und sagte ihm die meiste Freigebigkeit zu. Bei Nacht ordnete sie an, daß alles schlief, bis auf einen Wächter, so konnte sie den ihr gefährlichen Abreden entgehn, denn bei Tage hinderte sie sie ohnehin, und bei Nacht blieb sie bei dem Wächter auf. Allenfalls dachte sie, muß das schon sechs oder Acht Tage der Reise ertragen werden.

So erheiterte die Hoffnung sie wenig. Furcht warf ihre süßen Träume über den Haufen, und was das Schlimmste war, so half ihre Vorsicht auf keine Weise, denn der tükkische Plan war entworfen, ehe noch Florens Argwohn keimte.

Das steckte ihr einer der Kameeltreiber, da sie sich mit ihm unterhielt, und ihn durch einen Spruch aus dem Coran gewissenhaft gemacht hatte. Sie mußte ihm erst Heimlichkeit versprechen, und dann sprach er: Sieh zu deiner Sicherheit. Es ist verabredet, dich zu ermorden, und dein Gut zu plündern. Schon wäre es geschehn, wenn der Bei nicht Todesstrafe darauf gesetzt hätte, wenn wir kein Zeichen von den Franken brächten, dem er glauben könnte, du seist ihnen richtig übergeben. Wie sie dazu kommen sollen, berathen sie nur noch. Ich will um solchen Preis nicht gewinnen, sieh wie du den Vorsatz hintertreibest.

Flore gerieth in keine geringe Bestürzung, doch der Umstand mit dem Zeichen, beruhigte sie in Etwas. Das mußte doch immer eine Certifikation seyn, in französischer Sprache abgefaßt, und gehörig besiegelt. Der Bei hatte einen Syrer um sich, welcher französisch mit einiger Fertigkeit dolmetschte; mit einem Betrug durften sie nicht kommen. Und dies Certifikat war immer doch nur bei einer Truppenabtheilung zu erlangen, die einem Offizier, wenigstens einem Sergeanten gehorchte.

Sie redete nun auch oft davon, wie sie, wenn sich europäische Soldaten vorfinden würden, wohlthäten, sich vorher in einem Orte nach einem Trompeter umzusehn, der das friedliche Zeichen verlangter Unterhandlung gäbe. Denn sie müßten durch die ersten Posten, bis zu einem andern, wo ihnen der Schein für den Bei würde, ohne welchen sie ja, wie ihnen bekannt sei, daheim in großes Unglück gerathen könnten. Dabei sagte sie: es dürfte wohl noch vierzehn Tage währen, bis man ihre Landsleute ansichtig würde, ob sie schon der Hoffnung war, es könne schon in wenigen Tagen geschehn, oder wohl gar weit hinausgeschickte Streifpartheien ihr schon jetzt begegnen. Denn sie meinte, desto weniger fassen sie einen eiligen Entschluß, und werden vielleicht vor Ausführung des Frevels überrascht.