Außer daß die Gastwirthe unterwegs ziemlich dreist auf ihre Börse spekulirten, begegnete ihr nichts Erzählungswerthes auf dem Wege. Die Landstraßen sind gut, die Postillone fahren trefflich, der Ton ist in Frankreich voll Anstand gegen das andere Geschlecht, da können also die Frauen mit Bequemlichkeit und Dezenz reisen, wenn auch keine männliche Begleitung um sie ist, ein Schritt, bei dem es in Deutschland dagegen, Bedenklichkeiten genug giebt.
So rasch aber der Wagen fortgezogen wurde, je näher an Paris, je größer Florens Ungeduld. Feierlicher, heiliger wird die Heimath, wenn man aus einer weiten Entfernung zurückkehrt. „Werde ich von Ring hören? Ihn vielleicht gar finden? Werden meine Verwandten noch leben?“ Alle diese Fragen richtete sie ängstlich an das Geschick. —
Endlich erreichte man die letzte Post, auf der die Pferde unleidlich zu zögern schienen, ob sie der Postillon schon sehr eilig vorlegte. Endlich rollte die schwere Kutsche, mit Passagieren überfüllt, auch von dort weg. Flore setzte sich hinaus, auf das sogenannte Cabriolet, welches der Platz vor der Kutsche ist, um die freiere Aussicht nach der Stadt hin zu genießen, und sie eher wie von Innen zu sehn.
Oft täuschten sie Pappelbäume im Hintergrunde, die sie für die Thürme von Notredame, und wieder dicke Linden, die sie für die Dome von dem Pantheon, den Invaliden, oder Val de grace ansah. Endlich aber machte die Täuschung der Wahrheit Platz, die Zinnen lagen wirklich vor ihr, und von einem Hügel herab, war der ganze Prospekt, auf die breite, mit zahllosen, von Rauch und Dampf umhüllten, Häusermassen bedeckte Fläche. „Träumst du, Sultanin von Darkulla? Nein, da breitet Paris sich vor dir aus!“
Da sie nun in der Stadt angekommen war, und die Diligence vor ihrer Ausspannung anhielt, nahm Flore einen Miethswagen, und ließ sich in ein Hotel bringen. Bei Dame Beatrice, ihrer Tante, im Palais Royal vorfahren, das ging nicht mehr an. Auch über die Träume von Hoheit weggesehn, gehörte Flore zu der Zahl ehrsamer guter Frauen, und das Gesicht ward ihr immer heiß, wenn sie an die tiefe Vergangenheit dachte.
Sie hätte allenfalls den Abend erwarten, dann ins Palais Royal gehen, und zur Tante unbemerkt hinaufschleichen können. Aber auch das wollte sie nicht, aus Furcht, alte, nicht rühmliche Bekanntschaften, dort zu finden. Ihr Kammermädchen sollte übrigens auch ganz und gar nichts von einer gewissen Vorzeit erfahren.
Es wurde ein Lohnlakai zu Dame Beatrice geschickt mit der Ladung, sogleich ins Hotel N. N. auf das und das Zimmer zu kommen. Wer den Lohnlakaien schickte, das wußte er selbst nicht, die Bestellung war ihm unten im Hause gemacht worden, und die Tante sollte auch überrascht sein.
Das gab aber Anlaß zu einer sehr komischen Verwechslung. Dame Beatrice, nach einem Hotel berufen, was konnte sie meinen, das man von ihr wollte? Nicht doppelte Gänge zu haben, nahm sie gleich einige — Stickerinnen mit, die auch wohlgemuthet ins Zimmer traten. Darüber gerieth Flore in peinliche Verlegenheit, und es minderte die Freude des Wiedersehens. Zum Glücke aber kannten jene Novizen sie nicht, und wurden auf Florens Wink bald von der Alten beurlaubt.
Diese war außer sich vor Freude, verschwenderisch an Fragen, die keine Antwort erwarteten, und an Erzählungen, die nicht zu Ende kamen. Flore konnte keine Ruhe in ihr Gemüth bringen, und ehe man sichs versah, war Jene zur Thür hinausgesprungen und verschwunden.
Flore saß eine Weile allein auf dem Zimmer, und weinte, daß die Alte ihr nichts von Ring hatte sagen können.